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Gerhard Beckmanns Meinung – Gefährdet die SZ-Bibliothek die Zukunft der Taschenbuchverlage und des deutschen Buchhandels, wie Helge Malchow im SPIEGEL verkündet?

An SZ-Büchern sind seit ihrem Start binnen eines Monats 5,5 Millionen Exemplare vorbestellt worden – darunter etwa 50.000 Vorbestellungen auf die komplette Bibliothek von 50 Titeln: Das ist mehr als beachtlich. Es ist eine Sensation, welche anfängliche Zweifler, zu denen auch ich gehörte, Lügen gestraft hat.

Es wäre eigentlich ein Grund zur Freude.

Die Buchbranche wird jedoch wieder einmal ihrem Ruf gerecht, Sonnenstrahlen als Zeichen von existenzgefährdender Dürre auszugeben. Die Klima-Kassandra vom Dienst gibt diesmal Helge Malchow, Chef von Kiepenheuer & Witsch, einer unserer ansonsten vernünftigsten und erfreulichsten Verleger, in einem Interview des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL von letzter Woche.

Warum sind die Auswirkungen des SZ-Projekts laut Helge Malchow für den Büchermarkt bedenklich, um nicht zu sagen: schädlich bzw. gefährlich?

Hier seine Argumente:

1. „Mein Eindruck ist, dass die Buchhandlungen nicht glücklich sind über diese Entwicklung.“ Er sieht die Gefahr, dass sie dem Gesamtkomplex des deutschen Buchhandels – dem „mit Abstand besten Vertriebssystem in der ganzen Welt … schadet“, „zumindest langfristig“.

2. „Vor allem aber geht es gegen die Interessen der Taschenbuchverlage. Denn die SZ verkauft hochwertige Hardcover-Bücher für 4,90 Euro, und das liegt noch unter den Taschenbuchpreisen… Die Verlage schließen auch für ihre klassischen Autoren Taschenbuch-Verträge ab. Diese Taschenbuchverträge beinhalten zu Recht, dass die Ursprungsverlage keinerlei Ausgaben lancieren dürfen, die mit den Taschenbüchern konkurrieren. Aber genau das ist hier der Fall. Das heißt, hier wird ein Kampf gegen die Taschenbuchverlage eröffnet, und das kann nicht im Interesse des Buchhandels liegen, weil er auf die Taschenbuchverlage angewiesen ist.“

3. „ Auch die Autoren sind betroffen, denn bei diesem Projekt sind die Honorare sehr niedrig – für eine Hardcover-Ausgabe lächerlich niedrig.“

4. Den vorsichtigen Einwurf des Spiegel-Interviewers, die SZ-Bibliothek sei aber doch, „mindestens kurzfristig für die Käufer nützlich“ schmettert Helge Malchow ab: „Wäre sie repräsentativ, dann vielleicht. Wir haben hier aber eine Auswahl von Büchern, die nur vermeintlich als Bibliothek der klassischen Weltliteratur daherkommt. Es fehlen die Werke von Thomas Mann, Joseph Roth, Robert Musil und vielen mehr…“

Sind diese Einwände gegen die SZ-Bibliothek stichhaltig?

Entscheiden Sie bitte selber.

Der Reihe nach:

1. Wenn etwas Neues kommt, sind darüber nie alle glücklich, und so wird es in diesem Fall natürlich auch unzufriedene Sortimenter geben. Tatsache ist aber doch wohl: Der große Teil der Vorbestellungen und Verkäufe läuft über den klassischen Buchhandel. Die Sortimenter wären auch ganz schön blöd gewesen, dabei nicht mitzumachen. Von den Normalausgaben der betreffenden 50 Titel haben schätzungsweise nämlich im Schnitt Jahr um Jahr – statistisch umgelegt – bloß etwa fünf Prozent der nennenswerten Buchhandlungen nur je ein einziges gebundenes Exemplar, und lediglich etwa 20 Prozent jeweils bloß ein einziges Taschenbuch verkauft. Nun verkauft jedoch, nach jetzigem Zahlenstand, wiederum statistisch gesehen, jede nennenswerte deutsche Buchhandlung binnen weniger als einem Jahr von jedem dieser Titel ohne eigene Anstrengung drei bis vier Exemplare – weil eine große deutsche Tageszeitung für 50 wirklich gute Bücher, für welche ihre Verlage keinen müden Werbecent mehr ausgaben, eine gigantische Publikumswerbung betreibt, wie ohnehin kein Buchverlag sie sich leisten könnte – und die in den Buchhandlungen außerdem für eine höhere Kundenfrequenz sorgt. Bietet das Buchhändlern Anlass zum Unglücklichsein?

2. Bei diesen Werken handelt es sich um Backlist-Titel, die – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – vor 20 bis 40 Jahren erschienen sind und von denen in den kaum viel jüngeren Taschenbuchausgaben – wiederum bis auf ganz wenige Ausnahmen – pro Jahr durchschnittlich höchstens noch 300 Exemplare abgesetzt worden sein dürften. Was verlieren folglich die Taschenbuchverlage und Buchhandlungen nun an Umsatz? Praktisch keinen. Wem haben solche Taschenbuchausgaben noch gedient? So gut wie niemandem. Welche Bedeutung haben solche Taschenbuch-Lizenzverträge? Eine bloß noch theoretische . Welche Rolle spielt es also, wenn die Preise der SZ-Bibliothek „unter den Taschenbuchpreisen“ liegen? Die Antwort muss doch wohl lauten: Gar keine. Wieso kann dann behauptet werden, hier werde „ein Kampf gegen die Taschenbuchverlage eröffnet“? Und inwiefern ist das Geschäft des klassischen Sortiments „auf die Taschenbuchverlage angewiesen“ bei Titeln, die ihm nichts bringen, weil sie es kaum noch verkaufen?

3. Es ist wirklich angebracht, dass Verlage sich um den Verdienst der Autoren sorgen. Nur ist hier bestimmt kein Schriftsteller „betroffen“. Was nützte es ihm denn, so er für ein Taschenbuchrecht auf dem Papier optimale Konditionen genösse – die bei alten Verträgen außerdem so gewaltig hoch auch nicht sein dürften -, wenn es ihm, mangels Verkäufe, kaum Bares bringt? Über die Tantiemenbasis für die SZ-Bibliothek ist zwischen den Partnern Stillschweigen vereinbart worden. Ich gehe aber jede Wette ein, dass sie nicht wesentlich unter dem heute für Buchgemeinschafts-Ausgaben üblichen Satz liegt – also um die 4 Prozent vom Ladenpreis (minus Mehrwertsteuer) beträgt. Was – bei durchschnittlich 100.000 verkauften Exemplaren pro Titel zu 4,90 Euro Lizenzeinnahmen von rund 36.000 Euro ausmacht, von denen der Autor (wie bei Tb-Lizenzen auch) in der Regel 60 Prozent erhalten würde: also 21.600 Euro. Fragen Sie mal einen Autor, ob er diese Summe – schon gar im Vergleich zu den sonstigen peanuts – als „lächerlich niedrig“ empfindet. (Wobei noch anzumerken wäre: Laut Vertrag mit dem Autor ist der Originalverlag geradezu verpflichtet, alle zur bestmöglichen Verbreitung seines Werkes verfügbaren Maßnahmen zu ergreifen.)

4. Die SZ-Bibliothek kommt nicht, wie behauptet , als „Bibliothek der klassischen Weltliteratur“ daher, ist, ergo, den Lesern gegenüber kein Werbe-Etikettenschwindel. Sie bietet nur „große Romane des 20. Jahrhunderts“ an, und 50 Titel können, so oder so, immer nur eine Auswahl darstellen, also gar nicht in einer über jede Diskussion erhabenen Weise „repräsentativ“ sein. Inwiefern sollte das jedoch ihre (noch dazu lediglich als „kurzfristig“ angesprochene) Nützlichkeit für Käufer beeinträchtigen? Den Pferdefuß seiner Scheinlogik zeigt Helge Malchow mit dem als Beweisführung gedachten Zusatzhinweis: „Es fehlen die Werke von Thomas Mann, Joseph Roth, Robert Musil und vielen andern.“ Das sind nämlich Autoren von Buchverlagen der Holtzbrinck-Gruppe (zu der auch Kiepenheuer & Witsch zählt, der die Joseph Roth-Rechte hält), die sich geweigert hat, Backlist-Rechte aus deren Beständen für die SZ-Bibliothek freizugeben. Und den Grund dafür pfeifen die Spatzen von den Dächern: Schon vor etwa einem halben Jahr, so wissen andere Buchverleger zu berichten, ging die Wochenzeitung DIE ZEIT mit ähnlichen Plänen wie die Süddeutsche Zeitung schwanger. (Ist sie damit noch immer nicht niedergekommen, weil ihr Feuilleton sich vielleicht auf keine ihr genehme „repräsentative“ Autoren- und Titelliste einigen konnte?) Die ZEIT wiederum, der die Süddeutsche Zeitung nun die Show gestohlen hat, gehört ebenfalls zum Holtzbrinck-Konzern. Niemand wird unterstellen wollen, dass Helge Malchow in seinem SPIEGEL-Interview da in die Fanfare des Konzerns gegen ein Konkurrenzunternehmen stieß. Man darf jedoch anmerken, dass es nicht sonderlich geschickt war, auch nur den Eindruck zu erwecken, dass es so sein könnte.

In diesem Zusammenhang ist schließlich zu bedauern, dass Malchow, um seinem Tenor einen Anschein von Substanz zu verleihen und Gehör zu finden, ein Bild der Branche bemüht, an dem viele, zumindest nach außen hin, festhalten möchten, obwohl es der Wirklichkeit längst nicht mehr entspricht.

Die niedrigpreisige SZ-Bibliothek ist ein Phänomen des „mass market“, dem sich die deutschen Verlage, aus welchen Gründen immer, in seltener Einmütigkeit mit dem gesamten deutschen Kulturbetrieb bislang verschlossen haben, als sei es ein modernes Übel, das als kultureller Ausverkauf zu brandmarken sei.

Der „mass market“ ist, anders als bei uns gewöhnlich noch immer getan wird, doch keine Geschichte vom billigen Jakob. Er reflektiert einfach die Bedürfnisse, Kaufgewohnheiten und materiellen Möglichkeiten von breiten Teilen der Bevölkerung – mit allen Ansprüchen, auf allen Niveaus, inklusive Kultur, die besondere Ware Buch und selbst hohe Literatur. Dagegen Reden zu schwingen, ist weltfremd und leider oft eine Form von Camouflage.

So offeriert die SZ-Bibliothek schlicht besonders preiswerte Sonderausgaben von guten, alten Romanen – Sonderausgaben, wie sie, meist als Lizenzen von alten Rechten vieler Verlage, im klassischen Sortiment inzwischen massenhaft breit angeboten werden. Sie laufen gemeinhin, neben ebenfalls drastisch zunehmenden Reste- und Mängelexemplaren unter dem Begriff Modernes Antiquariat, über das die Branche gern schamhaft schweigt. Sein Anteil am gesamten deutschen Buchumsatz liegt bereits doppelt bis dreifach höher als es die offiziellen Zahlen zu erkennen geben. Bevor man die SZ-Bibliothek angreift und verteufelt, um das Ideal des „besten Vertriebsweges in der ganzen Welt“ zu beschwören und es dabei mit stumpfen Waffen verteidigt, wäre es ratsam, die Realitäten des deutschen Verlags- und Sortimentergeschäfts zu reflektieren – und sich damit endlich wieder auch auf die real existierenden Käufer und Leser von Büchern zu besinnen.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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