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Gerhard Beckmanns Meinung – BMW und Ford spannen Unterhaltungsliteratur in Werbung für Autos ein

In Spionagethrillern scheinen Statussymbole schon immer eine Rolle gespielt zu haben. Dass die Uhrenfirma zu Werbezwecken Exemplare solcher Romane gekauft hätte, in denen der Held eine Patek Philippe am Arm trug, ist allerdings nicht bekannt.

Ich war überrascht, als gegen Ende der 1970er Jahre Herr Underberg anrief. Er hatte in einem von mir beim Marion von Schröder Verlag herausgebrachten Spitzenthriller Len Deightons, der zum Teil in Deutschland spielte, gelesen, wie der Held nach einer brenzligen Situation zur Magenberuhigung einen Underberg nahm – und überlegte nun, ob er 300 – 400 Exemplare des Romans für Werbezwecke kaufen sollte. Er hat es am Ende doch nicht getan.

Knapp dreißig Jahre später kam er, der neuartige Medienskandal aus dem Kulturbetrieb. Fay Weldon – „die frivolste Vertreterin intelligenter Frauenliteratur“ aus England – hatte wieder einen ihre spannenden, witzigen Romane über Liebe und Verrat geschrieben: begangen von einem reichen Herrn mit silbergrauen Schläfen in Lust auf ein blühendes Glamourgirl; erlitten von einer vernachlässigt welkenden Ehefrau mittleren Alters. Im Wendepunkt dieses Werks nun fällt der Scheinwerfer einer Auktion auf das Portrait einer herrlichen Society-Lady Dame mit kostbarer Bulgari-Halskette. Warum auch nicht.

Dann kam freilich heraus, dass Fay Weldon für dieses Kunststück von Bulgari Geld erhalten hatte. Wie viel, weiss bis heute keiner. Es muss aber wohl eine Stange gewesen sein. Denn der Luxusjuwelier schaffte es mit solchem „product placing“ bis in den Titel . Der Roman heisst auch auf Deutsch Die Bulgari Connection.

Dieses war der erste Streich, und der zweite…

Von Carole Matthews sind auf Deutsch bisher nur zwei, wenig beachtete Romane erschienen: Ein Cappucino mit Folgen und In guten wie in schlechten Tagen. In Großbritannien aber ist sie erfolgreich und bekannt; in den Vereinigten Staaten hat diese englische Verfasserin heiterer, „von Herzen geschriebener“ Unterhaltungsliteratur bereits hohe Bestsellerplätze erklommen.

Ihre kommenden zwei Romane und Kurzgeschichten werden ein Novum bieten: das erste richtig deftige „product placement“ von Seiten der Autoindustrie. Sie wird von Ford dafür bezahlt, den Fiesta gebührend positiv in die Handlung einzubauen. Denn, so erklärt laut Sunday Telegraph die Sprecherin dieses Autoherstellers, eine Kernzielgruppe sind für den Fiesta aufgeweckte junge Frauen, also genau die Leserinnen, die Carole Matthews mit ihren Werken bedient und in hohem Masse erreicht.

Unter britischen Schriftstellern ist sofort Skepsis und Missbilligung laut geworden. „Product placement zerstört die Beziehung der Leserschaft zum Buch“, meint da etwa Celia Rees.

Aber inzwischen sei doch alles kommerzialisiert, hält Carole Matthews dagegen. „In Zeitschriften finden sich werbegesteuerte Artikel. Rundfunk- und Fernsehprogramme werden von Unternehmen gesponsort. Warum denn nicht auch Bücher? Das Buchgeschäft ändert sich. Es wird härter. Man muss alle Möglichkeiten nutzen.“

Die Literaturagentin Ali Gunn, die da einen neuen Trend sieht, hat gegen alle Kritik schon eine weitere Rechfertigung parat: „Die Medien sind wohl der Meinung, Romanautoren müssten ihr Dasein in einer Mansarde ohne Heizung fristen. Doch für einen Schriftsteller, der kaum über die Runden kommt, bietet sich hier eine fantastische Chance zum Geldverdienen.“

Das ist gut gesagt, aber schlecht gedacht. Denn Schriftsteller(inne)n, die nichts zu beißen haben, weil ihre Bücher keine Leser finden, wird solche Chance sich kaum je bieten. Auch hier wird sich wieder der alte Spruch bewahrheiten: Wer hat, dem wird gegeben. Bei wem hat denn etwa wohl BMW den (gewiss gut bezahlten) Kurzroman als Werbeschrift für den Mini in Auftrag gegeben, der kostenlos verteilt wurde – natürlich einer Erfolgsschriftstellerin , der auch hier zu Lande in Bestsellerehren stehenden Krimi-Autorin Val McDermid.

Die britische Autorengewerkschaft Writers Guild sieht eine ganz andere Gefahr heraufziehen. Man mag es billigen oder nicht, aber solange Schriftsteller aus eigenen freien Stücken solche Deals eingehen, ist das eine Sache. Was aber, wenn nun Verlage auf die Idee kämen, ihrerseits ähnliche Abkommen zu treffen, etwa für ganze Programmsegmente, mit Konzernen wie Coca Cola, und ihre Autoren entsprechend verpflichten würden? Dann wäre es mit der Freiheit des freien Schriftstellers vorbei…

Coca Cola?

Wäre da vielleicht nicht ein Riesendeal für eine ideale breite Zielgruppe denkbar – mit einem Kinder- und Jugendbuchverlag?

Weit hergeholt?

Wie der Sunday Telegraph auch zu berichten weiß, hat sich ein großer Schokoladehersteller wegen „product placement“ bereits an die Autorin Jenny Colgan gewandt. Gut, die schreibt, wie Carole Matthews, ebenfalls Unterhaltung für ein junges Frauenpublikum, das bekanntlich auch eine Schwäche für Schokolade hat. Und von da bis zu Kindern….

Übrigens, Jenny Colgan hat das Angebot abgelehnt. Von ihr sind hier zu Lande die Romane Auf Rosen gebettet und Amandas Hochzeit erschienen – bei Goldmann Verlag. Nein, das ist jetzt keine Schleichwerbung für einen Random House-Verlag. Die deutschen Verlage von Fay Weldon Carole Matthews und Val McDermid habe ich nicht genannt, damit nicht wieder gleich einer auf die flinke Idee kommt, sie seien an solch dubiosem lukrativen „product placement“ irgendwie beteiligt. Sie haben damit nämlich absolut nichts zu tun.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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