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Gerhard Beckmanns Meinung – Branchenorakeleien für 2004

Christian von Zittwitz, Herausgeber und Chefredakteur von BUCHMARKT und dieser seiner Homepage, war enttäuscht, weil ich in dieser Kolumne zum Auftakt des neuen Jahres nicht all das aufschrieb, was ich mir 2004 für die Branche wünsche. Das hatte er angeregt, erhofft und ich prompt zugesagt – leichtfertig, wie sich herausstellte. Denn – ich muss es leider gestehen – trotz etlicher Versuche ist es mir nicht gelungen, aus solchen Desiderata einen befriedigenden Text zu machen. Die Hauptschwierigkeit lag schon im Ansatz: Wer bin denn ich zu verkünden, was ich ausgerechnet mir für die Branche wünsche? Und wenn sollte das schon interessieren?

Also habe ich nach vielen Gesprächen mit Verlagsleuten und Buchhändlern Inventur gemacht, was sie sich wünschen. Wobei – „wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall“, sagt ein altes Sprichwort – vor dem, was die einen sich wünschen, den anderen graust. So entstehen Hoffnungs-/Angstszenarien – der Stoff für Horoskope und Orakel, über die Michael Wood just eine wunderbare Kulturgeschichte veröffentlicht hat („The Road to Delphi: The Life and Afterlife of Oracles“, bei Chatto in London).

Worin besteht die rätselhafte Faszination solcher Projektionen – „Prognosen“ – , die, wie wir doch alle wissen, so gut wie unmöglich sind, „vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen“, um die satirische Witzelei von Oscar Wilde zu zitieren? Weil sie unser Drängen und Treiben, die Trends und Tendenzen unseres Wollens und Tuns stets in ihrer Doppeldeutigkeit sehen und verschlüsseln: als Chance wie als Gefahr, als Scherz, Satire, Ernst und tiefere Bedeutung, als Sinn und Unsinn, die jeder nur für sich selbst deuten und austarieren kann. In einem solch unzuverlässigen, verhexten Aufrühren von Hoffnungen und Befürchtungen, Wünschen und Ängsten hier nun also ein orakelndes Branchenkalendarium für das eben angelaufene Jahr.

JANUAR

Auf ihrer Jahrestagung in München vereinbart die Arbeitsgemeinschaft der Publikumsverlage (AGPub), wegen der unerfüllbaren ruinösen Honorarforderungen des Übersetzerverbandes (VdÜ) ab 2007 in ihren Programmen weitgehend auf fremdsprachige Werke zu verzichten. Der Verband Deutscher Schriftsteller (VDS) jubelt – „eine Garantie, dass die Verdrängung heimischer Autoren durch globalistisch nivellierende Importe ein Ende findet“. Der VdÜ kündigt den Gang zum Gericht an, notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Die Dachgewerkschaft ver.di hat Mühe, Saalschlachten zwischen Mitgliedern ihrer zwei Unterorganisationen zu verhindern.

FEBRUAR

Aldi, Lidl, Schlecker, die Supermarktketten und Tankstellen geben nach einem Geheimtreffen, von dem als erstes Branchenorgan BuchMarkt erfährt, ihren Plan bekannt, den Verkauf von Büchern „wegen unauskömmlicher Rabatte“ einzustellen

Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung öffnet sich – mit wöchentlich einer ganzen Seite kritischer Berichterstattung aus Konsumentensicht – für die Ratgeberliteratur.

MÄRZ

Die Süddeutsche Zeitung zieht mit einer Seite über Bücher zur Lebens- und Sterbehilfe in ihrer Wochenendbeilage nach.

„Die Zeit“ folgt mit einer regelmäßigen Seite über wichtige, klassische MA-Titel mit dem Schwertpunktthema: Wie man sich ohne Kochen und Essen richtig ernährt (Diätbücher).

Die großen Verlage kommen überein, in Solidarität mit den geistig bedeutenden, materiell unbemittelten kleinen unabhängigen Häusern auf alle geldwerten Formen der Point of Sale-Werbung zu verzichten. „Über den Erfolg sollen in Zukunft einzig und allein die Qualität des Buches und das Interesse der Kunden entscheiden.“ Bundespräsident Rau verleiht daraufhin „für Pionierleistungen zum Erhalt des kulturellen Lebens“ den Orden Pour le Merite an Liz Mohn (Bertelsmann), Dieter von Holtzbrinck (Droemer, Kiepenheuer & Wirsch, S. Fischer, Rowohlt), Johan Bonnier (Gruppe Ullstein, Piper, Carlsen), Michael Klett, Ernst Thielebier-Langenscheidt und Thomas Ganske (HoCa, GU).

APRIL

Die UNESCO gibt einem Antrag der rotgrünen Bundesregierung statt, den Welttag des Buches in Deutschland ab 2005 zu verlegen, damit er nicht mehr auf Ostern (Diskriminierung nicht-christlicher religiöser Minderheiten) fallen kann. Sie akzeptiert deren Vorschlag, ihn am Muttertag zu feiern, weil heute „die für das Bücherlesen wesentliche Zielgruppe aus Frauen besteht“.

Der von CDU und CSU dominierte Bundesrat – „Kultur ist Ländersache“ – begrüßt die Initiative, weil der Welttag des Buches somit auch nicht mehr mit dem Welttag des Bieres koinzidieren kann, sieht darin andererseits aber eine Diskriminierung des männlichen Geschlechts und stimmt dafür, bei der UNESCO einen Zusatzantrag zu stellen, den Welttag des Buches auf die Zeit von Mutter- bis Vatertag auszudehnen.

MAI

Die Hauptversammlung des Börsenvereins beschließt mit knapper Mehrheit, sich zugunsten einer stärkeren Nutzung seiner Finanzkraft für die Überlebensinteressen der durch den Strukturwandel der Branche gebeutelten Mitglieder von seinen Frankfurter und Leipziger Immobilien zu trennen.

Zum neuen Vorsteher des Börsenvereins wird – der Verband verordnet sich, mit 49 Prozent Gegenstimmen seitens der Delegierten, eine effizientere Struktur und schlankere Organisation – ein Manager der Unternehmensberatung McKinsey gewählt, der sich am Vorabend der Tagung durch die Übernahme der Imprints Diana und Manhattan (vorher Random House Deutschland), Argon und Goverts (bis dato S.Fischer/ Holtzbrinck) sowie Kabel und Marion von Schröder (früher zur Bonnier-Gruppe Ullstein Econ List) als Verleger qualifiziert hat.

JUNI

Rudolf Braun-Elwert klagt beim Amtsgericht Wiesbaden gegen Unbekannt wegen Urheberschaft des Branchengerüchts, er wolle die deutschen Buchhändler in einem eigenen, separaten Verband mit Sitz in Bad Oldesloe zusammenfassen. Das Gerücht entstand angeblich aus durchgesickerten Überlegungen der privaten Fluggesellschaft Flash Air für einen Shuttle-Service zwischen Marburg und der schleswig-holsteinischen Kreishauptstadt zur Unterstützung des geplanten Großflughafens Kaltenkirchen.

JULI

Thalia und die Mayer’sche beschließen, mit Buchprogrammen zur Eigenversorgung ihrer Filialen selbst verlegerisch aktiv zu werden und sich wie Hugendubel, der bereits eigene Verlage führt, und der Versender und Kleinflächenfilialist Weltbild, der die früher konzerneigenen Ratgeberverlage wieder aus dem Verbund mit Droemer/Holtzbrinck abziehen will, als Unternehmen mit vertikalen Wertschöpfungsketten einem neu zu gründenden Deutschen Verlegerverband anzuschließen.

AUGUST

Der BDI optiert Diogenes, Wagenbach und Graefe & Unzer zu Ehrenmitgliedern. Begründung: „In einem Produktbereich, der auf Grund seiner individuellen Vielfalt hier besondere Schwierigkeiten bereitet, haben diese drei Verlage eine für die gesamten Mittelstand beispielhafte Markenbildung geleistet.“

Markus Conrad verkündet für Libri die Übernahme sämtlicher Transportkosten, worauf Oliver Voerster für Knoe/KV die kostenlose Rücknahme allen Verpackungsmaterials zusichert.

SEPTEMBER

Die Groß- und Ratgeberverlage sowie führende MA-Anbieter arbeiten zur Unterstützung des Förderungsprogamms „Kapital für Arbeit“ an Konzepten, um einen Straßenverkauf für Bestseller und Massentitel zu organisieren, der ihre schmerzlichen Umsatzeinbußen nach Wegfall der Nebenmärkte (siehe Februar) wettzumachen. Florian Gerster, scheidender Chef der Bundesagentur für Arbeit, wertet solche Pläne als „Signal für innovative Maßnahmen zum Abbau der Massenarbeitslosigkeit in Bevölkerungsgruppen mit niedrigen beruflichen Qualifikationen“.

OKTOBER

Volker Neumann versichert anlässlich der Begrüßung der diesjährigen Gastländer aus dem arabischen Raum auf der Frankfurter Buchmesse, dass entgegen Verdächtigungen aus dem Sortimenterausschuss keinesfalls eine Messegestaltung nach dem Muster des Zentralbasars von Casablanca geplant sei.

Der Lyriker Durs Grünbein lehnt den „Corine“-Preis für sein Lebenswerk ab und lässt über seine Verlegerin Ulla Berkéwicz-Unseld verlautbaren, dass er den Deutschen Bücherpreis ebenfalls ablehnen würde, mit der Begründung: „Beide Literaturpreise sind weder eine verkaufsfördernde Autorenauszeichnung noch ein würdiger Event.“

NOVEMBER

Der russische Schriftsteller Dmitri Jemetz erobert mit seiner Harry Potter-Parodie „Tanja Grotter und der goldene Blutegel“ Platz Eins der deutschen Bestsellerlisten. Der amerikanische Film- und Buchkonzern Warner Brothers und J.K. Rowling erwirken wegen Schädigung ihrer Geschäftsinteressen ein gerichtliches Verbot aller Bestsellerlisten im deutschsprachigen Raum.

Aus Protest gegen „solchen Eingriff neoliberaler merkantiler Kräfte in das deutsche Geistesleben“ drohen „Spiegel“ und „Focus“ mit der Einstellung ihrer Kulturteile.

DEZEMBER

Joachim Unseld (Frankfurter Verlagsanstalt) wird zum Verleger des Jahres gekürt.

Das Weihnachtsgeschäft bringt dem Buchhandel, nach einem generell befriedigenden Jahresverlauf, ein Umsatzplus von 3,1 Prozent.

In seiner Sylvester-Fernsehansprache bedankt sich der neue Bundespräsident Wolfgang Schäuble bei seinem Vorgänger, dem ehemaligen Buchhändler „Bruder“ Johannes Rau, und ruft die deutsche Bevölkerung auf, auch 2005 die einzigartigen Qualitäten des Buches für sich zu nutzen.

Ab Januar wird Harald Schmidt freitags um 22.30 auf RTL eine 45minütige wöchentliche Büchersendung präsentieren.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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