Das sind Fragen, die Volker Hasenclever und mich – übrigens, nicht nur uns – zunehmend beschäftigen, und darum möchten wir sie hier gemeinsam mal zur Diskussion stellen .
Lassen Sie uns mit einem akuten Problemfall beginnen, mit dem „Haus des Buches“ in Leipzig.
Eine traurige Geschichte
Diese Immobilie des Interessenverbandes deutscher Buchhändler und Verleger ist ohne jeden Zweifel eine Reingeburt der Vereinigungseuphorie nach 1989. Es waren nicht ökonomische Vernunft und rationales Denken, sondern branchennostalgisches Emotionsmarketing für den „Leipziger Platz“ sowie die unkontrollierten Spekulationssüchte einiger Verbandsfunktionäre, die diesen Neubau im einstigen Verlags- und Druckereiviertel verursachten, wo statt der verheißenen „blühenden Landschaft“ auch heute noch dürre Birkenbäumchen auf den Dächern umliegender Gebäude stehen. Und es herrscht dort ein so dichtgedrängtes, kreges Treiben, dass für die einzige nahe gelegene Gaststätte schon wieder ein neuer Pächter gesucht werden muss.
Auf dem Grundstück, wo bis zu seiner Zerstörung im Jahre 1943 das Deutsche Buchhändlerhaus stand – Sitz des Börsenvereins – wurde im März 1996 ein höchst unbescheidener Neubau mit einer Investitionssumme von 42 Millionen DM eingeweiht. Man wolle, so der damalige Vorsteher Gerhard Kurze, dass das Medium Buch unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen auch weiterhin eine gewichtige Rolle im Erscheinungsbild von Leipzig spiele. Gebaut wurden dafür 11000 qm Büro- und Veranstaltungsfläche .
Die meisten der damals gewichtigen Verlage sucht man allerdings heute in der Stadt vergebens: Kiepenheuer, Insel, Teubner sind längst bei den Verlagen, die sie gekauft haben, eingezogen. Henschel und Seemann bleiben der Stadt wohl nur verbunden, weil die Stadtsparkasse Miteigentümer ist.
Das angrenzende Gebäude, in dem vormals der Börsenverein der DDR residierte – es gehört ebenfalls zum Immobilienbesitz des Verbandes – steht übrigens nach wie vor leer und harrt noch immer auf ein Nutzungskonzept und Sanierungsmassnahmen.
Das insgesamt 8000 qm große Grundstück war übrigens 1885 dem damaligen Verband vom Leipziger Oberbürgermeister Georgi geschenkt werden mit der Verpflichtung, es schuldenfrei zurückzugeben, falls der Verein seinen Sitz verlege oder zweckentfremde.
Die Entscheidung für den Neubau war schon damals unter den Mitgliedern nicht unumstritten, allerdings fanden die kritischen Stimmen in den Gremien keine Mehrheit.
Was ist nun aus diesem Haus des Buches geworden?
Es beherbergt die Geschäftsstelle des Landesverbandes Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen im Börsenverein. Die Funktionen einer Geschäftsstelle der Frankfurter Zentrale werden demnächst von der Berliner Dependance übernommen; das Personal ist bereits entlassen. Im Klartext: Der Börsenverein selbst hat für die Immobilie mittlerweile keinerlei Verwendung.
Nun kann man Immobilien bekanntlich auch vermieten. Also gut: Das Leipziger Haus des Buches ist heute Sitz einiger kleinerer regionaler Verlage, einer Versandbuchhandlung, von Softwarefirmen und Anwaltskanzleien, der Kurt-Wolff-Stiftung, der Leipziger Umweltbibliothek, dem Regionalbüro der Gesellschaft der bildenden Künstlerinnen, der Schriftstellergewerkschaft und einigem mehr. Außerdem beherbergt es das städtische Kulturamt, was wenigstens für einen Teil der Mieteinnahmen eine gewisse Langfristigkeit sichert. Doch der Leerstand wächst.
Auf der Hauptversammlung in Würzburg im Mai 2001 musste der Hauptgeschäftsführer Harald Heker bereits mitteilen, dass das Haus des Buches dem Börsenverein einen Verlust von 4,5 Mio DM eingebracht habe.
Die Veranstaltungsräume werden zwar für vielfältige Ereignisse genutzt. Eine irgendwie zentrale Rolle im kulturellen Leben der Stadt hat das Haus – wiederum entgegen allen ursprünglichen Annahmen – dadurch freilich nicht gewonnen. Zwar würde, wie die „Leipziger Volkszeitung“ berichtete, das Haus „an 200 Tagen im Jahr ‚bespielt’. Viel Platz für Highlights aus dem nationalen und internationalen Literaturbetrieb bleibt indessen nicht.“ Die literarisch interessierte Öffentlichkeit trifft sich eher im Kuppelsaal der Stadtbibliothek.
Der Börsenverein hatte recht hohe Mieteinnahmen erwartet – zu optimistisch, wie schon anfangs Fachleute warnten. Sie sind inzwischen auf einen Bruchteil der erhofften Summe geschrumpft. Der Zuschussbedarf aus der Frankfurter Zentrale nimmt Jahr um Jahr zu.
Noch stehen dafür Mittel zur Verfügung. Denn – und wie’s dazu kam, das ist eine Geschichte für sich – zur Übernahme der Defizite ist die Ausstellungs- und Messe GmbH verpflichtet worden, und sie erwirtschaftet ja aus dem Betreiben der Frankfurter Messe Gewinne, die nun – mit welcher Berechtigung eigentlich? – dafür herhalten müssen; wie übrigens auch (wieso das?) für den Unterhalt der gleichfalls alles andere als bescheidenen Berliner Büros des Börsenverbands. Den Ausstellern der Frankfurter Buchmesse, die schließlich auch dafür zahlen, sei gedankt.
Mit diesem Haus des Buches haben der jetzige Vorstand wie das heutige Hauptamt des Börsenvereins wahrlich kein leichtes Erbe übernommen. Ob sie aus dem Vertrag mit der Stadt Leipzig, das Grundstück und seine Nutzung betreffend, überhaupt herauskönnen, ist eine Frage. Außerdem scheint das Gebäude schwer verkäuflich; keiner scheint’s angeblich so recht haben zu wollen.
Das Leipziger „Haus des Buches“ ist für den Börsenverein zu einer Katastrophe geworden.
Aktuelle Fragen
Eine Teillösung des Problems zumindest wäre denkbar, wenn der in Frankfurt amtierende Börsenverein – statt sich mit Überlegungen für ein neues Domizil dort zu tragen – das Leipziger Haus für sich selber verwenden würde.
Mit Ausnahme des Bereiches, der sich direkt um die Frankfurter Buchmesse kümmern muss – also von der Ausstellungs- und Messe GmbH abgesehen – ist ja kein Teil des Verbandes wie seiner Wirtschaftsunternehmen an Frankfurt gebunden.
Alle Gedanken an einen Umzug einzelner Teile sind jedoch bislang verworfen worden. Zwar gab es bereits im Vorfeld des Würzburger Offenbarungseides am Großen Hirschgraben Überlegungen, so der damalige Pressesprecher Eugen Emmerling gegenüber der „Frankfurter Rundschau“, „wie wir unsere Standorte optimieren“ – eine Diskussion, die im Frankfurter Rathaus mit Sorge beobachtet wurde. Gegen das Angebot Leipzigs, sich bei Verlagerungen auch finanziell zu engagieren, vertraute die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth auch weiterhin, wie sie verlauten ließ; „auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Börsenverein“.
Das „Buchhändlerhaus“ in Frankfurt gehört gleichfalls zum Immobilienbesitz des Verbandes bzw. seiner Wirtschaftstöchter, ebenso wie das wenige hundert Meter entfernte „technische Buchhändlerhändlerhaus“, das von der BAG und IBU sowie der VLB-Redaktion genutzt wird. Das angrenzende Gebäude ist Sitz der AuM und in deren Besitz.
Von diesen Gebäuden möchte man sich trennen, weil der Raum der Verbandsadministration zu klein ist.
Aber: Die Mitgliederschaft des Börsenvereins befindet sich in einem schmerzlichen Schrumpfungsprozess.
Muss man sich angesichts solcher Tatsache nicht zunächst einmal fragen, ob die Verbandsadministration und die Wirtschaftsbetriebe des Börsenvereins zu groß sind und neu zu strukturieren wären?
Die Stadtverwaltung hat im Rahmen der Verhandlungen um dem Verbleib der Buchmesse in Frankfurt dem Verband ein Gebäude aus eigenem Besitz angeboten, ein „wahres Schnäppchen“, wie es heißt. So könne man auf dazugemietete Räume verzichten. Um dieses Sonderangebot zu nutzen, wären die jetzt vorhandenen Immobilien des Börsenvereins und der AuM zu verkaufen, damit Um- oder Neubau finanziert werden könnten.
Kritische Stimmen fragen allerdings, ob für die Verbandsarbeit überhaupt Immobilienbesitz erforderlich sei, da er ja die eigentlich notwendige Flexibilität der Organisation in einer Situation der Umstrukturierung der Branche eher beschränken würde.
Zum übrigen stehen in Frankfurt mietbare – also ohnehin leer stehende – Gewerberäume in größerem Umfang zur Verfügung .
Befürchtungen, dass die Leipziger Verhältnisse sich im Rahmen einer neuerlichen falschen Gesamtverbandseuphorie wiederholen könnten, sind wohl nicht von der Hand zu weisen.
Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.







