Es ist die originellste, aber auch verrückteste Form der literarischen Publikation, von der ich je gehört habe.
Die 40jährige Shelley Jackson aus New York ist bisher hervorgetreten als Autorin und Illustratorin von Kinderbüchern, mit einem Band beeindruckend schräger Erzählungen („The Melancholy of Anatomy“) sowie „hypertext novels“ – ein mixtum compositum aus Text und Internetkunst auf CD-Roms -, die in den Vereinigten Staaten Mitte der 1990er Jahre der letzte avantgardistische Schrei waren. Ihre Hypertext-Werk „Patchwork Girl“ – eine radikale Umdeutung von Mary Shelleys „Frankenstein“, dem ersten, legendären Horror-Roman der Literaturgeschichte – hat heute Kultstatus.
Hauptmerkmal von Shelley Jacksons Arbeiten: die ebenso faszinierende wie schockierende literarische Visualisierung des Körperlichen. Begleitphänomen ihres Avantgardismus: eine wachsende Verachtung der konventionellen Vertriebswege, sprich: von Verlagen und Buchhandel. Mit ihrer neuesten Publikation hat sie beides zusammen auf einen radikalen Punkt getrieben.
Es handelt sich um eine Short Story. Von der hat Shelley Jackson in Eigenregie eine limitierte Auflage von 2.095 Exemplaren drucken lassen, die sie selbst vertreibt. Ein Exemplar erhalten nur diejenigen, die sich ein Wort aus dieser Short Story von der Autorin eintätowieren lassen. An welcher Hautstelle des Körpers, das kann der „Kunde“ selbst entscheiden. Das Wort bestimmt die Autorin. Ja, Sie haben richtig geraten: Die Short Story besteht aus 2.095 Wörtern. Und der Titel der Short Story heißt, selbstverständlich, „Skin“ (Haut).
Wie aber findet Shelley Jackson ihre Kunden? Klar, über Internet und – schließlich handelt es sich um eine sensationell einmalige Sache – Berichterstattung in den Medien. Ich habe sie im Londoner „Observer“ gelesen, der meldet, dass sich bereits über eintausend Interessenten aus Nord- und Südamerika, Europa und Asien bei Shelley Jackson gemeldet haben – darunter auch etliche Gruppen von Freundinnen und Freunden, die darum bitten, nacheinander die Wörter eines vollständigen Satzes eintätowiert zu bekommen – eine neue Art literarischen Bondings.
Ihnen allen winkt ebenfalls eine völlig neue Art von literarischer Berühmtheit. Shelley Jackson plant nämlich eine große Ausstellung mit (natürlich künstlerischen) Fotos von den Gesichtern der Tätowierten, in der Reihenfolge der Wörter ihres „Skin-Textes“, gruppiert nach den Absätzen der Short Story. Die tätowierten Körperstellen werden nicht gezeigt – so etwas würde ja den Inhalt der Erzählung verraten.
Ach ja – wer sich tätowieren lässt, erhält den kompletten Text von „Skin“. Er muss vorher allerdings einen Vertrag unterzeichnen, in dem er sich verpflichtet, „Skin“ strikt für sich zu behalten und auf keinen Fall (auch nicht etwa auf der eigenen Homepage) zu veröffentlichen.
Shelley Jackson – Absolventin des Creative Writing-Kurses unter der Leitung des berühmten Schriftstellers Robert Coover an der amerikanischen Brown University – ist ein Genie. Bisher leiden literarische Avantgardisten meistens darunter, dass sie von Verlagen und Buchhandel ausgeklammert und vom Lesepublikum ignoriert oder nicht verstanden werden. Shelley Jackson schließt nun, umgekehrt, Verlage, Buchhandel und Öffentlichkeit aus. Sie macht Literatur zu einer Privatclub-Angelegenheit, zur Geheimsache, die sich jeder Beurteilung, jedem Missverständnis entzieht. Mit einer Methode freilich, die ihr – rein als Autorin – breite öffentliche Aufmerksamkeit, wenn nicht gar Berühmtheit sichert.
Ob die Short Story „Skin“ irgendwann einmal wohl in einem konventionell verlegten und vertriebenen Erzählungsband oder Roman (als integriertes Teilstück) auftaucht? Da würde sie solchem Werk gewiss hohe mediale Beachtung garantieren – ein Autoren-Marketing, von dem nicht nur Shelley Jackson, sondern am Ende selbst der Buchhandel, wenigstens in Amerika, profitieren würde.
Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.