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Gerhard Beckmanns Meinung – Wie Bücher zu einem Börsengeschäft geworden sind

Hätten Sie es vielleicht für möglich gehalten, dass der völlig überraschende Mega-Verkauf von John Steinbecks Roman „Jenseits von Eden“ aus dem Jahre 1956 – er beträgt angeblich mittlerweile 1,8 Millionen Exemplare! – auf Grund einer Fernseh-Show der amerikanischen TV-Königin Oprah Winfreh insbesondere Börsianer beglückt?

Was haben denn Schriftsteller mit Börsengeschäften zu tun, fragen Sie?

Nun, mehr als man gemeinhin vermuten würde. Man kommt drauf, wenn man einen Bericht des Londoner „Economist“ über neueste Entwicklungen auf dem Aktienmarkt einmal zu Ende denkt. Es ist eine lange Geschichte. Sie stellt sich, vereinfacht, etwa folgendermaßen dar:

Ganz früher war ein armer Dichter für seinen Unterhalt auf die Zuwendungen von Gönnern und Mäzenen angewiesen. Das änderte sich grundsätzlich mit der Erfindung des Buchdrucks, der die Reproduktions- und Verbreitungsmöglichkeiten von Literatur dramatisch erhöhte. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein erhielten Autoren dann vom Verleger – gewöhnlich ein Drucker oder Buchhändler, dem sie ein fertiges Manuskript anvertrauten – für das Urheberrecht eine Pauschale. Als eine prozentuale Beteiligung des Schriftstellers am Erfolg seines Werkes üblich wurde – in England etwa um 1850 -, begann bald auch die Praxis eines Vorschusses auf die zu erwartenden Honorarerlöse. Mit gutem Grund: Der Autor hatte monate- oder jahrelang gearbeitet, bis sein Opus hergestellt, Leser gefunden, der Verkauf vom Verlag abgerechnet wurde. Da konnten (und können bis heute) nochmals bis zu zwei Jahren ins Land gehen, und der Gute muss schließlich auch leben. Ursprünglich diente der Vorschuss also zur (wohlverdienten) Finanzierung der existenziellen Bedürfnisse des Schriftstellers. (Wobei, es muss offen gesagt werden, die meisten Verlage sich gegenüber den meisten ihrer Autoren eher kleinlich und oft sogar unfair verhielten. Damit forderten sie, insbesondere seit der zunächst wenig transparenten Internationalisierung des Verlagswesens nach dem Zweiten Weltkrieg, das Aufblühen literarischer Agenturen geradezu heraus, die bekanntlich die geschäftlichen Interessen von Autoren wahrnehmen.) Dieses „System“ hielt sich im wesentlichen bis etwa 1970. In den 70ern des vorigen Jahrhunderts begann die Revolution des Verlags- und Buchwesens mit all den Nebenerscheinungen, über die heute allseits so laut geklagt wird. Dazu gehört auch die Konzernbildung – das Entstehen großer Apparate, deren Erhalt laufend linear höhere Umsätze und d.h. immer mehr Bestseller erfordert, mit denen allein zudem die für solche Großverlage notwendige Profitabilität erzielt werden kann, die ihre Kapitalgeber verlangen, von denen die meisten abhängig sind. Vulgo: die Börse oder branchenfremde Investoren.

Damit aber ist in erster Linie nicht mehr die Qualität eines Programms entscheidend, sondern die tagesaktuelle Marktstimmung. Dass in Folge dessen Autoren und ihre Agenten irgendwann auf die Idee kommen mussten, ihre Vorschussforderungen nicht länger nach ihren Bedürfnissen, sondern nach dem eigenen Marktwert auszurichten, liegt auf der Hand.
Je höher freilich ihr gegenwärtiger Marktwert, desto größer das Verlangen der Verlage, sie zur Umsatzsicherung für die Zukunft an sich zu binden; desto entschiedener allerdings dann auch der Wille solcher Autoren, ihren momentanen Marktwert für die Zukunft zu zementieren, indem sie selbst für noch ungeschriebene Bücher entsprechende Vorschüsse durchsetzen, die im übrigen den Verlag fast automatisch zwingen, alle Anstrengungen und Kosten auf sich zu nehmen, um den Marktwert seines Autors laufend von neuem abzusichern.
Angesichts der Tatsache, dass diese Methode – hoch bevorschusste Verträge sogar mit unerprobten Autoren nur auf Basis eines oft bloß wenige Seiten umfassenden Exposés – im Sachbuch um sich greift, und viele Romane im Unterhaltungsbereich von Erstlingsautoren ohne irgendwelche Bestätigung durch den Markt zu oft horrenden Summen erworben werden, könnte man fast meinen, dass die Verlage mit Futures handeln. Sie handeln wie Investoren, die sozusagen Aktien mit minimalen Sicherheiten erwerben, gehen, anders als Banken, jedoch zusätzlich ein hohes Produktions- und Vertriebsrisiko ein und geraten obendrein in ein fürchterliches Dilemma.
Denn je mehr sie sich auf dergleichen Futures einlassen, umso ärger die Gefahr, dass sie sich den Gegebenheiten des Handels und des Marktes entfremden, die immer nachhaltiger auf ihr Recht und ihre Wirklichkeit pochen.

Die Verlage haben sich in ihrer Programmtätigkeit dem Börsengeschehen anverwandelt, das sich – eigenen Gesetzen folgend – immer wieder von den wirtschaftlichen Realitäten abzukoppeln droht. Und nun auch noch, wie der „Economist“ berichtet, Autorenrechte als an der Börse selbst frei gehandelte Aktien?

Eine Vorform dessen hat es bisher nur einmal gegeben, in den 1950er Jahren, als der britische Lebensmittelkonzern Booker – meines Wissens zunächst in eher mäzenatischer Absicht, um einer kleinen Gruppe von Autoren, darunter Agatha Christie, Ian Fleming und Georgette Heyer – ein regelmäßiges Einkommen zu garantieren, Urheberrechte abkaufte und mit ihnen schließlich riesige Millionengewinne machte, aus denen ab 1968 der Booker Prize begründet und finanziert wurde.

In jüngster Zeit hat der Finanzier David Putnam, der 1997 mit dem Popsänger David Bowie die erste Künstler-Aktie lancierte, eine Aktie auf der Spekulationsbasis künftiger Honorarerlöse aus dem Werk von John Steinbeck und einigen berühmten Cartoon-Zeichnern an die Börse gebracht. Sie haben natürlich gejubelt über die eingangs erwähnten sensationellen Verkäufe des Romans „Jenseits von Eden“.

Ob das Beispiel Schule machen wird? Zumindest unbekannte, junge Schriftsteller sollten sich da keinen verfrühten Hoffnungen hingeben, selbst wenn so etwas zur Zeit in Kalifornien für junge Musiker und in Japan für hübsche weibliche Möchtegern-Stars anläuft. Normalen Investoren ist dieses Risiko offenbar zu hoch.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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