Man hört es immer lauter, von allen Seiten: Wir müssen Kindern erhöhte Aufmerksamkeit schenken
Die Zahl der Fach- und Sachbücher, welche die Nöte und Schwierigkeiten von Kindern und Jugendlichen heute darlegen und ergründen, wächst von Jahr zu Jahr, und ihre Bedeutung ist wahrlich nicht gering zu schätzen. Doch wie groß ist ihre Wirkung über die Kreise von beruflich oder unmittelbar Betroffenen hinaus?
Dazu hat jetzt Nicci French im Londoner „Observer“ bemerkt: „Literatur kann etwas von dem Schrecken, der Freude und der Fremdartigkeit kindlicher Empfindungen und Vorstellungen vermitteln, wie Experten und Fachleute es gar nicht vermögen.“
Nicci French ist selbst Schriftstellerin. Mit ihren subtilen psychologischen Thrillern hat sie in vielen Ländern eine große Gemeinde von Leserinnen und Lesern. Das wäre hier vielleicht nicht weiter erwähnenswert – wenn Nicci French sich jetzt nicht in ganz besonderer Weise engagiert hätte.
Nicci French hat nämlich die Schirmherrschaft für einen neuen Literaturpreis übernommen. Er soll Jahr um Jahr den Roman auszeichnen und bekannt machen, der Erwachsenen die Denk-, Gefühls- und Erlebniswelt von Kindern oder Jugendlichen am eindrücklichsten nahe bringt. Den Preis verleiht die Stiftung YoungMinds. Sie hat es sich zur Aufgabe gesetzt, jüngsten und jungen Menschen zu helfen, die sich in innerer Not, Verwirrung und Verzweiflung befinden. Zu den wichtigen Aspekten dieses Engagements gehört: Dafür überhaupt erst mal Verständnis zu wecken.
Bei allen geschäftlichen Sorgen, die ihr zunehmend schwieriges Gewerbe mit sich bringt, sollten sich Verlage und Buchhändler ihr Wissen nicht nehmen lassen, dass Bücher einzigartige Brücken zwischen Menschen bauen. Das „Kulturgut Buch“ hat eine wichtige soziale Dimension.
Und: Literaturpreise können viele Aufgaben haben: z.B. zur finanziellen Unterstützung von Autoren dienen, die ja zumeist nicht gerade auf Rosen gebettet sind bzw. als Möglichkeit, ihnen zu Prestige und öffentlicher Anerkennung zu verhelfen, die ihnen im Zeitalter der Medienstars oft genug abgehen. Oder auch die Mehrung des Verkaufs und Lesens von Büchern. Könnte eine besondere Möglichkeit von Literaturpreisen nicht aber auch darin bestehen, Romane als Medium zum Verständnis und zur Förderung der Mitmenschen, also die bedeutsame soziale Dimension des „Kulturguts Buch“ und Bücherlesens wieder ins Licht zu rücken?
Hier setzt Nicci French ein Zeichen, das Beachtung verdient.
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