Ist es schon so weit gekommen, dass selbst Wirtschaftsjournalisten nur noch proforma bei Unternehmen anrufen, um Gerüchte zu überprüfen und „Fakten“ zu checken, wenn es um die Buchbranche geht? Sind ihnen, diese Branche betreffend, nicht einmal mehr die einfachsten wirtschaftlichen Zusammenhänge klar?
Falls der Bericht der Financial Times Deutschland vom 10. Oktober – dem Messefreitag – der Wahrheit entspräche, hätten die meisten deutschen Verlage wahrlich Grund, nervös zu werden. In der FTD nämlich hat Lutz Meier geschrieben: „Der Karstadt Konzern wird in seinen Kaufhäusern die Zahl der angebotenen Bücher drastisch senken und hat damit die Verleger aufgeschreckt. Die Anzahl der vorgehaltenen Titel soll sich von 12.000 auf 200 verringern.“
Nichts gegen Lutz Meier, den Schreiber dieses FTD-Artikels. Doch wenn er sich auch nur eine rudimentäre Branchenkenntnis verschafft und sein übergeordneter Redakteur bzw. der verantwortliche Ressortleiter das Quantum an Wirtschaftslogik angewandt hätte, das man bei der Times Deutschland als gegeben voraussetzen darf, hätte ihnen solch eine – wie immer kolportierte – extrem radikale Reduktion des Warenangebots als Nonsens suspekt sein müssen.
Bitte nur mal kurz nachdenken: Bei einer Verringerung auf 200 Titel würde das Karstadt- Buchsortiment nur mehr ein zwei Prozent des schmalen Angebots ausmachen, das für die rigoros rationalisierten Weltbild-Plus-Läden als notwendiges Elementarium einer Basisversorgung gilt. Die paar hundert “Bestseller“, auf die Karstadt sich laut FTD beschränken will, machen selbst in Boulevard-Buchhandlungen, die von Laufkundschaft leben, nur einen kleinen Teil des Umsatzes aus. Eine so drastische „Auslistung“ würde bedeuten: Der mit rund 137 Millionen Euro Jahresumsatz viertgrösste Buchhändler Deutschland hätte beschlossen, sich praktisch von einem profitablen Geschäftszweig zu verabschieden.
Unsinn.
Nebenbei bemerkt, macht Karstadt seinen Umsatz mit einem Buchangebot, das „deutlich höher ist“ (Andreas Kühn) als die von der FTD behaupteten 12.000 Titel. Sortimentskenner schätzen es auf mindestens 25.000 Titel.
Wie ist der Unsinn bloss in die Welt gekommen? Lutz Meier erwähnt ein Schreiben des Warenhauskonzerns, das die Verlage aufgeschreckt haben soll. So ein Schreiben hat es tatsächlich aber nie gegeben, versichert Andreas Kühn, der für Bücher zuständige Karstadt-Branchenmanager.
Wie konnten Verlagsleute, auf die Lutz Meier sich beruft, zu so einer Aussage kommen? Oder sind ihre Aussagen in der FTD verkürzt wiedergegeben und dramatisiert worden?
Andreas Kühn jedenfalls sagt klippt und klar, der Bericht entspreche nicht den Tatsachen.
Was ist nun also an der Geschichte dran?
Karstadt überprüft gegenwärtig sein Sortiment – so wie es alle Buchhandlungen von Zeit zu Zeit tun (oder tun sollten) – mit Blick darauf, ob es noch den sich momentan besonders stark wandelnden Kundeninteressen gerecht wird. Das kann selbstverständlich für manche Verlage unangenehm werden, ist aber nicht ungewöhnlich – Verlage klagen bekanntlich unentwegt, dass der Buchhandel (generell) einen ihrer Meinung nach viel zu geringen Teil ihrer Programme führt, worin nun aber mal die Funktion und das Geschäft jeder Buchhandlung besteht: Sie „sortiert“ aus der Überfülle des Angebots, was sie nach ihren Möglichkeiten vorrätig halten, präsentieren und verkaufen zu können glaubt.
Es geht also bei Karstadt keineswegs um drastische „Auslistungen“ oder um eine Reduktion „der vorgehaltenen Titel“ auf eine kleine Zahl von „Bestsellern“. Ebensowenig geht es darum, wie hier und da gemunkelt wird, nur mehr solche Schnelldreher qua Zentrallager-Bestellung direkt bei den Verlagen zu ordern und alles übrige von Barsortimenten zu beziehen. „Wir werden auch in Zukunft primär direkt bei den Verlagen/Verlagsauslieferungen ordern“, sagt Andreas Kühn.
Wird Karstadt aber künftig nur noch a- und b-Titel führen?
„Auch das ist so nicht richtig“, antwortet Andreas Kühn. „Wir haben nämlich eine ganze Reihe von Standorten, wo Karstadt die komplette Funktion einer Vollbuchhandlung erfüllen muss und erfüllen wird und deshalb auch weiterhin c–Titel führt – ganz im Sinne der Vielfalt des Angebots, zu deren Erhalt die Preisbindung existiert, inklusive des in allen Filialen praktizierten Besorgungsgeschäfts, um individuelle Kundenwünsche zu befriedigen.“
Kurzum: Karstadt führt sein buchhändlerisches Geschäft mit den im Buchhandel üblichen betriebswirtschaftlichen Kriterien fort. Ob mit Erfolg, wird sich weisen. Auch bei der kolportierten Absicht einer gesteigerten Warenumschlagsgeschwindigkeit geht es nicht um fantastisch hohe Drehzahlen, sondern lediglich “um die Angleichung an ein branchenübliches gutes Niveau“.
Ist es schon so weit gekommen, dass eine ganz normale buchhändlerische Massnahme heute von Wirtschaftsjournalisten als sensationell beunruhigend gebrandmarkt und von Verlagen als erschreckend empfunden wird? Nur weil Karstadt einer der grössten Buchhändler ist?
Die Branche sollte sich nicht selbst verrückt machen und auch nicht verrückt machen lassen. Sie sollte sich erinnern, dass die Fähigkeit, kritisch zu lesen und zu beurteilen, zu ihren eigentlichen Qualitäten gehört. Und sie auch gegenüber Wirtschaftszeitungen und Branchenblättern nutzen.
Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.







