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Lesetipp SZ und Tagesspiegel: Rückt Unselds Witwe in die Verlagsführung auf?

Jetzt auf SZ-ONLINE eine Story von Thomas Steinfeld : „Lesen und lesen lassen“ dass Unselds Witwe in die Geschäftsführung des Suhrkamp Verlages aufrücken solle. Steinfeld: “ Erwartet worden war eine solche Wendung, vorgesehen war sie nicht. “ Ein Zitat aus dem Beitrag, der morgen in der Printausgabe stehen soll:

„Nur: ob Ulla Berkéwicz in der Lage ist, einen Verlag zu führen, wird man erst wissen, wenn es für eine andere Entscheidung längst zu spät sein wird.

Für Probezeiten und Bewährungsfristen gibt es keine Zeit mehr. Längst hat die ökonomische Krise auch diesen Verlag eingeholt, und hätten Elke Heidenreich und Joschka Fischer nicht den Roman „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón so gelobt, hätte der Verlag seit einem Jahr kein Buch mehr unter den ersten zwanzig Titeln auf der Bestsellerliste platzieren können. Bei einem Umsatz von 45 Millionen Euro bezahlt der Suhrkamp Verlag hundertvierzig Angestellte – viel zu viele, um damit in erster Linie das Gedenken an Siegfried Unseld zu pflegen.“

Dazu am 17. Oktober im Tagesspiegel:

„Nein, die schwarze Messe in der Paulskirche stieß die Besucher vor allem deshalb vor den Kopf, weil das symbolische Kalkül allzu offensichtlich war. Günter Berg, der noch von Unseld persönlich zum verlegerischen Geschäftsführer ernannt wurde, und der von den meisten Mitarbeitern und Autoren als ökonomisch kluger und weitsichtiger Verlagsleiter geschätzt wird, sprach bei der knapp dreistündigen Zeremonie kein Wort. Durfte er nicht oder wollte er nicht?
Unselds Witwe hingegen, die Schriftstellerin Ulla Berkéwicz, auf die nach dem Tod ihres Mannes 51 Prozent der Suhrkamp-Anteile übergegangen sind, verlas als dramaturgischen Höhepunkt zum Ende der Veranstaltung einen Text von dunklem Pathos. Man konnte die mystisch-gnostische Metaphorik des effektvoll deklamierten Langgedichts mit gutem Willen als Ausdruck liebender Trauer verstehen. Nüchterner betrachtet, war sie die kaum verhüllte Installation einer esoterischen Geisteshaltung, die von nun an die große literarische Tradition des Suhrkamp Verlags umprägen könnte – eine Tradition, die immer eine der Aufklärung und ihrer rationalen Dialektik war.
Nach einem komplizierten Stiftungsmodell, das Unseld erst auf dem Krankenbett unterzeichnete, hat Ulla Berkéwicz im Rahmen der „Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung“ praktisch die Alleinherrschaft über den Verlag. Dass Berkéwicz plane, nicht nur stille Mehrheitseignerin zu bleiben und in Ruhe ihre Bücher zu schreiben, sondern die aktive Geschäftsführung ausüben will – darüber wird seit Monaten spekuliert und geschrieben.
Seit letzter Woche haben die Spekulationen ein Ende. Heide Grasnick, die Pressechefin des Verlages und eine enge Vertraute von Ulla Berkéwicz, antwortete nach der Paulskirchenliturgie auf die Frage, warum denn Verlagsleiter Günter Berg nicht unter den Rednern gewesen sei: Dieser könne Siegfried Unseld nicht ersetzen, keiner könne das. Seine Mitarbeiter hätten festgestellt, dass er nicht über das Charisma von Unseld verfüge, das wäre ja auch zu viel verlangt. Wenn einer Charisma habe, dann Ulla Berkéwicz. Es sei für Günter Berg schon deshalb schwer, weil er, wie alle Mitarbeiter des Verlags, ein Angestellter sei. Die Hoffnung, dass das Patriarchat Siegfried Unselds zu ersetzen sei, ruhe auf seiner Erbin. Am Telefon bestätigte die Pressechefin an diesem Mittwoch das Gesagte. Nun gibt es einen Machtkampf zwischen den Anhängern von Günter Berg und denen von Ulla Berkéwicz, der sich durch alle Einrichtungen des Verlags zieht. Aber diesen Machtkampf würde Ulla Berkéwicz wohl nur um einen hohen Preis gewinnen. Deshalb fragt man sich, warum sie ihren Anspruch überhaupt offen hat kommunizieren lassen. Denn sollte es zum Showdown kommen, werden sich nach allen Informationen etliche der einflussreichsten Autoren zur ökonomischen Vernunft, zum literarischen Sachverstand und zur menschlichen Offenheit Günter Bergs, des „Angestellten“, bekennen. Und schwerlich zum Matriarchat der Mehrheitseignerin.“

Der Artikel im Tagesspiegel „Steht die Suhrkamp-Kultur auf dem Spiel?“ in voller Länge http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/17.10.2003/793714.asp

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