Home > News > Gerhard Beckmanns Meinung – Heinrich Hugendubel erweist sich wieder einmal als Vordenker des deutschen Buchhandels. Was er andebattiert, lässt aber noch viele Fragen offen. Warum weiterdiskutiert werden muss.

Gerhard Beckmanns Meinung – Heinrich Hugendubel erweist sich wieder einmal als Vordenker des deutschen Buchhandels. Was er andebattiert, lässt aber noch viele Fragen offen. Warum weiterdiskutiert werden muss.

Die (bewusst?) auf Schreckauslösung setzende Kurzfassung eines Interviews mit Heinrich, Maximilian und Nina Hugendubel hat manchen verstört. „Haben die noch alle Tassen im Schrank?“ rief ein Buchhändler in den Hörer. „Das kann so nicht wahr sein“, mahnte ein zweiter. Da hatte er recht. Die Kurzfassung war Anmache. Der volle Wortlaut des Interviews zeigt Hugendubel von der gewohnt ruhigen, bedachten, verantwortungsbewussten Seite.

Nur mal vorab: Eine Aussage Maximilian Hugendubels, der zuvor bei einem amerikanischen Unternehmensberater tätig war, d.h. sich nicht nur in unserm relativ kleinen Wirtschaftsszweig auskennt, sei zur dringlichen allgemeinen Reflexion empfohlen: „Die Buch-Branche ist keine krisenerprobte Branche. Die Reaktionen sind zu langsam und nicht konsequent genug.“

Eine paar Fragen glaube ich aber doch stellen zu müssen.

Erstens:

„Nebenmärkte“, sagt Heinrich Hugendubel gegenüber Peggy Voigt und Daniel Lenz vom Buchreport für dessen monatliches Magazin. „dürfen nicht zu Hauptmärkten werden. Aber im Augenblick drängen von allen Seiten Anbieter in diese Nebenmärkte. Deshalb wird es Reaktionen aus dem Handel geben müssen. Wir können uns nicht auf Dauer damit begnügen, der Hauptvertriebsweg für Bücher zu sein, aber nur 50% Marktanteil zu besitzen. Wir dürfen also nicht abwarten und zusehen, wie Aldi mehr Bücher verkauft als Hugendubel Wenn die kritische Masse erreicht ist, kippt alles um.“
a) Wann ist die kritische Masse erreicht?
b) Was und wieso kippt dann alles um?

Zweitens:

Die Buchumsätze nehmen auch in Deutschland laufend zu. Aber
a) Welche Ursachen hat dieser Trend?
b) Sind die Umsatzrückgänge im Buchhandel auf eine Abwanderung von Kunden zu Supermärkten und Discountern, auf nun dort getätigte Spontankäufe zurückzuführen?
c) Maximilian Hugendubel verweist mit Recht auf die sinkende Kaufkraft der Bevölkerung. Aber noch haben wir ja die Preisbindung. Bücher in Super- und Heimwerkermärkten, Gartenzentren, Zoogeschäften, Esoterikläden etc etc. sind ja nicht billiger als im Buchhandel. Weshalb also kaufen die Leute dort?

Drittens:

a) Sind die Bücher, die sie dort nun erwerben, vielleicht nicht eher Zusatzkäufe, die sie sonst kaum tätigen würden? Anders gesagt, um eine m.E. falsche, in die Irre führende Konfrontationshaltung vieler Sortimenterkreise zu entschärfen,
b) Sind es nicht – aus Verlags-, also Produzentenperspektive – Umsätze mit Büchern, die über den klassischen Buchhandel gar nicht zustande kommen würden?
Produzenten haben das Recht, sie haben im Sinne des Erhalts ihrer Unternehmen wie der Sicherung von Arbeitsplätzen die Aufgabe, und sie haben die mit ihrer Kultur- und Bildungs- Funktion verbundene Pflicht,, dafür zu sorgen, dass möglichst breite Teile der Bevölkerung erreicht werden, damit die essentielle Kulturtechnik des Lesens nicht nur nicht verloren geht, sondern weiter gefördert wird. Also,
c) Was kann der klassische Buchhandel gegen Nebenmärkte anführen, die einer Ausbreitung des Kaufens und Lesens von Büchern dienen, welche er selbst offenbar nicht mehr zu bewerkstelligen vermag?

Viertens

Die ganze gegenwärtige Diskussion ist in einem entscheidenden Punkt realitätsblind und -fern. Die Verlage sind durch Verträge gegenüber ihren Autoren, den Urhebern der Buchinhalte in der Pflicht, alles zu unternehmen, um einen optimal breiten Absatz von deren Werken zu gewährleisten.

Was leider immer wieder gern vergessen wird: Verlage und Buchhandel bilden heute kein System aus nur zwei quasi zwei privilegierten Zünften mehr, die alles unter sich ausmachen könnten. Die Autoren sind, vor allem über die Literaturagenten Unternehmer geworden. Sie sind die immer mächtiger werdende, moderne dritte Partei im Spiel.

An der Nutzung anderer Märkte führt also, summa summarum, wohl kein Weg vorbei. Sie werden weiter wachsen. Von den klassischen deutschen Sortimentern hat dies Heiner Hugendubel als erster erkannt. Dass er sich mit Carel Halff bei der Weltbildplus-Kette zusammen getan hat, war eine erste Konsequenz dieser Einsicht.

Auf die nun fortschreitende Entwicklung „wird es Reaktionen aus dem Handel geben müssen“, macht er im Interview klar.

Doch welche?

Soll es in die Richtung gehen, dass Großbuchhandlungen – wie inzwischen die Mayersche bei Real – für Nebenmärkte als Dienstleister logistisch Regie führen?

Dass Barsortimente – wie Libri bei der Drogeriekette Schlecker – Nebenmärkte steuern werden?

Oder dass Großverlage, wie es Random House plant, in Supermärkten eigene Nebenmärkte aufbauen?

Kann der im Börsenverein zusammengeschlossene herstellende und vertreibende Buchhandel sich damit eine Kontrolle über die anderen Märkte sichern, deren Umsätze also weitgehend im Verband halten? Es wäre schön, wenn das gelänge, weil sie dann, über Mitgliedsbeiträge, den Verband in seiner notwendigen Arbeit unterstützen – bis jetzt sind sie bloß trittbrettfahrende Nutznießer.

Es ist ein großes Verdienst, dass Heinrich, Maximilian und Nina Hugendubel die Probleme in ihrem Interview offen anreißen und die Notwendigkeit zum Handeln klar legen.

Klare, durchdachte Konzepte sind jedoch noch nirgends zu erkennen. Wie könnten sie aussehen?

Mit den Nebenmärkten wachsen, auch das wird im Interview deutlich, die Spannungen zwischen Verlagen und Buchhandel.

Das große Thema heißt: Konditionen. Die Konditionendebatte „zählt zu den großen Enttäuschungen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Es ist enorm, wie innerhalb der Branche gelogen und getrickst wird, wenn es um Konditionen und Rabatte geht“, stellt Heiner Hugendubel im Magazin.von Buchreport fest. „Wenn man bedenkt, welche Verlage beispielsweise Haushaltswarengeschäften oder Fachmärkten einräumen, nur um in diese Märkte hineinzukommen! Von solchen Bezugsbedingungen kann der Buchhandel nur träumen.“

Die Spannungen werden den Börsenverein vor eine sich immer wiederholende Zerreißprobe stellen, weil er im Grunde nicht .marktregulierend eingreifen kann und es auch nicht sollte. Bei einer kürzlichen BuchMarkt-Umfrage sprach eine Mehrheit von Sortimentern sich für einen eigenen Verband aus – offenbar weil sie meinen, dann hätten sie bessere Karten. Das scheint mir eine fragwürdige Meinung. Getrennte Verleger- und Buchhändler-Verbände in anderen Ländern haben diese Probleme nämlich um keinen Deut besser lösen können. Und der deutsche Buchhandel ist in sich zu schwach, um seine Interessen durchboxen zu können. Außerdem: ohne die kulturpolitische Lobbyarbeit unseres Drei-Sparten-Börsenvereins, die nicht zuletzt dem Handel nützt, wären die Sortimenter ein armseliges, stimmloses Häuflein.

Aber das Thema. Börsenverein, d.h. seine Aufgabenstellung, müsste offen diskutiert werden. Es ist, was vielen nicht klar zu sein scheint, ein für die ganze Branche zentrales Thema.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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