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Gerhard Beckmanns Meinung – Ein Buchhändler steht auf und gibt Großverlagen Zunder

Stellen Sie sich bitte einmal das schier Unvorstellbar vor, den Fall, dass der Chef einer Großbuchhandelskette – statt, wie wir’s gewohnt sind, Verlage wegen ihrer Überproduktion zu beschimpfen – die großen Verlage davor warnt, sich weiterhin auf Bestseller und das gängige Bestseller-Marketing zu fixieren!

Was würden Sie dazu sagen, falls er – der Großbuchhändler – als Grund für die Warnung seine Sorge nennt, dass die Großverlage sich mit ihrer Bestsellerei so verausgaben, dass ihnen keine Mittel zu Programminvestitionen in neue, junge schriftstellerische Talente mehr bleiben?

Wie würden Sie reagieren, wenn er diesen Publikumsverlagen deshalb sogar Maßnahmen androht, die essentiell bedeuten, dass er ihnen mangelnde Kompetenz zur ausreichenden Versorgung des Publikums mit Büchern vorhält, dass er ihnen den Vorwurf macht, dem Buchhandel zu wenig Interessantes zu bieten, um Kunden zum Kauf und Lesen von Büchern zu führen?

Und stellen Sie sich außerdem vor, er würde das nicht einfach mal bloß daherreden, sondern so weit gehen, tatsächlich massive Maßnahmen anzudrohen. Also, ihnen nicht nur zu bedeuten: Wenn ihr Herren Großverleger da nichts unternehmt, werden wir bei unserer Einkaufspolitik und Bücherpräsentation zunehmend unabhängige kleine Verlage bevorzugen. Mehr noch, ihnen auch noch zu erklären: Falls ihr euerer verlegerischen Aufgabe nicht gewachsen seid und eure Programmhoheit nicht in aller Interesse wahrzunehmen versteht, werden wir verlegerisch aktiv. Wenn ihr mit eurem Bestseller-Rummel die Kreativität in euren Lektoraten erstickt, dann müssen wir da eben selbst kreativ werden.

Absurde Vorstellungen? Unmöglich?

Genau das hat aber James Heneage, Geschäftsführer der britischen Großbuchhandelskette Ottakar’s, in London tatsächlich bekannt gegeben. Und Tom Holman hat’s in seinem Bericht über die Jahresversammlung der einflussreichen Society of Authors publiziert.

Bravo.

Eine Sensation, selbst wenn man’s ganz ganz generell betrachtet. Sozusagen grundsätzlich.

Denn wann ist es – hüben wie drüben – denn zuletzt vorgekommen, dass ein Buchhändler kulturelle Fehlentwicklungen in der Branche als Skandalon offen zur Sprache bringt, über die gewöhnlich nur Schriftsteller, Literaturkritiker und ein paar literarische Kleinverleger klagen? Und sich , als er an die Öffentlichkeit ging, sogar bereits konkret überlegt, wie er dagegen konstruktiv vorgehen kann?

Doch sagen Sie, bitte, auch nicht gleich wieder: Aber das ist England, bei uns ist alles ganz anders – stimmt ja, Sie haben recht, bei uns ist der Konzentrationsprozess längst nicht so weit fortgeschritten wie da. Ja, wir haben auch noch vergleichsweise viele kreative mittlere und kleinere Verlage.

Wie schon gestern bemerkt, der Wind weht bei uns in die gleiche Richtung.

Und auch in England begann das heutige Elend – dass die Verlage insgesamt offenbar nicht einmal mehr eine hinreichend breite und tiefe Produktion auf die Beine bringen, damit eine beispielhaft sortimenterhaft denkende Großbuchhandlung das gewünschte eigene Profil bilden kann – damit, dass die Großen immer größer wurden und die Kleinen rabiat aus dem Buchhandel verdrängten. Nicht etwa, weil sie immer die besseren Bücher hatten, siehe gestern [mehr…], sondern weil die Buchhandlungen, wiederum je größer, dann eher ärger, sich mit Konditionen und geldwerten Zuwendungen schmieren ließen, etc etc.

Muss denn auch bei uns alles erst so schlimm werden wie jenseits des Ärmelkanals? Wo es so etwas wie den Börsenverein des Deutschen Buchhandels nicht gibt, sondern Verleger und Buchhändler je einen hoch ummauerten, schalldichten Extra-Club haben?

Müssen auch bei uns die mittleren und kleinen Verlage erst aus dem Buchhandel vertrieben werden und die Kunden dann wegen des endlos Immergleichen auf und in den Büchern den Buchhandlungen gelangweilt den Rücken kehren, bis wir merken, dass es nicht mehr so weiter geht?

Böte James Heneage nicht Anlass, früher mit dem Denken zu beginnen? Ist zumindest der Kern seiner Überlegungen nicht etwas, das auch die Leiter deutscher Großbuchhandlungen und Filialen umtreiben müsste? Im übrigen täten sie gut daran, möglichst rasch wieder zu verstehen, dass sie mit den kleineren Sortimenten zusammen in einem Boot sitzen. Ihre amerikanischen Kollegen haben es zum eigenen Schaden einen Klacks zu spät begriffen.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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