Home > News > Gerhard Beckmanns Meinung – Wider die Verlogenheit der Kassandras unter den Verlegern und Buchhändlern, die den kulturellen Weltuntergang an die Wand malen, während sie selber insgeheim im Erfolg schwimmen

Gerhard Beckmanns Meinung – Wider die Verlogenheit der Kassandras unter den Verlegern und Buchhändlern, die den kulturellen Weltuntergang an die Wand malen, während sie selber insgeheim im Erfolg schwimmen

Ein großes Problem der Buchbranche besteht darin, dass ihre Mitglieder viel zu wenig offen miteinander, branchenintern und öffentlich kommunizieren.

So herrscht etwa seit Jahrzehnten der Eindruck vor, dass es dem Verlagsgewerbe wie dem Buchhandel ganz allgemein schlecht geht. Schon das stimmt so denn doch wohl nicht. Denn über lange, lange Jahre stieg der Gesamtumsatz mit Büchern in Deutschland kontinuierlich. D.h. es wurden, der generellen Klage über sinkendes Leserinteresse zum Trotz, bis vor kurzem insgesamt nicht weniger, sondern mehr Bücher gelesen oder zumindest gekauft. An dem Jammern ist also etwas faul. Was wird damit verdeckt? Böse gefragt: Was und wem nützt es? Oder, grundsätzlicher: Was laufen da für gefährliche Mechanismen? (Wer sich und die Öffentlichkeit täuscht, spielt immer ein hochriskantes Spiel.)

Wie kann es beispielsweise angehen, dass der Chef einer unabhängigen Verlagsgruppe, die selbst jüngst in etlichen guten Jahren schätzungsweise 25 Prozent Gewinn gemacht hat, und das mit einem qualitativ guten Programm – da ist sie nicht mal die einzige -, unentwegt die lautesten Klagen über die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Endes literarischen Verlegens anstimmt?

Auch er hat sich öffentlich empört über die 15 Prozent, die Peter Olson als Renditeziel für Random House (die Buchdivision von Bertelsmann, weltweit die größte Ansammlung von Publikumsverlagen) gefordert hat. Er hat sie als konzerntypische, als eine Kultur zerstörende Vorgabe verdammt. Es wäre glaubhafter gewesen, wenn er die eigenen Erfolgsergebnisse eingestanden hätte. Es hätte der Diskussion um das „richtige“ Verlegen genützt, weil dann echte Alternativen zu Olsons Grundkonzept des „dumbing down“ auf die Massenware Buch aufgezeigt hätte.

Natürlich ist seit der Rezession alles schwerer geworden. Selbstverständlich befinden sich viele Verlage und Buchhandlungen in Not. Um so wichtiger wäre eine offene Debatte. Denn auch jetzt machen etliche Häuser Gewinn, auch jetzt sind etliche Buchhandlungen durchaus profitabel – manche bringen es sogar jetzt auf zweistellige Zuwachsraten. Doch keiner will damit heraus, keiner will genannt werden. Ist es in Deutschland noch immer inopportun, in der Kultur wirtschaftliche Erfolge zuzugeben? Ist Kulturpessimismus bei uns noch immer eine conditio sine qua non für kulturelles Ansehen? Handelt es sich da vielleicht nicht bloß um Eitelkeitsgebärden, mit denen bei einer kleinen Coterie von angeblichen kulturellen Meinungsträgern Eindruck geschunden werden soll?

Es täte der Branchendiskussion gut, wenn offen und laut bekannt würde, dass sich mit Büchern immer noch Geld verdienen lässt – damit radikaler, für alle einsehbar, erörtert würde, unter welchen Umständen so etwas möglich ist, wie er sich bewerkstelligen lässt. Es würde in den anderen Verlagen und Buchhandlungen das Abstellen von Fehlern, das Suchen nach neuen Wegen bestärken. Es würde ihnen Mut machen.
Es täte dem Buch gut, wenn die Branche mitsamt den Feuilletons der Öffentlichkeit signalisieren würde, dass das Buch keineswegs auf Grund unabwendbarer ökonomischer Zwänge ein kulturelles Auslaufmodell ist. Es würde breiten Kreisen der Öffentlichkeit zu der richtigen Einsicht verhelfen, dass das Buch auch in der modernen Gesellschaft wirtschaftlich tragbar ist und Zukunft hat.
Die Verleger und Buchhändler, die ihre gewinnträchtige Arbeit verstecken und unisono mit den Kollegen, die in Schwierigkeiten stecken, das ewige Lied vom Ende des Kulturguts Buch singen, richten sein Ansehen zugrunde, graben das Interesse am Lesen ab. Sie schaden den Kollegen, sie vergiften die Atmosphäre. Sie handeln öffentlich verantwortungslos.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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