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Gerhard Beckmanns Meinung – Ein Lob auf die Buchpreisbindung, ein Lob auf die guten deutschen Taschenbuchverlage

Unglaublich, aber vom angeblich meistgelesenen amerikanischen Buch aller Zeiten scheint, wenn ich bei www.amazon.com richtig bibliographiert habe, in den USA momentan keine Ausgabe lieferbar zu sein. In Großbritannien gibt’s es nur – außer bei Kinderbuchverlagen – nur als Oxford World und Penguin Classic.

Das wirkt umso merkwürdiger, als es sich nicht nur um ein Werk der Weltliteratur, sondern außerdem noch um „die großartigste, bedeutendste Geschichte von einem Hund handelt, die je geschrieben wurde“ – so einer der der großen, alten amerikanischen Dichter und Literaturkritiker, Carl Sandburg.

Total unerklärlich aber wird das Ganze angesichts folgender Tatsache: Auch in der angelsächsischen Welt nutzt die Kulturindustrie jedes einigermaßen bedeutsame Jubiläum zum Feiern und Verkaufen. Hier wäre nun wirklich eine entsprechende Gelegenheit gegeben, und sie wird offenbar nicht genutzt.

Ich meine Jack Londons Meisterwerk Ruf der Wildnis. Denn Jack London hat es Anfang 1903 zu Papier gebracht – die Entstehungsgeschichte ist ein für sich allein spannendes Kapitel -, und erstmals verlegt wurde es in der Herbstsaison vor genau 100 Jahren. (Die Editionsgeschichte beim Londoner Verlag Heinemann ist ebenfalls eine spannende Sache.) Außerdem ist Ruf der Wildnis dann in 80 Sprachen übersetzt und siebenmal (!) verfilmt worden.

In der angelsächsischen Welt wird Jack London allem Anschein nach inzwischen aber nur noch als Kinder- und Schulbuchautor wahr- und ansonsten nicht mehr ernstgenommen. Von den deutschen Medien ist gleichfalls noch kein Muckser zu hören. Weil da also nichts herüber schwappt? (Aber auf so etwas müssten sie doch von selber kommen, oder?)

Die deutsche Verlagskultur hingegen verdient hier großes Lob. Bei uns gibt es – von Kinderbuchausgaben wie beispielsweise Ravensburger abgesehen – das Werk in einer hervorragenden Edition und Hardcover-Ausstattung seit 2001 bei Artemis & Winkler sowie als Taschenbuch u.a. bei Diogenes, dtv, Fischer und Insel. Was übrigens wieder einmal beweist, welch hohe Bedeutung unsere Taschenbuchverlage für die laufende Wahrung kulturellen Erbes haben.

Ruf der Wildnis bloß noch Lektüre für Kinder? Wie der englische Schriftsteller und Literaturjournalist Tony Saint – siehe der Londoner Observer vom vergangenen Sonntag – in Abwandlung eines Ausspruchs von Anthony Burgess über Raymond Chandler (nur ein Krimi-Autor?) zu Jack Londons Ruf der Wildnis bemerkt: „Wenn das keine Literatur ist, was ist dann Literatur?“

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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