Eigentlich mochte der dumme Mann die Leipziger Buchmesse. Obwohl er erst zwei Mal da gewesen ist. Alles war dort einfach, übersichtlich und geprägt von einer gewissen Unkompliziertheit. Fast könnte man sagen, dort sei es lässig: 2 Hallen, eine rechts, eine links, 2 Übergänge durch die Glashalle hindurch, einer vorne, einer hinten, eine überschaubare Anzahl an Ausstellern und jede Menge bekannte Gesichter. Die Glashalle und das Drumherum wurde für Veranstaltungen genutzt und auch in den Hallen fanden sich immer wieder Autorenforen oder andere Veranstaltungsplätze. Kaum drehte mensch sich um, sah oder traf er auf jemanden, den er kannte, begrüssen, mit dem er kurz schwatzen konnte. Also im Grunde genommen alles sehr sympathisch. Auch die Stadt selbst und seine Menschen mochte der dumme Mann. Denn die Menschen waren höflich, aufgeschlossen und unkompliziert. Dem dummen Mann hatte das immer gut gefallen: Er hatte sich wohl gefühlt in Leipzig. Und mit diesem Gefühl war der dumme Mann von München nach Leipzig gefahren. Später wunderte sich der dumme Mann dann über sich selbst, warum ihn diesmal die Messe und auch die Stadt nicht berüht, eher genervt hatten. Das konnte viele Gründe haben. Sicherlich lage es nicht an den Menschen, dazu waren sie einfach zu nett, zu freundlich, auch diesmal. Denn kaum war der dumme Mann aus dem Zug gestiegen und rund um den Bahnhof geirrt um sein Hotel zu finden, passierte dies: Völlig entnervt kramte er in der bitteren Kälte stehend sein Powerbook aus der Tasche, um den Namen seines Hotels rauszukriegen. Er klappte das Powerbook auf, schaltete es ein, stellte es auf seine Tasche, hoffte innig die Batterie würde noch einmal ausreichen, um zu Starten und steckte sich eine Zigarette an. Genau in diesem Moment kam ein Mann vorbei, deutete auf den Rechner des dummen Mann, kam näher, deutet in die Luft und sagte: „Ach, ist das dieses Bluetooth? Und jetzt können Sie sich damit hier irgendwo ins Netz einwählen?“ Der Mann stand jetzt genau neben dem dummen Mann, der schallend lachend musste. Nein, sagte er, er würde lediglich sein Hotel, bzw. den Namen seines Hotels suchen. Und dieser Name sei auf dem Rechner. Der höfliche Leipziger erklärte, welches Hotel wo liegen würde, aber den Namen müsste er schon wissen, um dem dummen Mann den genauen Ort sagen zu können. Genau den, erklärte der dumme Mann, hoffe er in einer e-mail auf seinem Rechner zu finden. Der Mann verabschiedete sich, kam nochmals zurück, um zu sagen, dass es vielleicht eine gute Idee sei, einfach beim nächsten Hotel zu erfragen, wo denn das eigentliche Hotel des dummen Mannes liege, sobald er den Namen wisse. Sehr freundlich. Also an den Leipzigern konnte es nicht liegen, dass der dumme Mann die diesjährige Leipziger Buchmesse eher ertragen denn genossen hatte. „Vielleicht“, dachte er später, „lag das einfach nur an dir selbst“. Denn vieles, was ihn früher begeisterte oder interessierte, war diesmal an ihm vorbei gegangen. „Vielleicht ist es auch nur so“, brummte er vor sich hin, „dass eine Messe, egal zu und mit was, in Kriegszeiten eben immer an Attraktion verliert.“ Das war natürlich eine Vermutung, denn mit Messen in Kriegszeiten hatte der dumme Mann, trotz seines Alters, bisher kaum Erfahrungen.
DER DUMME MANN
Der Literaturtaler 2025 des LiteraturRat NRW geht an Dr. Renate Birkenhauer
Dr. Renate Birkenhauer, Verlegerin, Übersetzerin und Honorar-Vizepräsidentin des Europäischen Übersetzerkollegs in Straelen (EÜK) erhält den Literaturtaler 2025 des LiteraturRat NRW für ihre Verdienste um die Literatur im Allgemeinen und das Übersetzen