Samstagnachmittag nach Geschäftsschluss. Herrliche 18 Grad. Ein Märztag, wie man ihn sich schöner kaum vorstellen kann. Im Schatten des Kölner Domes demonstrieren Zehntausende gegen den Krieg im Irak. Andere schlendern, am Neumarkt vorbei, in Richtung des alten „Gloria“. Elke Heidenreich liest dort unter dem Motto „Vergessene Bücher wiederentdeckt“. Hier ganz konkret: „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ von Carson Mc Cullers(Diogenes). Alles ausverkauft. Trotzdem versuchen Leute, noch irgendwie reinzukommen.
Das stillgelegte Kino mit den gemütlichen Plüschsesseln hat seinen eigenen Charme. Von der nachtdunklen Bühne schauen einen, plakatgroß und eindringlich die schwarzen Augen der in Vergessenheit geratenen Autorin aus Georgia an. Vor dem schwarzen Hintergrund leuchtet der rote drapierte Samt auf dem kleinen Lesetisch. Nach einer kurzen Einführung des Organisators Werner Köhler betritt Elke Heidenreich die Bühne: im schwarzen Gehrock, mit feuerroten Schuhen und strahlend roten Rosen auf dem schwarzen T-Shirt. Rot
und Schwarz: so einfach wie raffiniert-wirkungsvoll die gestalterischen Mittel, so auch Elke – ohne Firlefanz.
Sie nimmt dem Publikum jede Scheu, wenn sie über erste Leseerlebnisse spricht. Ihr Herz ist immer dabei. Doch wird es nie sentimental. Diesmal sei sie aufgeregt, bekennt die Autorin, weil sie nicht ihren eigenen Text lese.
Sie und das Publikum sind also gespannt wie ein Flitzebogen. Und das bleibt bis zum Schluss so. Geschickt verbindet die Heidenreich den Text und die Biographie der mit 23 schon erfolgreichen Südstaatenautorin, die „an beiden Enden brannte“ und als Woolworth-Verkäuferin endete. Die Handlung des hochkomplexen Romans rafft sie, um den Zuhörer an ihrem eigenen intensiven Leseerlebnis teilhaben zu lassen – und damit an der Geschichte der Einsamkeit und des Scheiterns:
„Wozu zum Teufel, sollte das alles gewesen sein? … all die Pläne, die sie in der inneren Welt gemacht hatte ? Das alles musste doch für irgend etwas da gewesen sein, wenn es einen Sinn haben sollte. Und den musste und musste und musste es haben. Ja, es hatte einen Sinn. Na also! O.K. Einen Sinn“. Mit diesen Worten lässt sie Carson McCullers Text enden,. Und sie ist sichtlich überrascht, dass der Text sie nach dem Vorlesen und nach Jahren immer noch anrührt. Knapp verbeugt sie sich vor dem Publikum, damit es nicht zu gefühlig wird. Viele im Raum wissen, wie es um Elke Heidenreich steht.
Intellektuelle Arroganz, Elfenbeinturmdenken, das ist ihre Sache sowieso noch nie gewesen. „Am Ende steht ein Büchertisch. Dort können Sie die Biographie oder den Roman kaufen, wenn er Ihnen gefallen hat. Und wenn Sie
eine Unterschrift haben wollen – manche mögen so etwas -, dann kommen Sie einfach“. Beglückt und ins Gespräch vertieft quetschen sich die Zuhörer durch den schmalen Ausgang und haken sich am Büchertisch fest. Während Elke Heidenreich signiert, unterhält sie sich mit jedem einzeln. Ja, sie liebt die Menschen: die kleinen, die schrägen, die normalen, und sie liebt deren Geschichten und Träume. Das macht sie so offen für die fiktiven
Figuren in der Literatur. Das will sie auch vermitteln.
Kein Wunder also, dass Elke Heidenreich das Trio unterm Logo LKO – es steht nicht nur für einen Verlag, sondern für Edmund Labonté, Werner Köhler und Rainer Osnowski, die organisatorischen Urheber der Lit.Cologne – von Anfang an unterstützte. Jetzt zum dritten Mal, auch bei einem fulminanten Shakespeare-Abend. Auch bei der Eröffnungsgala am 20. März in der Philharmonie erinnert man sich noch nostalgisch an das erste Mal, als sie souverän moderierte. Diesmal führten die charmant-attraktive Schauspielerin Senta Berger und der gebildet-witzige Hanser-Verleger Michael Krüger durch den Abend, bei dem auch die Autoren Durs Grünbein, Batya Gur, Cees Noteboom, F.K.Waechter und Wladimir Kaminer anwesend waren.
Die weitverbreitete Larmoyanz der Kulturszene, all das Gejammer, die Literatur könne sich den anderen Medien gegenüber nicht behaupten, liegt den Organisatoren fern. Werner Köhler, 19 Jahre lang Geschäftsführer der Mayer’schen Buchhandlung, konnte einfach nicht mehr hören, dass kein Mensch mehr lese. Lieber wollte
er etwas dagegen tun. Und mit seinen beiden Freunden Rainer Osnowski und Edmund Labonté einen richtigen Bücherfrühling inszenieren, als internationales Literaturfestival. Dass es sich mit der Leipziger Messe in
Teilen überschneidet, war nicht beabsichtigt, lässt sich aber nicht ändern. Zwischen Karneval und Ostern sind in einer Stadt wie Köln die Möglichkeiten halt begrenzt. Beide Goßveranstaltungen profitieren aber voneinander, weil die Autoren dann ohnehin auf Lesereise sind. Wichtig: dieses rheinische Literaturfestival ist keine Messe. Hier werden keine Geschäfte gemacht. Die Lit.COLOGNE sollte immer ein Fest fürs Publikum sein — Bücherkauf nach Auf- und Anregungen ausdrücklich erlaubt.
In diesem Jahr waren 90 Prozent der 91 Veranstaltungen komplett ausverkauft. Fünf Tage und Nächte dauerte das Lesefest, teils an ganz ungewöhnlichen Orten. Polizeipräsidium, das Nobel-Hotel Hyatt Regency, Museen,
Businessclub, Kulturkirche: nichts ist ausgeschlossen. Auch wenn elf Großveranstaltungen gleichzeitig stattfanden: die Lit.Cologne fand spielend leicht ihr Publikum, was auch die Sponsoren weiterhin motivieren wird. Selbst das schöne Wetter, auch die Schauspiel-, Opern- und Konzerttermine hielten die Lesehungrigen nicht ab. Selbstverständlich profitieren auch alle Buchhandlungen, selbst wenn die offizielle Lit.COLOGNE-Buchhandlung die Mayer‘sche ist und Bittner inhaltlich berät.„Die anderen legen sich ja auch Bücherstapel zu den angekündigten Veranstaltungen hin, wenn sie schlau sind“, meint Werner Köhler.
Dass das Festival diesmal in Kriegszeiten stattfand: Auch dies legte die Organisatoren in ihrem Optimismus nicht lahm. Michael Krüger verlas stellvertretend eine Erklärung: mit Empörung über den Krieg, der auch die kulturelle
Freiheit bedrohe. Dagegen das praktische Zeichen: „Ein internationales Literaturfestival bietet eine Vielzahl von Stimmen, Meinungen und künstlerischen Perspektiven. Es ist damit grundsätzlich auch ein Symbol für
den friedlichen Dialog unterschiedlicher Haltungen und Meinungen. Sie braucht eine internationale Kultur der Partnerschaft und Zusammenarbeit, wie sie von der UNO repräsentiert wird“.
Die Lit.COLOGNE begreift sich als ein liberales Forum zum Dialog. Wer nicht einverstanden ist, muss das Maul nicht halten. Aber die Autoren mussten sich auch nicht zu politischen oder persönlichen Statements verpflichtet fühlen. „Läwe un läwe losse“ (leben und leben lassen) entspricht nicht nur der Kölschen Liberalität, sondern auch der Vielfalt der Literatur selbst. Einige Autoren hatten aus Multi-Kulti-Thriller „Malibu“ lesen sollen; oder Alice Sebold und Christoph Schlingensief.
Dem Improvisationstalent der Kölner ist es zu verdanken, dass Sebolds Texte dann trotzdem noch von der Schauspielerin Maria Simon gelesen wurden. In der Stellungnahme des Niederländers Leon de Winter hieß es, er habe in der Vergangenheit versucht, Aufmerksamkeit auf das schreckliche Leid zu lenken, welches das Regime von Saddam Hussein über sein eigenes Volk gebracht habe. Seine Schlussfolgerung: „Wir sollten deshalb der schrecklichen Idee nicht ausweichen, dass vielleicht nur die Gewalt die sinnlosen Qualen des irakischen Volkes beenden kann“. Die israelische Krimi-Autorin Batya Gur ließ sich hingegen von der Reise zur Lesung bei der Eröffnungs-Gala nicht abhalten. Sie kam, obwohl die Lage in ihrem Land von Spannung gekennzeichnet ist.
Der algerische, in Paris lebende Autor und Ex-Offizier Yasmina Khadra, der unter dem Pseudonym eines Frauennamens schreibt, verurteilt Bushs Politik. Weil er glaubt, dass durch die gewaltsamen Eingriffe den muslimischen Völkern der kulturelle Boden unter den Füßen weggezogen wird. Und dies von
jemandem, der diese Kultur nicht einmal im Ansatz kennt, sich aber aus Glaubensgründen genauso verhalte wie islamistische Fundamentalisten. Umso beeindruckter war er während und nach seiner Lesung in der Kulturkirche in Köln-Nippes vom deutschen Publikum: weil es sich auf seine atmosphärischen Beschreibungen einer zerstörten orientalischen Welt in „Die Schwalben von Kabul“ ganz eingelassen habe. Und er ist froh darüber, dass die Deutschen und die Franzosen in ihrer Mehrheit einen Gegenpol zur aktuellen amerikanischen Politik bilden. Ein Zeichen der Neugier dieses Publikums, dass Khadras Bücher – er wollte sich vor seiner Abreise einige Titel auf deutsch erwerben – in der Buchhandlung Ludwig im Bahnhof schon ausverkauft waren. Vergriffen dort auch seine Taschenbuchtrilogie aus dem Unionsverlag. In seinem neuen Roman, „Die Schwalben von Kabul“, gerade im Aufbau Verlag erschienen, beschreibt er auf eindrucksvolle Weise das nicht mehr vorhandene Leben in einem durch Krieg und Fundamentalismus zerstörten Land. Ein Land, so öde wie grausam, weil dort die Schwalben abgeknallt werden und nicht mehr gelacht und gesungen werden darf.
Astrid Roth, Sprechein der Lit.Cologne, zählt eine Reihe von Glanzlichtern aus den fünf Tagen auf. Wladimirs Kaminers Auftitt in “Begegnungen der Dritten Art“ gehören dazu. Im „Gloria“ las und erzählte der deutsch
schreibende Russe aus „Die Reise nach Trulala“. Mit der Schlagfertigkeit der Klitschkos, die ihrerseits in Leipzig den Deutschen Bücherpreis entgegennahmen, knockte Kaminer den hochgebildeten Hanser-Verleger Michael Krüger in der Gala aus und machte ihn buchstäblich sprachlos. Ein weiterer Höhepunkt: Jean-Claude Izzos Liebeserklärungen an Marseille im „Limelight“, Mario Adorfs Lesungen der Autobiografie von Garcia Márquez im Schauspielhaus, der Auftritt von Smudo (Fanta vier) & Malmsheimer mit „Die Brautprinzessin“ im Gürzenich. Und und. So wie ein Abend zum Andenken an den Krimi-König George Simenon im Klingelpütz , dem Gefängnis. Oder auch die Begegnung einer Malerin, Maria Maria Lassnig, mit dem Autor Ernst-Wilhelm Händler im Museum Ludwig.
Doch natürlich ist jede Wahl subjektiv, sofort denkt man über Sinn und Unsinn von Ranglisten und den sogenannten Charts nach. Es gibt eben nicht nur zehn gute Bücher und zehn tolle Autoren. Nein, es gibt deren viele. Gottlob. Oder auch: Inch’Allah – so Gott will. Und all ihre verschiedenen Stimmen singen das Lied einer wunderbaren Vielfalt. Auch in diesen Zeiten. Shalom: Nächstes Jahr wieder in Köln, vom 17. bis zum 21. März. Lit.COLOGNE und Frühling gehören einfach zusammen.
Petra Kammann