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Frankfurter Buchmesse: Unmut gegen Direktor Rudolf von dpa-Redakteurin Nicola Prietze

Auf der am Montag zu Ende gegangenen Buchmesse wurden Vorwürfe gegen Messendirektor Lorenzo Rudolf laut: Er kenne die Buchbranche zu wenig, entscheide eigenmächtig und vernachlässige die Verlage.

Kommunikation und Dialog sind Wörter, die der aus der Schweiz stammende Buchmessendirektor gern und oft in den Mund nimmt. Die Buchmesse, die der frühere Leiter der Kunstmesse Art Basel seit zwei Jahren managt, nennt er einen Ort des kulturellen Austausches, einen Marktplatz für Ideen und freie Meinungsäusserung. Die Kommunikation nach innen scheint er aber weniger intensiv zu pflegen.

Massiver Unmut richtet sich vor allem gegen Rudolfs geplante Rechtemesse «Frankfurt in New York», aber auch gegen die Umstrukturierung der Buchmesse. Der Direktor habe mit Personalentscheidungen «ziemlich dazwischengehauen», heisst es in Buchmessekreisen.

Abteilungsleiter seien abgesetzt worden, darunter noch drei Wochen vor der Messe die Leiterin der technischen Abteilung. Sie war für die Umplatzierung sämtlicher knapp 7000 Aussteller zuständig, nachdem Rudolf mit der neu gebauten Halle 3 und dem neuen Forum die Hallenverteilung geändert hatte.

Anders als sein Vorgänger Peter Weidhaas ist Rudolf nach Ansicht der Kritiker kein Team-Mensch, sondern «kungele» viel mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Hubertus Schenkel, meint ein Buchmessen-Insider. Der neunköpfige Aufsichtsrat selbst bleibe oft aussen vor.

Auch bei dem Plan, wenige Tage vor der US-Buchmesse Book Expo America (BEA) Ende April 2002 in New York selbst eine Messe für den Handel mit Lizenzen einzurichten, hat sich Rudolf offenbar weder mit dem Aufsichtsrat noch mit amerikanischen oder deutschen Verlagen abgestimmt. «Das war ein Alleingang der Messedirektion», sagt ein Verleger aus Berlin.

Die Reaktionen der Buchbranche auf das Projekt reichen von Kopfschütteln bis zum Urteil «totaler Schwachsinn». Die Amerikaner empfinden das Frankfurter Konkurrenzprojekt als Eindringen in ihr Territorium und reagierten entsprechend säuerlich. Gespräche mit der amerikanischen Buchmesse führte Rudolf vorher nicht.

Die New Yorker Agentin für die S. Fischer Verlage, Barbara Perlmutter, sieht wie viele andere Branchenkenner «überhaupt keinen Bedarf» für eine weitere Rechtemesse. Viele deutsche Verlage reisten traditionell lieber vor der US-Buchmesse nach New York und verhandelten bei persönlichen Verlagsbesuchen.

Unter den kleinen Verlagen gibt es zudem Unruhe, weil Rudolf die Preise für kleine Buchmessenstände anheben will. Gleichzeitig beobachten die kleineren Aussteller, dass die grossen Buchkonzerne mit riesigen Ständen die Buchmesse dominieren und sich dabei mit ihren Bauten nicht einmal an Höhenvorschriften halten.

Eine Schlammschlacht?

«Es wird versucht, gegen mich Stimmung zu machen», kontert Rudolf die Vorwürfe, «leider läuft das alles auf der Gerüchteebene». Die Gerüchte hat er aber längst auch schriftlich: Seine Mitarbeiter haben ihm eine Liste mit Kritikpunkten geschickt. Darüber soll Mitte November in einer ausserordentlichen Aufsichtsratssitzung gesprochen werden.

Und so sieht es die Frankfurter Neue Presse

Der Frankfurter Buchmessendirektor Lorenzo Rudolf sieht sich wegen der geplanten Rechtemesse «Frankfurt in New York» und der Umstrukturierung der Frankfurter Buchmesse von mehreren Seiten angegriffen. «Es wird versucht, gegen mich Stimmung zu machen. Leider läuft das alles auf der Gerüchteebene, anstatt die Konflikte offen mit mir auszutragen», sagte Rudolf in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). in Frankfurt. «Ich finde es schade, dass man nicht das persönliche Gespräch mit mir sucht.»

Seine Pläne zur Umstrukturierung der Messe sowohl auf organisatorischer als auch auf programmatischer Ebene seien «nicht überall auf Freude gestoßen», räumte Rudolf ein. Das betreffe Personalentscheidungen ebenso wie etwa die neue Hallenaufteilung, von der sich einige Verlage ungerecht behandelt fühlten, und die Verlagerung von Länder- hin zu Themenschwerpunkten.

Diese Kritik falle zusammen mit einer gewissen Verstimmung unter amerikanischen und deutschen Verlagen wegen der Pläne, kurz vor der US-Buchmesse Book Expo America (BEA) Ende April 2002 eine zusätzliche Messe für den Handel mit Rechten und Lizenzen in New York einzurichten. Manche amerikanischen Verlage empfänden das Frankfurter Projekt als Eindringen in ihr Territorium. Auch stoße es vor allem bei solchen Verlagen auf Ablehnung, die ihre Verhandlungen schon vor der BEA bei Verlagsbesuchen in New York führten und diese wichtigen persönlichen Kontakte von einer Rechtemesse bedroht sähen.

Andere Verlage, die nicht über so enge Kontakte verfügten, hätten sehr wohl Interesse an einer solchen New Yorker Messe, sagte Rudolf. «Es gibt einen Bedarf, sonst wäre diese Idee auch gar nicht von amerikanischer Seite an uns herangetragen worden.» Nun solle in Gesprächen mit allen Beteiligten eine «für alle ideale Lösung» gesucht werden. Erste Gespräche habe er bereits geführt.

Zu der neuen Struktur der Frankfurter Buchmesse habe er grundsätzlich viel Zustimmung erhalten, sagte Rudolf. «Aber alle zufrieden zu stellen, das geht nie.» Es gebe da einen «Mix an Gründen und Emotionen», der einige Leute aus der Branche veranlasse, Gerüchte gegen ihn zu streuen. So werde das Argument ins Feld geführt, dass er als ehemaliger Leiter der Kunstmesse Art Basel das sehr auf persönlichen Kontakten basierende Buchgeschäft nicht gut genug kenne und sich nicht so stark um die Aussteller kümmere wie sein Vorgänger Peter Weidhaas. Das Geschäft mit der Kunst sei jedoch sehr viel persönlicher als das Buchgeschäft, meinte Rudolf. «Und es ist schlicht nicht möglich, alle 7000 Aussteller mit der gleichen Intensität zu betreuen. Wie in Basel hat für mich aber der persönliche Kontakt mit den Ausstellern oberste Priorität.»

Es gehe ihm jedoch persönlich nahe, dass seine Kritiker nicht offen mit ihm redeten. «Ich bin in vielen Branchen tätig gewesen, auch lange in der Kultur, aber sowas habe ich eigentlich noch nie erlebt.» Er werde aber nun «den Kopf nicht in den Sand stecken», sondern wolle auf die betreffenden Leute zugehen.

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