Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
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„Mütterliche Vorwürfe konterte er mit Geschichten“: Ein exemplarischer Fall für jene, die ihre Eltern in der alten Heimat zurückließen: Was den jiddischen Schriftsteller Salman Schneur zum Schreiben treib. „In den beiden Kisten, die Nethanel 2018 in Empfang nahm, befanden sich auch französische Briefe der Tochter an ihren Vater, jiddische Briefe der Mutter von Schneur an den Sohn und banale höfliche deutsche Briefe Schneurs an eine verheiratete junge Frau in Berlin. Da die Briefe für eine Edition wohl zu wenig hergaben, entschloss sich Nethanel, in drei Essays die emotionale Anspannung zu rekonstruieren, unter der Schneur wie viele andere jüdische Schriftsteller, die die Kleinstädte Osteuropas verließen, zeitlebens litt.“
Lilah Nethanel, Hebräische Schreibkultur in Europa. Zalman Schneurs verschollene Briefe (aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer; Vorwort von Yvaat Weiss; Vandenhoeck & Ruprecht)
„Als zöge ihm jemand die warme Decke weg“: Krieg wie im Krimi: Stefan Heyms früher Roman Flammender Frieden erscheint erstmals auf Deutsch. Auf Englisch kam er 1944 heraus, kurz nach der Invasion der Alliierten in der Normandie. Und er erzählt auch über diese Zeit. „Die gern beschworenen ‚jüngeren Lesergenerationen‘ werden sich in diesem Buch womöglich bewegen wie in einem James-Bond-Streifen aus den Sechzigern – zumal, wenn sie auf Worte wie ‚Mumpitz‘ oder ‚Humbug‘ stoßen.“
Stefan Heym, Flammender Frieden (aus dem Englischen von Bernhard Robben; C. Bertelsmann)
„Toleranz in Trippelschritten“: Die koreanische Schriftstellerin Kim Hye-jin erzählt in ihrem Roman Die Tochter von einer Frauenwohngemeinschaft. „Die Tochter ist ein kluger Roman über den Clash von Lebenswelten, Seinsentwürfen und Traditionsbeständen verschiedener Generationen im heutigen Südkorea.“
Kim Hye-jin, Die Tochter (aus dem Koreanischenvon Ki-Hyang Lee; Hanser Berlin)
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„Im Land der kurzen Sätze“: Eine Beziehungsratgeberin landet in Jütland und verzweifelt an der Einsilbigkeit der Leute: Mit dem Roman „Meter pro Sekunde“ beginnt die Entdeckung der fabelhaften Autorin Stine Pilgaard in deutscher Sprache. „Meter pro Sekunde schafft es, in einfacher Sprache die Sprache als Schatz zu preisen. Und zwar im Schweigen wie im Sprechen, im Schreien wie im Singen, im grammatikfreien Festhalten am Dialekt wie in der elaborierten Ausführung.“
Stine Pilgaard, Meter pro Sekunde (aus dem Dänischen von Hinrich Schmidt-Henkel; Kanon)
„Die Riefenstahl unserer Zeit“: Doron Rabinovicis Polit-Parabel Die Einstellung. „Im neuen Roman von Doron Rabinovici gibt es häufig Bezüge zur aktuellen Politik und den Medien sowie Anleihen bei real existierenden Personen. Das macht den Reiz dieses Buches aus, dessen Anspielungen Leserinnen und Lesern, die mit den Entwicklungen in Österreich vertraut sind, sicher klarer erkennen und entschlüsseln können als andere.“
Doron Rabinovici, Die Einstellung (Suhrkamp)
„Kunst des Vergessens“: Der Romanist Harald Weinrich ist gestorben. Nicht nur die Erfindung des Faches „Deutsch als Fremdsprache“ geht auf ihn zurück. „Am 27. Februar ist Harald Weinrich im Alter von 94 Jahren in Münster, seiner späten Wahlheimat, gestorben.“
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„Echt sei nur der atomare Sprengkopf“: Ein Staat des „als ob“: Vladimir Sorokin entwirft in seinem Erzählungsband Die rote Pyramide ein erhellend dunkles Bild von Russland. „Ein Zufall, natürlich, dass dieses Buch jetzt erscheint. Doch zeigt auch Die rote Pyramide einmal mehr und sehr eindrucksvoll, was Literatur zu leisten imstande ist. Im besten Fall untersucht sie mit den Mitteln der Kunst, losgelöst von Tagesaktualität und Nachrichtenlage, wie wir leben. Wie wurde, was ist.“
Vladimir Sorokin, Die rote Pyramide. Erzählungen (a. d. Russ. v. Andreas Tretner/Dorothea Trottenberg; Kiepenheuer & Witsch)