Danach fragen Kunden Umgeblättert heute: „Kurze Sätze mit lakonisch knallenden Schlüssen“

Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:

  • „Wie nützlich doch Häretiker waren“: Gelobt sei das Schisma: Heinz Schilling schreibt weiter an seiner großen Erzählung von der modernisierenden Kraft der neuzeitlichen Kirchen. „Schillings Buch integriert zahlreiche seiner früheren Publikationen. Es spiegelt die eindrucksvolle Fülle seiner Forschungen wider. Zugleich gibt es Fehlstellen. Frömmigkeit dient meist nur der Illustration sozialhistorischer Trends; statt um menschliches Innenleben geht es vorrangig um strukturelle Prozesse. Die Aufklärung findet nur auf wenigen Seiten des Epilogs statt. Vor allem fehlen zentrale Themen wie Mission, Kolonien, Religionsbegegnungen. Das ist mehr als nur eine sachliche Lücke, denn mit diesen heute besonders drängenden Themen verbindet sich die Frage, welche Rolle die Konfessionen eigentlich bei der Globalisierung des Christentums hatten.“
    Heinz Schilling, Das Christentum und die Entstehung des modernen Europa. Aufbruch in die Welt von heute (Herder)
  • „Laune in der Luft“: Im Schaum der Vorstadttage: Katharina Adler hat mit Iglhaut einen pointierten Wohlfühlroman über eine profane Heilige unserer Zeit geschrieben. „Die große Stärke des Romans ist sein Tonfall, pointiert und dabei so gut gelaunt, dass man sich ihm schwer entziehen kann (…). Kurze Sätze mit lakonisch knallenden Schlüssen, schlagfertige Dialoge, scharfe Be­obachtungen (…). Mit Anlauf stürmen einige originelle Metaphern ins Feld (…).Dieser blitzende Stil erinnert an heitere Onlineforen oder gelungene Twitter-Nachrichten.“
    Katharina Adler, Iglhaut (Rowohlt)
  • „Ein Mann der pragmatischen Entscheidungen“: Balanceakt in dunkler Zeit: Tobias Engelsing beschreibt das Leben seines Vaters, der NS-Propagandafilme produzierte und Freundschaften mit Widerständlern pflegte. „Es zählt zu den Errungenschaften einer neueren Geschichtswissenschaft, dass Biographien nicht mehr nur über große Häupter geschrieben werden. Herbert Engelsing war aber auch nicht unbedingt das, was man einen entscheidenden Funktionär nennen würde. Kein Mensch, der sich für normale Zeiten eignet ist ein Grenzfall zwischen privater und allgemeiner Geschichte, fällt insgesamt aber doch so aufschlussreich aus, dass man die Lektüre für Interessierte an der Alltagsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland ohne Weiteres empfehlen kann.“
    Tobias Engelsing, Kein Mensch, der sich für normale Zeiten eignet. Mein Vater zwischen NS-Film und Widerstand (Propyläen Verlag)

  • „Vier Mahlzeiten bis zur Apokalypse“: Das Buch 404 Error von Esther Paniagua beschreibt, was passiert, wenn weltweit das Internet ausfällt. Wie wahrscheinlich ist das? „Leider hat sie für dieses Buch offensichtlich niemanden getroffen, niemanden gesprochen. 404 Error liest sich deswegen wie der Browserverlauf eines depressiven Teenagers nach der dritten Dose Energydrink. Was schade ist. Weil das Thema des Buches auch als Gedankenexperiment von einer Aktualität und Dringlichkeit ist, die ein gelungenes Buch zur Pflichtlektüre gemacht hätte.“
  • „In sechs Jahren bin ich Papst“: Judith Kuckarts Roman Café der Unsichtbaren. „Das Absurde der Sorgentelefonanrufer, Riekes tragikomische Ernsthaftigkeit und von Schreys Fantasien über das Leben der anderen schaffen eine harmlose Komik, in die Judith Kuckart die philosophische Erkenntnis verpackt hat, dass man niemals in denselben Fluss steigen könne, und wenn es auch derselbe ist – mit dem optimistischen Zusatz, dass darin eine Chance steckt. Im Nachspann deutet sie an, dass sie das alles auch anders hätte erzählen können. Man kann sich nur freuen, dass sie es so gemacht hat, wie es vorliegt. Es macht nämlich großen Spaß.“

    Judith Kuckart, Café der Unsichtbaren (Dumont)

  • „Seine Spezialität war der lodernde Verriss“: Einseitig und grob war der Kritiker und Essayist Christian Schultz-Gerstein. Und dabei doch hellsichtig wie wenige. „Christian Schultz-Gerstein war ein echter Kritiker, weshalb er nicht bloß scheiterte, sondern unterging. Beim Spiegel war er als Verreißer beschäftigt und genoss den Zuspruch des Herausgebers Rudolf Augstein. Der hielt auch zu ihm, als sich fast der gesamte Betrieb darüber empörte, dass Schultz-Gerstein Reich-Ranicki mit einer Hochhuth-Anleihe als ‚furchtbaren Kunst-Richter‘ titulierte.“

    Christian Schultz-Gerstein, Rasende Mitläufer, kritische Opportunisten. Porträts, Essays, Reportagen, Glossen (Tiamat)

  • heute nichts
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