"Seine Bücher machten Lust auf das Fremde, machten Freude am Fremden, in diesen fremdenfeindlichen Zeiten" Helmut Lotz

Helmut Lotz

Helmut Lotz, Verleger der Edition diá,  ist am Samstagmorgen den 31.10.2020 im Alter von 65 Jahren in Berlin gestorben. Die Urnenbeisetzung findet (Corona bedingt) aber erst im Mai 2021 zu seinem Geburtstag statt. Sein Mitgeschäftsführer Kai Precht sagt: „Er wollte eine Feier. Die soll er haben“.

Harald Wieser erinnert in einem Nachruf an den „höflichen Verleger Helmut Lotz“: 

Kaum tröstliche Traurigkeit verspürt selbst einer, der ihm persönlich niemals begegnet ist. Unser Gesprächs – Ort war das Telefon, manches Mal wohl dreimal am Tage. Dort pflegten wir die gemeinsame Liebe zu Emmanuel BOVE, dem kleinen leisen Bruder Marcel Prousts: der die Menschen auf seinen Spaziergängen durch das Paris der armen Leute im frühen 20. Jahrhundert wie ein Radiologe durchschaute und dem Helmut Lotz eine vielbändige, von Thomas Laux ins Deutsche übertragene, Gesamtausgabe widmete. Vor allem aber verlegte die EDITION DIA und wird es wohl auch in Zukunft tun, Bücher, die Lust (!) auf das Fremde machen. Freude am Fremden. In diesen fremdenfeindlichen Zeiten.

Den Verlag hatte der gelernte Buchhändler 1984 in seiner Heimat Wuppertal aus einem Dritte-Welt-Laden heraus riskiert: gemeinsam mit dem brasilianischen Ethnologie – Fotografen Ricardo von Buettner. 1995 kam Kai Precht hinzu, der in Namibia lebt und den er, trotz der Entfernung „wie einen Baum“ empfand, „der mich trägt“. „Wenn es nicht so anmaßend klänge“, hat er einmal gesagt, „dann empfänden wir uns als Urenkel des Reisenden Alexander von Humboldt“.

Aber da, nach einem Wort Arno Schmidts, „die schönsten Abenteuer im Kopf stattfinden und Reisen ins Portemonnaie greifen, ging er seiner Leidenschaft und seiner Sorgfalt in seinen vier Wänden mit dem Finger auf der Landkarte nach. Eine verzehrende Krankheit, gegen deren Bürde er acht Jahre lang kämpfte, erschwerte ihm schließlich beinahe jeden Tagesbeginn. Aber er raffte sich auf, bewältigte seine selbst-auferlegten Pflichten – und griff zum Hörer. Ein einst kräftiger Mann, der nur noch das Gewicht eines größeren Kindes in den Rollstuhl brachte. Bei diesen Telefonaten waren es nicht wir, die noch Gesunden, die i h n stärkten. Er ermutigte uns, mit unseren kleinen Sorgen. Man mag sich nicht vorstellen, welche Energie er ohne seine Erkrankung ausgestrahlt hätte; mit einer Höflichkeit, deren Verkörperung er geradezu war.

Mit seinem letzten verlegerischen Mut hat Helmut Lotz, die Hebamme seiner Autoren, ein Buch entbunden, das er selber zu seinen wertvollsten zählte: Birgit Kahles „Schau nicht hin, schau nur geradeaus“. Es erzählt von einer deutschen Flucht im Jahre 1945 aus der Sicht eines sieben- jährigen Mädchens. Es hält auch jenen unter uns den Spiegel vor, denen es an Mitgefühl für die heute in aller Welt Flüchtenden mangelt. Es bebildert einen Heimatverlust. Seine Heimat war die Suche nach dem weckenden Wort.

Nun lässt er einige seiner Freunde womöglich so zurück,
wie es Dorothy Parker ironisch einst mit diesem Wort ahnte: „Wenn das Telefon nicht klingelt, weiß ich, dass Sie es sind“.

Harald Wieser

Kommentare (1)
  1. Lieber Helmut!
    Ich trauere um Dich, einen besonderen, einen feinen Menschen. Mit weitem Herzen und weiter Sicht. Der meinen eigenen Verlagsweg ebnete und mein Freund blieb. Wir werden Dich feiern an Deinem Geburtstag, und ich werde Dich nicht vergessen.
    Heike

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