Heute 125 Jahre Deutsches Buch- und Schriftmuseum in Leipzig / Interview mit Leiterin Dr. Stephanie Jacobs

Stephanie Jacobs

Heute Abend feiert das Buch- und Schriftmuseum in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig mit einer Podiumsdiskussion seinen 125. Geburtstag. buchmarkt.de hat mit Dr. Stephanie Jacobs, der Leiterin des Museums, über Gegenwart und Zukunft des ältesten Museums auf dem Gebiet der Buchkultur gesprochen.

buchmarkt.de: Sie feiern heute den 125. Geburtstag des Deutschen Buch- und Schriftmuseums, die neuen Räume werden aber erst Ende nächsten Jahres fertig. Ist Ihnen da überhaupt nach Feiern zumute?

Dr. Stephanie Jacobs: Tatsächlich ist unsere derzeitige Situation ein Provisorium zwischen Baustelle und halbgepackten Koffern: Die alte Dauerausstellung haben wir im vergangenen Herbst baubedingt geschlossen, in die neuen Räume kommen wir erst Ende nächsten Jahres. Aber im Trubel lässt es sich erfahrungsgemäß ebenso gut feiern – vielleicht sogar etwas unbeschwerter.

buchmarkt.de: Seit zweieinhalb Jahren arbeiten Sie im Buch- und Schriftmuseum, mit dem Jubiläum haben Sie nun das erste große Ereignis erreicht. Wie war der Weg bis dorthin, und was kommt bis zum nächsten großen Ereignis, der Eröffnung des Museums, noch auf Sie zu?

Dr. Stephanie Jacobs: Es waren zweieinhalb turbulente Jahre: für meine Familie und mich die Eroberung einer neuen, quicklebendigen Stadt, für das Museum der Abschied vom Alten und die Neugier auf den Neubeginn. Mit Hochdruck arbeiten wir an den Vorbereitungen des Umzugs aller Bestände und am Feinschliff für die neue Dauerausstellung. Nach fast sechzig Jahren am selben Standort kommt dabei so manche Überraschung ans Tageslicht. Die Geduld der Mitarbeiter ist dabei das größte Pfund, auf das der bevorstehende Umzug sich verlassen kann.

Im Erweiterungsbau der Deutschen
Nationalbibliothekerhält das
Museum Ende 2010 einen
attraktiven Lesesaal, neue
Ausstellungsflächen und museale
Infrastruktur
© Gabriele Glöckler/Jan Forner

buchmarkt.de: Die neue Dauerausstellung, die Ende nächsten Jahres eröffnet, erzählt eine kurze Mediengeschichte der Menschheit. Ist der Name Buch- und Schriftmuseum überhaupt noch aktuell in einer Zeit, in der die digitalen Netzwelten das Verhältnis zum Buch zu bestimmen beginnen?

Dr. Stephanie Jacobs: Ob der Name Deutsches Buch- und Schriftmuseum schön ist, darüber lässt sich streiten. Dass er aktuell ist, daran zweifele ich jedoch nicht. Unsere Sammlungen zielen seit einhundertfünfundzwanzig Jahren auf das Buch mit seinen zahllosen Gesichtern. Um den Wissensspeicher Buch geht es letztlich auch, wenn wir nach den Wissensspeichern der dritten Medieninnovation, der digitalen Netzwelt, fragen. Nur weil wir uns – natürlich – auch den heutigen Medien zuwenden, krempeln wir ja nicht unsere lange Sammlungsgeschichte um.

Handschrift mit Gebeten und
Zauberformeln auf Rinde,
Sumatra um 1800

buchmarkt.de: Im Wallstein Verlag ist anlässlich des Jubiläums eine Festschrift unter dem Titel „Zeichen – Bücher – Wissensnetze“ erschienen. Was erwartet den Leser in diesem Buch?

Dr. Stephanie Jacobs: Den Leser erwartet ein Mosaik aus fünfzig Beiträgen von Historikern, Kulturpolitikern, Medientheoretikern und anderen Büchermenschen, die sich aus Anlass unseres Jubiläums Gedanken über die Themen Buch, Bibliothek und die Zukunft der Medien gemacht haben – unter ihnen Norbert Lammert, Bernhard Fabian, Klaus-Dieter Lehmann, Hans-Magnus Enzensberger. Herausgekommen ist dank des Wallstein Verlages ein wirklich schönes Buch, dessen Gestaltung auf wunderbare Weise unsere derzeitige Situation spiegelt: In der Umschlaggestaltung klassisch gediegen, wie sich das für eine alte Kulturinstitution gehört. Innen aber findet sich ein Feuerwerk an unkonventionellen, manchmal auch schrägen Lösungen – eben wie auch bei einem Umzug vieles Kopf steht. Ob Seitenzahlen, Kolumnen, Ränder oder Einzüge: Alles ist verkehrt herum.

buchmarkt.de: Im Prolog zu diesem Buch schreiben Sie von einer „Zeit, in der landauf landab Museen schließen müssen“. Was hat das Buch- und Schriftmuseum vor diesem Schicksal bewahrt?

Dr. Stephanie Jacobs: Viele glückliche Umstände, aber auch eine kontinuierlich gute Arbeit. Von den glücklichen Umständen möchte ich exemplarisch einen herausgreifen: Als das Museum 1922 finanziell am Abgrund stand und der Verkauf der Gutenbergbibel der einzige Ausweg zu sein schien, hat sich eine Reihe der damals berühmtesten Künstler – unter ihnen Paul Klee, Lovis Corinth, Oskar Kokoschka und Käthe Kollwitz – dazu entschlossen, zugunsten des Museums eine Grafikmappe als Künstlerspende zusammenzustellen und zu verkaufen. Der Erfolg war schlagend, der Verkauf der Gutenbergbibel konnte verhindert werden.

buchmarkt.de: Öffnen Sie die Tür zum neuen Buch- und Schriftmuseum im 4. Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig schon einen Spalt: Was wird der Besucher dort zu sehen bekommen?

Dr. Stephanie Jacobs: Die neue Dauerausstellung erzählt ein Stück Menschheitsgeschichte. Unter dem Titel „Medien prägen Kultur: Schrift – Buch – digitale Netze“ werden wir einerseits wunderbare Zeugnisse der Schrift- und Buchgeschichte zeigen, andererseits den historischen Bogen vom Beginn der Schriftlichkeit im 4. Jh. v. Chr. bis in die Zukunft schlagen. Zentrale Fragen werden sein: Was bedeutet es, mit der Schrift als erstes Medium der Menschheit ein Speichermedium in der Hand zu haben, das Kommunikation über zeitliche und örtliche Grenzen möglich macht? Was bedeutet der Buchdruck mit beweglichen Lettern für die Gesellschaft am Beginn der Neuzeit? Wie sehen die Wissenswelten aus, nachdem das Buch im Zeitalter der Industrialisierung zum Massenprodukt wurde? Wie hängen Zensur und Buchdruck zusammen? Diese und viele andere Fragen werden uns in der neuen Ausstellung beschäftigen.

Interview: Katharina Bendixen

Die Jubiläumsfeier findet am 24. September um 19 Uhr im Deutschen Buch- und Schriftmuseum statt. Prof. Dr. Wolfgang Ernst (Humboldt-Universität Berlin), Michael Faber (Kulturbürgermeister Leipzig) und Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider (Universitätsbibliothek Leipzig) diskutieren nach der Begrüßung von Michael Fernau (Direktor der Deutschen Nationalbibliothek) und einer Einführung von Dr. Stephanie Jacobs (Leiterin Deutsches Buch- und Schriftmuseum) über „Buch-Orte gestern und morgen“. Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt ist frei.

Die Festschrift „Zeichen – Bücher – Wissensnetze. 125 Jahre Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek“ ist im Wallstein Verlag erschienen. Das Buch hat 392 Seiten und kostet 19,90 Euro.

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