Aus dem aktuellen BuchMarkt-Heft: „Der Börsenverein lebt wie in einer Parallelwelt“

Birgit Grallert (c) Regina Tappert

Die Leipziger Buchhändlerin Birgit Grallert hat im aktuellen BuchMarkt-Heft in zehn Thesen formuliert, wo sie Handlungsbedarf bei der Arbeit des Börsenvereins sieht. Ihre Meinung dazu?

These 1: 

  • Der Börsenverein als Verband der Buchbranche lebt wie in einer Blase, wie in einer  Parallelwelt

Der BV ist zu sehr mit sich beschäftigt und weiß zu wenig was seine Mitglieder bewegt, welche Unterstützung die Mitglieder brauchen. Er setzt die Forderungen der BV-Mitglieder zu wenig um. Wenn sich Mitglieder an den BV wenden passiert anschließend fast nichts, ihre Meinungen werden auch selten einbezogen. Ideen, Vorschläge der Mitglieder zur Arbeit des BV aus Veranstaltungen wie Zukunftskonferenz 2014, Buchcamp und aus Appellen und Beschlüssen der  Landesverbände wurden kaum behandelt oder aufgegriffen.

These 2: 

  • Struktur und Satzung des BV verhindern, dass Mitglieder ausreichend mitbestimmen können

Beides verhindert einen modernen und demokratischen Interessenverband. Mitglieder fühlen sich viel zu oft nur wie Bittsteller. Die Satzung sagt kaum etwas/ zu wenig über die Kommunikationspflichten des BV gegenüber seinen Mitgliedern. Es gibt keine Spartengerechtigkeit. Was uns als großer Vorteil angepriesen wird, alle drei Buchbranchen-Sparten in einem Verband, erweist sich leider oft als Nachteil. Die Interessen der 3 Sparten werden nicht „gleich stark“ vertreten. Die Interessen des verbreitenden Buchhandels werden weniger als notwendig verfolgt.

These 3: 

  • Der Antragsteller wird nicht einbezogen in eventuelle Überlegungen des BV zu den Anträgen

Obwohl die Verbandsmitglieder zur HV Initiativanträge an den BV stellen können, gibt es selbst für mehrheitlich beschlossene Anträge keinen Paragraphen, keine Pflicht, dass die Anträge nach einem Jahr vom BV besprochen und umgesetzt werden. Der Antragsteller wird fast nie mit einbezogen in eventuelle Überlegungen des BV zu den Anträgen. Der Stellenwert der Mitglieder für den BV wird  auch in Verbandsveranstaltungen- und Sitzungen bei der Organisation deutlich. Wie in den BV-Hauptversammlungen. Dort sind Belange der Mitglieder an die letzte Stelle gerückt. Wenn die Mitglieder ihre Themen nach endlosen Formalien endlich behandeln wollen, ist fast immer schon ein erheblicher Teil der Teilnehmer*innen abgereist.

These 4: 

  • Die 2015 beschlossene Strukturreform des BV war Augenwischerei

Verbessert wurde dadurch nichts, geändert wurden nur die Namen der Gremien. Es kommt einfach nicht zu mehr Partizipation. Die bisherigen Arbeitsgruppen und Arbeitskreise wurden dabei sukzessiv in Interessengruppen  umgewandelt.  Was jemals für Ideen aus den  Interessengruppen gekommen sind, erfährt man nicht. Es fehlen Sitzungsprotokolle um die Arbeit nachzuvollziehen. In wie weit diese Ideen Einfluss auf die Arbeit des BV haben, erfährt man ebenfalls nicht.  Ob eine IG gegründet werden darf entscheidet der BV, wenn der BV meint die IG braucht man nicht, kann er die IG auch verhindern.

These 5: 

  • BV kümmert sich um zu wenig um die Themen und Sorgen seiner Mitglieder

Man kümmert sich stattdessen um Dinge, von den die Mitglieder nicht oder nur im geringen Maße profitiert. Beispiele sind der EU-Auftrag Pilotprojekt „Platform(s) for cultural content innovation“. Um die Fördermittelvergabe von der nur ein Bruchteil der Mitglieder profitiert und auch Nicht-Mitglieder. Um als Preisvergabe getarnte Gütesiegel, Bearbeitung der Geldvergabe von  Neustart Kultur auch an Nicht-Mitglieder, bei der Tochterfirma MVB um Bewerbung und Verkauf von VLBTIX ins Ausland.

These 6: 

  • Die Umsatz-Statistiken des BV beinhalten nicht die Umsätze der Verbandsmitglieder aus den vielen kleinen Buchhandlungen

Diese kommen in den Erhebungen der beauftragten Kontroll-Firmen nicht vor. Die Vermutung liegt nah, dass deren Umsätze nur geschätzt oder hochgerechnet werden. Auf Nachfrage von mir beim Stabsbereich Marktforschung, wie Umsatz-Zahlen der kleinen Buchhandlungen ermittelt würden und wo sie einfließen, erfuhr ich die Barsortimente und Einkaufsgenossenschaften würden die Umsätze weiter melden. Ich fragte dort nach und erfuhr, das stimmt nicht.  Überlegungen wie diese  Umsätze einbezogen werden könnten, wären notwendig.  

These 7:

  • Die Kommunikation und die Transparenz des BV gegenüber seinen Mitgliedern sind sehr ungenügend

Die Organisation des Hauptamts in Stabsbereiche, wie beim Militär oder öffentlichen Verwaltungen, ist sowas von absurd und zum Kopfschütteln. Ein Verband der sich mit Kulturgütern, Sprache und Wissenschaft beschäftigt, gibt einen Haufen Geld aus, für mehrfache Umbenennungen seiner Bereiche, und auch für eine Internetseite, welche für die Kommunikation mit den Mitgliedern ganz und gar ungeeignet ist. Ähnlich ist es bei dem regelmäßigen Newsletter, den der BV und seine Gremien an interessierte Mitglieder weitergeben. Diese sich aussageschwach und oft uninteressant. Der BV ist sogar stolz, dass nur hinter verschlossen Türen getagt wird. Die Mitglieder erfahren nichts darüber was im Vorstand und den Gremien besprochen wurde, welche Argumente für oder gegen anstehende Entscheidungen angebracht wurden. Wie dort Abstimmungen ausfallen. Es geht mir nicht um geheim zu haltende Details. Ein anderes Beispiel: Bei der Studie „Buchkäufer – quo vadis?“ 2018 wurden zuerst die Medien informiert, erst Monate später erfuhren die BV-Mitglieder Details. Die Studie hätte vorher im Verband diskutiert werden müssen und dann den Medien mit entsprechenden gemeinsam besprochenen Handlungsvorhaben mitgeteilt werden. So sahen die Buchhandlungen trotz ihrer ganzen engagierten Arbeit schlecht aus.

These 8:

  • Das Marketing des BV ist sehr ungenügend

Wenn der BV Werbekampagnen beauftragt und bezahlt wie „Jetzt ein Buch“ und „Buchmomente“, sollten die Verbandsmitglieder im Mittelpunkt stehen. In der Werbekampagne des BV  geschieht das nicht und sie waren/sie sind schlecht gemacht. Dadurch sind sie so gut wie nutzlos. Es sollte nicht  für „das Buch“ Werbung gemacht werden sondern für den stationären Buchhandel vor Ort. Es gibt für alle Marketing- und Leseförderungsprojekte kein Controlling und keine Auswertung. So werden gemachte Fehler nicht sichtbar, nichts kann verbessert werden. Auch der Ideenpool der Mitglieder wird nicht einbezogen.

These 9:

  • Dringende Branchenthemen werden zu lange nicht behandelt

Am 25.11.20 beauftragte der Vorstand des Börsenvereins das Hauptamt per Beschluss, aus gegebenem Anlass die Novellierung Buchpreisbindungsgesetzes voranzutreiben. Neben den bisher vorgesehenen Änderungen im Text des Buchpreisbindungsgesetzes (§§ 6, 9) wird das Hauptamt gebeten, alternative Lösungswege mit der gleichen Zielsetzung vorzustellen und zu bewerten. Jetzt nach mehr als 3 Monaten, wurden die Mitglieder nicht darüber informiert, ob und was bisher dazu passiert ist. Der notwendige umfassende Austausch zwischen dem BV und seinen Mitglieder zum Thema erfolgt wie immer nicht.

These 10:

  • Der BV erfüllt seine Funktion als Gesprächsleiter und Vermittler zwischen den Sparten nur unzureichend

Neue Branchenvereinbarungen zu aktuellen Themen wären notwendig, wenn es politisch und rechtlich kein Vorankommen gibt. Außerdem muss ich nach fast 30 Jahren Mitgliedschaft im BV immer noch feststellen das Hauptamt, Buchhändler, Verleger und Zwischenbuchhändler nur wenig über die Abläufe der jeweilig anderen wissen.  Es wäre für Verständnis und Problemlösungen wichtig, dass der BV mit seinen Gremien ein Austausch-Programm organisiert. Buchhändler und Zwischenbuchhändler sollten in Verlage gehen und umgekehrt.

Kommentare (4)
  1. Im wesentlichen stimme ich dem zu, habe aber auch Ergänzungen.

    Das der inhabergeführte Handel vor Ort kaum Unterstützung erfährt, wurde auch deutlich als man buchhandel.de abschaltete. Grund war wohl, dass die Zwischenhändler Angst um ihre White Label-Shops hatten. Die Folgen sind jetzt wohl besonders spürbar.

    Des weiteren fehlen die Punkte Cancel Culture und politische Ausrichtung. Warum engagiert sich der Börsenverein so stark für linke und teilweise antidemokratische Themen und Initiativen?

    Auch unglaublich das Verhalten gegenüber der Buchhändlerin Frau Dagen, der Schriftstellerin Monika Maron und Uwe Tellkamp.

    Auch hier wird die Parallelwelt deutlich.

    Und jüngst war sich Herr Skipis nicht zu schade die Regierung Merkel auch noch zu loben, dass sie unsere Läden schliesst und geschlossen lässt. „Sie kämpft tatsächlich wie eine Löwin für den ihr anvertrauten Kulturbereich und wird alles dafür tun, dass der Buchhandel so schnell wie möglich wieder geöffnet wird“, schwafelt er, statt zu fragen warum Wettbüros offen sind und öffentlicher Nahverkehr stattfindet, obwohl es eine Pandemie gibt (!?).

    Vielleicht kann uns Herr Skipis bei so viel Abstand zum Buchhandel und so viel Nähe zur Regierung Merkel erklären warum das Virus im Bus und im Wettbüro weniger, bzw. gar nicht gefährlich ist, aber dafür in einer Buchhandlung.

  2. Speziell zu These 10 ist vonseiten der Nachwuchs-AG ein Azubi-Austauschprogramm zwischen – im ersten Schritt – Verlagen und Buchhandlungen geplant, um ein umfassenderes Verständnis für die Abläufe, konkreten Bedürfnisse und Problemstellungen beider Seiten zumindest in der neuesten Generation zu ermöglichen, sodass langfristig aus dieser heraus ein Mit- statt Nebeneinander beider Marktteilnehmergruppen entstehen kann.

  3. Der Börsenverein gefällt sich in einer semi-politischen Rolle. Man gibt sich wichtig und staatstragend. Aber wichtiger als die Repräsentation ein würdigen Branche wäre, wenn von dieser großen Instution auch mal Impulse ausgingen, wenn sie nicht nur verwalten sondern auch gestalten würde. Es fehlt das Feuer und die Fantasie. Und leider fehlt auch immer wieder der Blick in die Fläche. Es sind nicht die großen Onliner und Filialisten, die unsere literarische Landschaft so besonders machen, sondern die vielen Sortimenter/innen, die nicht nur einen Job machen, sondern voll Leidenschaft sind – so wie die muige Birgit Grallert. Chapeau!

  4. Ich kann diesen Thesen nur unterstützen. Es ist doch ein offenes Geheimnis, dass viele von uns unzufrieden mit der Interessenvertretung der kleinen und mittleren Buchhandlungen im Branchenverband sind. Immer wieder brachten die Mitglieder zum Ausdruck, dass sie sich mehr Einsatz für ihre existenziellen Themen wünschen, mehr Gedankenaustausch der Branche mit dem Verband und das dieser Austausch dann auch Ergebnisse bringt. Auch wünscht man sich weniger Einfluß der großen Buchketten und Verlage im Verband und im Gegenzug mehr Einfluss der kleinen und mittleren Buchhandlungen und Verlage. Warum kann der Verband Gedanken wie diese Thesen nicht als Chance betrachen, sie annehmen und sich damit auseinandersetzen? Weder konnte ich eine Reaktion des Börsenvereins im Börsenblatt (Online wie gedruckt) finden, noch in einem anderen Branchenblatt. Das wäre mal ein Schritt in die richtige Richtung. Probleme unter den Tisch kehren, hatten wir schon zu lange im Börsenverein.

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