Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Ralf Tornow?

Seit dem 6. Dezember (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2021 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet Ralf Tornow (Geschäftsleitung Marketing und Vertrieb bei Klett-Cotta) unseren „anderen“ Fragebogen: 

Ralf Tornow: „Dieses Jahr hat gezeigt, dass es bei aller notwendigen Risikoabwägung unerlässlich und von großem Nutzen ist, eine gewisse Gelassenheit und ein Grundvertrauen in die Resilienz der Branche zu bewahren. Das haben wir zwar ordentlich hinbekommen, ist aber bestimmt ausbaufähig“

 

Welcher Tag war Ihr schönster in diesem Jahr?

Wie wahrscheinlich für die meisten Kolleginnen und Kollegen war dieses Jahr für mich eine emotionale Achterbahnfahrt. Deshalb fällt es schwer, einen einzelnen Tag hervorzuheben. Umso mehr freut es mich derzeit Tag für Tag zu erleben, wie wir als Verlag aber auch wie viele großartige Buchhandlungen das Jahr zu meistern scheinen.

Worüber haben Sie sich 2020 am meisten geärgert?

Die (notwendige) Absage der Buchmessen, Buchtage, Verlegertage, Vertretersitzungen usw.. Ohne direkte Begegnungen mit Buchhändlerinnen und Buchhändlern oder auch Verlagskolleginnen und -kollegen ist zwar nicht alles nichts, aber es fehlt ein ganz wesentlicher Bestandteil dessen, weshalb ich diesen Beruf liebe. Vielleicht ist der Begriff „ärgern“ hier nicht ganz richtig verwendet, aber frustriert hat mich das schon sehr.

Was war 2020 Ihr schönster Erfolg?

Der Erfolg von Iris Wolffs wunderbarem Roman „Die Unschärfe der Welt“, neben der Nominierung für den Deutschen Buchpreis dabei vor allem die Platzierung auf der Shortlist für das „Lieblingsbuch der Unabhängigen“.

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

Dass unser extrem starkes Frühjahrsprogramm zum Teil auch wegen Erscheinungsterminen, die direkt mit dem ersten Lockdown zusammenfielen, nicht sein volles Potential ausschöpfen konnte.

Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?

In diesem Jahr möchte ich da keine Buchhandlung hervorheben. Es war und ist schlicht fantastisch, was die große Mehrheit der Buchhändlerinnen und Buchhändler in diesem Jahr geleistet hat. Ohne ihren fulminanten Einsatz für das Buch hätte uns alle diese Krise weit härter getroffen.

Mein Dank gilt aber auch unseren Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern, die dieses schwierige Jahr mit ihrem Engagement, ihrer Begeisterungsfähigkeit und nie versiegender Energie zu einem zu guter Letzt noch sehr erfolgreichen für Klett-Cotta gemacht haben.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im kommenden Jahr nichts mehr lesen?

Davon, wie angeblich rückständig unsere tolle Branche sei. Gegenbeispiele gibt es nicht erst in diesem Jahr in großer Zahl.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Davon, dass der erzwungene Rückzug ins Private bei vielen Menschen (hoffentlich) zu einer Rückbesinnung aufs Lesen geführt hat.

Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?

Dieses Jahr hat gezeigt, dass es bei aller notwendigen Risikoabwägung unerlässlich und von großem Nutzen ist, eine gewisse Gelassenheit und ein Grundvertrauen in die Resilienz der Branche zu bewahren. Das haben wir zwar ordentlich hinbekommen, ist aber bestimmt ausbaufähig.

Und welchen Fehler werden  Sie trotzdem wiederholen?

Mich über Fehler zu sehr aufzuregen.

Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?

Neben Iris Wolff ist der Erfolg von Heino Falckes Buch „Licht im Dunkeln“ für mich persönlich besonders schön. Dies deshalb, weil dabei unsere Vermarktungskonzepte in Kombination aus Pressearbeit und Marketing in jeder Hinsicht aufgegangen sind. Eine solche Bestätigung kommt gerade zum Abschluss eines so außergewöhnlichen Jahres zur rechten Zeit.

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Wir beginnen das Jahr mit der Veröffentlichung von Bernardine Evaristos Booker-Prize prämiertem Roman „Mädchen, Frau etc.“ bei Tropen mit einem Paukenschlag. Das Buch war der erfolgreichste literarische Titel des letzten Jahres in England und wird uns hoffentlich mit reichlich Rückenwind ins Jahr 2021 starten lassen. Die Veröffentlichung von J.R.R. Tolkiens bisher unveröffentlichten Texten zu „Natur und Wesen von Mittelerde“ im Sommer wird uns in Verbindung mit der heiß erwarteten TV-Serie zudem wieder ganz ins Zentrum des Interesses der Fantasy-Leserinnen und -Leser bringen.

Von wem würden Sie gern auch mal  die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Von Dir, lieber Christian!

Gestern antwortete Tim Jung, morgen fragen wir Bernhard Schmid.

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