Stephan Schierke beschreibt, worauf die Branche jetzt zusteuert, wenn sie bei steigenden Lohn-, Material- und Transportkosten nicht gegensteuert „Der Kosten-Tsunamie rollt an“

Stephan Schierke: „Wenn alle, die sich angesprochen fühlen, für jeweils fünf neue Titel sechs schlecht verkäufliche Titel makulieren oder verramschen, dann bewegen wir uns in die richtige Richtung“

VVA-Geschäftsführer Stephan Schierke beschreibt, worauf die Branche jetzt zusteuert, wenn sie bei steigenden Lohn-, Material- und Transportkosten nicht gegensteuert. Zum Beispiel mit weniger Titeln und höheren Buchpreisen. Wir sprachen in unserem Dezember-BuchMarkt (ab Seite 22) mit ihm.

Herr Schierke, Sie haben im November bei der Herbsttagung der Fachausschüsse auch gemeinsam mit den Kolleg*innen der anderen FA getagt. Ganz kurz: Wie war die Stimmung?
Stephan Schierke: Trotz der zahlreichen Herausforderungen war die Stimmung aus meiner Sicht vergleichsweise gut. Viele waren sicher froh, endlich wieder von Angesicht zu Angesicht diskutieren zu können.
Um welche Themen ging es denn in der gemeinsamen Sitzung?
Außer den Dauerbrennern VLB-TIX, §6.3 BuchPrG und Nachhaltigkeit gab es einen Austausch über die möglichen Folgen des Wahlergebnisses für die Buchbranche. Schwerpunkt des Austauschs war jedoch die Bewertung der volkswirtschaftlichen und politischen Entwicklung für unsere Branche.
Im Pressegespräch haben Sie davon gesprochen, dass der „Schuh drückt – und er wird noch viel stärker drücken …“. Wo drückt er denn besonders schmerzhaft?
Er drückt vor allem auf der Kostenseite. Steigende Kosten für Papier und Verpackung, für Energie und Transport, vor allem aber für Personal im Niedriglohnsektor.
Sieht das bei den anderen Fachausschüssen ähnlich aus?
Der Tenor ist in allen Ausschüssen der gleiche, was für den einen Papier ist, ist für den anderen Verpackung, was für Zwischenbuchhändler eine Hilfskraft ist, ist für das Sortiment eine Aushilfe im Verkauf.
Es wurde von einem Kosten-Tsunami gesprochen, der da auf die Branche zukomme … 
Ganz genau und das Bild passt fast perfekt: Nach einer Phase der relativen Ruhe, mit stabilen Kosten, geringer Inflation und moderaten Lohnkostensteigerungen, rollt jetzt eine Riesenwelle auf uns zu.
Für die Verlage ist vor allem die Entwicklung der Papierpreise dramatisch. Wie wirkt sich das bei Ihnen aus?
Kartonage ist das Papier des Zwischenbuchhandels. Es liegt bei vielen Marktteilnehmern unter den Top 5 Kostenpositionen. Allein in diesem Jahr hat es Preissteigerungen von 20-30 Prozent, in Einzelfällen sogar noch mehr gegeben. Und das scheint nur ein Vorgeschmack zu sein. Die Lieferanten haben bereits weitere Preiserhöhungen im signifikanten zweistelligen Bereich signalisiert.
Für Sie scheint das Thema Mindestlohn besonders dramatisch zu sein. Können Sie erläutern, warum das so existenziell ist?
Je nach Technisierungs- und Outsourcinggrad (z.B. der IT) machen Personalkosten ungefähr zwei Drittel der Gesamtkosten einer Verlagsauslieferung aus. Wenn man bei Barsortimenten den Wareneinsatz außen vor lässt, sind auch dort die Personalkosten dominant. Die drohende ad hoc Erhöhung des Mindestlohns wird dementsprechend nicht spurlos an uns vorbei gehen. Hinzu kommt, dass die Formel zur Ermittlung des Mindestlohns viele Dinge außen vor lässt, z.B. Weihnachts- und Urlaubsgeld oder zusätzliche Urlaubstage. Darüber hinaus stellt sich das Problem, dass das besser qualifizierte Personal auf einen gewissen Lohnabstand zum Mindestlohn drängen wird. Diesen „Kaskadeneffekt“ kenne ich aus anderen Ländern. In Kombination mit einer hohen Personalkostenquote führt die avisierte 25-prozentige Erhöhung des Mindestlohns schnell zu einer Gesamtkostensteigerung im hohen einstelligen Bereich oder wird sogar zweistellig ausfallen.
Gleichzeitig sei es schwierig, überhaupt an Personal zu kommen. Sie sagen, es herrscht ein Mangel an „leistungswilligen Leuten“, die bereit zu körperlicher Arbeit sind … 
Genau, der Mindestlohn ist ein Schock, wird aber – schneller als es uns lieb sein dürfte – durch marktbedingt höhere Löhne überholt. Am Rande unserer Diskussion hieß es, dass Picker und Packer nicht mehr verdienen dürften als Buchhändler. Doch das ist kein Naturgesetz. Angebot und Nachfrage werden die Bezahlung, also den Preis für die Arbeit an bestimmten Stellen, regeln. In den USA zahlen bereits viele Logistiker im Lager so viel wie im kaufmännischen Bereich.
Haben Sie denn die Chance, die Kostensteigerungen auf Personalseite durch Einsparungen in anderen Bereichen auszugleichen?
Hier greift wieder das Bild vom Tsunami: Wir haben eine lange Phase von Rationalisierung und sinkenden Stückkosten hinter uns. Die Unternehmen des Zwischenbuchhandels sind zum Teil hoch automatisiert. Da ist in den nächsten fünf bis zehn Jahre wenig zu erreichen. Für die anderen ist der Weg zur Automatisierung schwer, weil entweder die hierfür notwendige kritische Betriebsgröße nicht erreicht wird oder selbst bei einer sofortigen Bestellung erst in zwei Jahren geliefert werden kann. Zudem dürfte es vielerorts am notwendigen Know-how mangeln.
Christiane Schulz-Rother vom Sortimenter-Ausschuss hat im Pressegespräch darauf hingewiesen, dass der Tsunami letztlich im unabhängigen Buchhandel landen wird. Inwiefern geben Sie die steigenden Kosten an den Handel weiter?
Bei den Verlagsauslieferungen reden wir allenfalls über weitergereichte Kostensteigerungen im Transport, weil nicht der Handel, sondern Verlage Auftraggeber sind. Im Barsortiment ist es komplizierter und steht im Ermessen jedes Einzelnen. Trotz der wenigen Akteure ist der Markt nach meiner Einschätzung hart umkämpft, wie die jüngste Preissenkung von Zeitfracht – wenn auch mit Nebenbedingungen versehen – zeigt.
Immerhin: Die Umsätze in der Branche sind auch unter Coronabedingungen  insgesamt durchaus gut. Warum sind die Aussichten trotzdem bedrohlich?
Entscheidend ist nicht der Umsatz, sondern der Umsatz je Stück. Wenn die Menge um sechs Prozent steigt, dann ist das sogar kontraproduktiv. Der Stückerlös muss mindestens in Höhe der Kostensteigerung wachsen, sonst sehe ich schwarz.
Was sind denn bereits jetzt spürbare Konsequenzen daraus?
Die Konsequenzen sind vielschichtig und ich kann mich hier weder zu dem von mir geleiteten Unternehmen äußern, noch für andere sprechen. Nur so viel: steigende Kosten führen in der Regel zu steigenden Preisen, vor allem nach einer langen Phase der Stabilität oder gar rückläufigen Preisen. Am Ende wird dies nach meiner Einschätzung langfristig stärker auf die Buchpreise durchschlagen als die Papierpreise.
Noch hätte die Branche die Chance, sich vorzubereiten, haben Sie gesagt. Wie kann das aussehen?
Außer einer stumpfen Erhöhung der Preise gibt es sicherlich auch Verbesserungspotenzial – beispielsweise im Bereich der logistischen Strukturdaten. Aber hier zu hoffen, dass sich damit alleine der Tsunami aufhalten ließe, wäre naiv.
Immer wieder geht es auch um eine Reduzierung der Titel. Auch Sie haben sich dafür ausgesprochen. Inwiefern wäre das hilfreich?
Stellen wir uns einmal ganz radikal vor, die Zahl der Titel würde halbiert. Dies würde allein schon die Lagerhaltungskosten im Verhältnis zum Umsatz spürbar verbessern, weil der Anteil der gestrichenen Titel an den Kosten weit höher ist, als am Umsatz. Würde es statt 50 Apfelessig-Büchern nur 25 geben, würde unter dem Strich vermutlich nicht ein Exemplar weniger verkauft werden – der Umsatz würde nicht sinken, die Kosten aufgrund der verbesserten Bestellstrukturen hingegen signifikant.
Aber?
Mir ist aber bewusst, dass dies nicht funktionieren kann: Als Wirtschaftsingenieur habe ich mich u.a. mit Spieltheorie befasst, also dem Handeln von mehreren Akteuren zur Optimierung der eigenen Position. Es fehlt leider an dem notwendigen Gleichgewicht, weil zwar alle das Dilemma sehen, aber viele den jeweils Anderen die Lösung überlassen wollen und selber nichts dazu beitragen.
Jedes Buch verkauft sich an jedem 5. POS im Schnitt einmal im Jahr, haben Sie festgestellt. Wie kann das überhaupt rentabel sein?
Die Zahl stimmt, ich habe sie zum Wachrütteln bewusst nicht relativiert. Denn nicht jede Buchhandlung bietet jeden Titel an und bezogen auf eine einzelne, konkrete Verkaufsstelle sieht es deutlich besser aus. Dennoch darf es nicht sein, dass sich ein durchschnitt-liches Buch gerade einmal 716 Mal im Jahr verkauft. Wenn das der Durchschnitt ist, dann graut mir vor einer Analyse der schlechtesten 20 Prozent.
Welche Rolle spielt in dem Zusammenhang die Backlist?
Wenn für jede Novität weniger als ein Backlist Titel verschwindet, dann wachsen die lieferbaren Titel immer weiter – und mit ihnen die Kosten. Etliche Verlage sind hier bereits vorbildlich aktiv, aber bezogen auf die gesamte Branche besteht noch sehr viel Luft nach oben. Wenn alle, die sich angesprochen fühlen, für jeweils fünf neue Titel sechs schlecht verkäufliche Titel makulieren oder verramschen, dann bewegen wir uns in die richtige Richtung. Ich höre schon die Gegenrede, die im Einzelfall sicherlich berechtigt ist, aber nicht für eine Million Titel gelten darf. Für Bücher, die im Monat nur ein bis zwei Mal verkauft werden, ist zudem PoD eine wirtschaftlich sinnvolle Alternative.
Ein weiteres Dauerbrenner-Thema sind die Buchpreise: Warum bewegt sich da noch immer so wenig?
Ein Buch steht nicht primär im Wettbewerb zu einem anderen Buch, sondern zu anderen Medien. Zum Preis eines Hardcovers kann jeder wahlweise beliebig viele Filme und Serien streamen oder rund um die Uhr Musik hören.
Was müsste also passieren?
Trotz des eben gesagten glaube ich, dass durchaus Luft nach oben besteht. Entscheidend ist die sogenannte Preiselastizität der Nachfrage. Wenn z.B. 10 Prozent höhere Preise zu nur 5 Prozent weniger Nachfrage führen, so steigt der Umsatz um 4,5 Prozent und das auch noch bei geringeren Kosten. Die Rendite steigt also um mehr als 4,5 Prozentpunkte. Auch die meisten anderen Stufen der Wertschöpfungskette werden unmittelbar profitieren, wenn auch in geringerem Umfang. Auch zur Begleichung der höheren Kosten der Verlagsauslieferungen entsteht Spielraum.
Was kann der Handel hinsichtlich des Einkaufverhaltens tun?
Das Einkaufsverhalten weiter Teile des Handels halte ich für gut. Auf der gemeinsamen Sitzung gab es den Ratschlag, im Sortiment stärker zu sortieren und unrentable Bücher nicht mehr aktiv zu beziehen. Der Ball liegt also nicht nur bei den Verlagen, sondern der Handel kann großen Einfluss nehmen.
Was steht für das nächste Jahr ganz oben auf Ihrer Agenda?
Ich hoffe, dass alle Zwischenbuchhändler das Jahr 2022 mit seinen noch nie da gewesenen Kostensteigerungen überleben werden, zumal es nach meiner Einschätzung – wenn überhaupt – nur geringe Freikapazitäten geben dürfte, und das vermeintliche Problem eines Zwischenbuchhändlers schnell zu einem Branchenproblem werden kann.
Bezogen auf die VVA haben wir zwei gigantische Projekte vor der Brust, u.a. den Bau einer neuen Lagerhalle mit 30.000 Palettenstellplätzen. Wir haben hier trotz der gestiegenen Baukosten die Flucht nach vorn angetreten, denn die Kosten für externe Lagermiete sind inzwischen unbezahlbar und liegen z.T. weit über unseren Erlösen aus der Lagerhaltung. Außerdem freuen wir uns auf mindestens zwei sehr namhafte Neukunden, die ich für ihr gutes Timing beglückwünsche. Hier wird es angesichts langjähriger Verträge mehrere Jahre dauern, bis wir die Preise erhöhen können. Wir werden es verkraften!
Die Fragen stellte Jörn Meyer
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