Wolfgang Hörner über „das aufwendigste Buch, an dem ich je mitgearbeitet habe“ „Die Welt der Renaissance ist Inhaltlich und auch optisch ein zartes Wahnsinnswerk“

Bei Galiani erschien in diesen Tagen „inhaltlich und auch optisch ein zartes Wahnsinnswerk“, wie sein Verleger sagt. Aber wie kann man sich als Verlag heute noch solch ein Großprojekt leisten? Das war Anlass für unser heutiges „Autoren“Gespräch  – aber nicht mit dem Autor, sondern mit dem Verleger Wolfgang Hörner über „das aufwendigste Buch, an dem ich je mitgearbeitet habe“: 

BuchMarkt: Die Welt der Renaissance ist nicht nur inhaltlich ein Riesending, das müssen hunderte Arbeitsschritte gewesen sein, bis das so aussah!
Wolfgang Hörner: Hunderte Arbeitsschritte werden nicht ausreichen, wenn wir das ehrlich zusammenzählen. Aber nur ein Mann hat das alles erlesen, ausgewählt, übersetzt, kommentiert und mit Texten umrahmt, die zusammen ein eigenes dickes Buch sind; und quasi nebenbei hat er auch  noch eine Art Geschichte des frühen Buchdrucks in Bildern geliefert.
Das war sicher auch setzerisch eine große Herausforderung ….
… deshalb hätten Sie ja eigentlich unsere Herstellerin befragen müssen, die Herstellerinnen kommen ja immer zu kurz.
Unsre Standardfrage ist aber immer zunächst: Worin geht es denn in Die Welt der Renaissance?
Wir haben mit der Welt der Renaissance ein (glaube ich) weltweit einmaliges Buchprojekt vor uns: Ein prachtvoll ausgestatteter Foliant, ca. 360 Texte von 68 Autoren, mit unzähligen Abbildungen; 2,2 Kilo literarischer, intellektueller und ästhetischer Sprengstoff der Sonderklasse.
Ein wenig viel Superlative? 
Ich glaube nicht, vielleicht untertreibe ich eher. Und getreu dem Motto „Je weiter wir zurückschauen, desto weiter können wir in die Zukunft sehen“ wollten wir gerade jetzt damit an eine Zeit erinnern, in der das Wertesystem der modernen Welt entstand und die zwar weit entfernt klingt, aber in vielem erstaunlich nah ist: die Renaissance entwickelte aus einer Pandemie (ca. 1/3 der damaligen italienischen Bevölkerung starb an der Pest) einen gigantischen Innovationsschub und mit der Erfindung des Buchdrucks gab es damals auch eine ähnliche Medienrevolution …
… wie jetzt wie für uns mit dem Internet?
Ja, aber zudem: Die Zeit, die wir abbilden, ist die Zeit vor der zentralen Zensur. Da schrieben Frauen (von der Adeligen bis zur Kurtisane), da sinniert einer über Hermaphroditen, da wird mitten im katholischen Italien der Materialismus mit Lukrez entdeckt, da gab es schwule Künstler, da gab es krude pornographische Texte neben zartester Liebeslyrik – und auch gedanklich war fast alles erlaubt: Pico della Mirandola erfindet die „Würde des Menschen“, Kardinäle schreiben Liebeslyrik, Machiavelli analysiert die Mechanik der Macht, ein päbstlicher Angestellter (Lorenzo Valla) entlarvt die Grundlage der weltlichen Macht der Kirche (die konstantinische Schenkung) anhand grammatischer Unstimmigkeiten als Fälschung, Raffael erfindet den Denkmalschutz – und Aldo Manutio, der bis heute als König des schönen Buchs gilt, beschreibt drastisch, wie er sich sehenden Auges ruiniert, um seine zeitlos schönen Bücher zu machen („die Drossel scheißt ihren eigenen Tod“). Undundund. Undundund. Undundund. Zudem: die Einleitungstexte von Tobias Roth sind nicht nur extrem kenntnisreich – sie sind auch frisch im Ton und machen großen Spaß zu lesen.
Kann man das fürs Verkaufsgesprächauch kürzer hinkriegen? 
Dann vielleicht so: Mit diesem Buch wollen wir in einem Meer aus großartigen Texten und Ideen baden und sie dazu so prächtig aufbereiten, dass uns und anderen vor Freude die Tränen in die Augen schießen.
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Und wem kann aus Ihrer Sicht der Handel das am besten und mit welchem Argument verkaufen?

Das ist  etwas für wirklich alle, die irgendwie für gewagte und spannende Ideen und Texte offen sind, für Designfreaks (wir haben für das Buch Schriften neu geschnitten und einen Haufen setzerischer Raffinessen eingebaut) – und für alle, die einen neuen Lockdown fürchten und Lektüre für Monate daheim haben wollen.
Wird die Leistung die dahinter steht und damit auch der Ladenpreis, dem Handel und auch dem Kunden deutlich? Ich frage das angesichts so vieler hochwertiger Titel im MA
Anhand der Zuschriften und Reaktionen, die wir in den ersten 24 Stunden, nachdem das Buch da war, bekamen, kann ich nur sagen: ganz offensichtlich ja.
Traut sich der Handel überhaupt noch teuere Bücher zu verkaufen?
Ich glaube, er traut sich nicht nur, er freut sich sogar darauf; ein verkauftes teures Buch ist schließlich guter Umsatz. Wir von Galiani haben da beste Erfahrungen: Zur Verlagsgründung im Finanzkrisenjahr 2008 erschien der Foliant Nichts als die Welt. Der kostete 85.- Euro, verkaufte sich 24.000 Mal und ist jetzt vergriffen. Restlos. Halbwegs ordentliche Exemplare im Antiquariatshandel (ZVAB vom 12.10) kosten jetzt zwischen 105 und 413 Euro. Die meisten Bücher sind später kaum  mehr etwas wert, so ein Buch kann sogar eine Wertanlage sein. Die Welt der Renaissance steht jenem Band inhaltlich in nichts nach und toppt ihn ausstatterisch sogar erheblich.
Weiß man das schon vorher? Woher haben sie den Mut genommen sich an so ein Projekt zu wagen? 
Erst mal braucht es den Mann, der so ein Buch überhaupt machen kann. Tobias Roth ist zwar erst 35, aber er beschäftigt sich mit der Epoche, seit er denken kann und hat auch schon Jahre bevor der Plan zu diesem Buch entstand, Fundstücke aus der Zeit aus dem Lateinischen und Italienischen übersetzt. AlleText des Buches sind ja Neu- bzw. Erstübersetzungen. Dann braucht es Graphiker und eine Herstellungsabteilung , die das kann (Hanne Mandik hat in der Endphase für das Buch gar ihren Urlaub verschoben) und einen Setzer, der an latentem Wahnsinn großen Spaß hat und auch dann noch weitermacht, wenn es schon wehtut (Wilhelm Vornehm aus München). Was die geleistet haben, ist grandios. Dazu ein Netz aus Zuträgern, Mithelfern, Informanten, Bildgebern, detailprüfenden Spezialisten usw., das über Tobias Roth und mich da war.
Ich dachte eher an die Finanzierung und wie man heutzutage das Controlling überlistet…
Ja, es braucht auch erhebliche Finanzmittel, um diese Unmengen an Leinen, Papier usw. zu kaufen, den Druck zu zahlen usw. – wir haben ja eineinhalb Tonnen Buch in feinster Qualität hergestellt – als selbstfinanzierter Kleinverlag wäre das schlicht nicht finanzierbar gewesen. Da ist es ein großes Glück, dass wir unseren Mutterverlag Kiepenheuer & Witsch und damit Holtzbrinck im Rücken haben. Die sind bei sowas dabei. Und wir alle zusammen haben uns wie die Schneekönige über das Buch gefreut, als es da war.
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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