KI-generierte Bücher stellen für viele Verlage eine ernstzunehmende Konkurrenz dar und tauchen in letzter Zeit vermehrt in den Bereichen Ratgeber, Reise und Kinderbuch u.a. beim Online-Händler Amazon auf. Dass aber zunehmend auch Selfpublisher:innen von dieser Entwicklung betroffen sind und unmittelbar weniger verdienen, erläutert der Autor und Berater Patrick Meier im Folgenden.
Zwischen automatisierter Massenproduktion und wachsender Intransparenz: Warum KI-generierte Inhalte zu einem strukturellen Problem für Selfpublisher und Leser:innen werden
Wenn Bücher zu Datenpunkten werden

Skalieren statt schreiben: Wie KI-Bücher den Markt überschwemmen
In bestimmten Genres – etwa Kinderbücher, Kochbücher, Ratgeber oder Reiseführer – hat sich eine neue Veröffentlichungsdynamik etabliert. Statt mühsamer Recherche und handwerklicher Arbeit genügt heute ein KI-Tool, ein gut gesetzter Prompt und ein automatisiertes Layout.
• Titel wie „Top 50 Tipps für XY“ oder „Geheimnisse der Traumstadt“ entstehen in Sekundenschnelle.
• Generische Pseudonyme, austauschbare Cover, oft ohne Impressum oder Autorennachweis.
• KI-Software produziert auf Knopfdruck ganze Bücher, oft ohne redaktionelle Prüfung.
Die schiere Masse dieser Werke überfordert Leser:innen – und verdrängt echte Inhalte in den Rankings. Sichtbarkeit wird zur Mangelware.
Die Plattformlogik dahinter: Warum Amazon (nicht) reagiert
Amazon profitiert in mehrfacher Hinsicht von dieser Entwicklung:
| Mechanismus | Plattformwirkung |
| Mehr Uploads | Größere Auswahl im Kindle-Unlimited-Abo |
| Mehr Wettbewerb | Höhere Anzeigenkosten für alle |
| Mehr gelesene Seiten | Verwässerter Auszahlungstopf für KDP Select |
Amazon hat formal reagiert: Upload-Limits pro Account, interne Kennzeichnungspflicht von KI-Inhalten. Doch: – Diese Kennzeichnung ist nicht für Leser:innen sichtbar. – Content-Farmen umgehen die Limits über viele Accounts. – Es gibt keine öffentlich zugänglichen Daten zur tatsächlichen Verbreitung von KI-Titeln.
Das Ergebnis ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Content-Masse verdrängt Qualität, und Werbung wird zur Pflicht. Für echte Autor:innen bedeutet das: Neben den Produktionskosten – also Lektorat, Covergestaltung und Druck – kommen zunehmend auch Werbekosten hinzu. Sichtbarkeit auf Amazon ist ohne bezahlte Werbung kaum noch zu erreichen. Das macht Selfpublishing wirtschaftlich riskanter, vor allem für Einzelautor:innen, die sich keine dauerhaften Werbebudgets leisten können.
KDP Select unter Druck: Volatilität und „erkaufte“ Stabilität
Für viele Autor:innen ist das KDP-Select-Programm (Kindle Unlimited) ein zentrales Standbein. Die Mechanik dahinter zeigt jedoch, wie sehr Amazon gegensteuern muss, um das System attraktiv zu halten:
• Der monatliche „KDP Global Fund“ ist in den letzten 24 Monaten stark gewachsen, von unter 50 Mio. USD auf ein Rekordhoch von über 61 Mio. USD im Oktober 2025.
• Die Vergütung erfolgt pro gelesener Seite (KENP).
• Die Quote war zuletzt extrem volatil: Nach einem Tiefpunkt Ende 2024 erholte sie sich im Herbst 2025 spürbar.
Die folgende Tabelle zeigt die Entwicklung der letzten 24 Monate. Auffällig ist: Amazon schießt immer mehr Geld nach, um die Quote stabil zu halten.
| Zeitraum | KDP Global Fund (Mio. USD) | Trend Quote/Seite | Analyse |
| Okt 2025 | 61,2 | 🟢 Hoch | Rekord-Fondsgröße sorgt für starke Quote (~0,50 Cent US / ~0,32 Cent DE). |
| Sommer 2025 | ~58,0 – 60,1 | 🟢 Stabil | Amazon hält die Ausschüttung trotz Sommerloch hoch. |
| Dez 2024 | 53,2 | 🔴 Tief | Hohes Lesevolumen (Weihnachten) drückt die Quote drastisch. |
| Herbst 2024 | ~54,0 – 56,0 | 🟡 Mittel | Quote unter Druck durch steigende Seitenzahlen. |
| Ende 2023 | ~49,5 | 🟡 Basis | Der Fonds lag noch unter der 50-Mio.-Marke. |
Das trügerische Bild:
Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen im Oktober 2025 positiv. Doch der Schein trügt. Dass Amazon den Fonds auf über 61 Millionen Dollar aufblasen musste, ist ein Indiz dafür, wie gewaltig die Menge der gelesenen Seiten (teilweise durch KI-Massenware) gestiegen ist.
Das Kernproblem für Autoren ist nicht mehr nur die Quote pro Seite, sondern der Aufwand, überhaupt noch gelesen zu werden. Während der Fonds wächst, explodieren die Werbepreise (Ad Spend), weil die Flut an neuen Titeln die Werbeplätze verknappt. Der „Netto-Gewinn“ pro Buch sinkt also trotz stabiler Seitenvergütung, weil die Marketingkosten steigen.
Das größere Problem: Verlust von Vertrauen und Differenzierung
Die ökonomischen Auswirkungen sind nur die Spitze des Eisbergs. Viel gravierender ist der Vertrauensverlust:
• Leser:innen können kaum noch erkennen, ob ein Buch von einem Menschen geschrieben wurde.
• Autorenmarken werden verwässert oder durch KI-Imitationen kopiert.
• Bewertungen werden manipuliert, Rezensionen automatisiert erzeugt.
Beispiele dokumentieren, wie KI-Bücher falsche Informationen verbreiten, Orte erfinden oder ganze Bücher von bekannten Autor:innen nachahmen. Die Konsequenz: Die Glaubwürdigkeit der gesamten Plattform leidet.
Was jetzt nötig wäre: Transparenz, Fairness, Regulierung
Wenn Selfpublishing als demokratischer Publikationsweg bestehen soll, braucht es neue Spielregeln:
• Öffentliche Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten direkt im Store.
• Strikte Limits für automatisierte Massenveröffentlichung.
• Sanktionen bei Missbrauch des KDP-Systems und Bot-Lesungen.
• Förderung echter Qualität, etwa durch redaktionelle Kuration oder Label.
Plattformen wie Amazon müssen Verantwortung übernehmen – nicht nur gegenüber den Kund:innen, sondern auch gegenüber den kreativen Produzent:innen, auf deren Arbeit sie basieren.
Fazit: Der Buchmarkt am Kipppunkt
Die KI-Bücherflut ist kein Betriebsunfall – sie ist Ausdruck eines Systems, das auf Wachstum und Automatisierung setzt, nicht auf Qualität und Integrität. Die Konsequenzen betreffen alle:
• Leser:innen, die im Überangebot die Orientierung verlieren,
• Autor:innen, deren Werke untergehen,
• und letztlich die Buchkultur, die ihren Filter für Wertigkeit zu verlieren droht.
Jetzt ist der Moment, an dem Plattformen, Verlage und Autor:innen gemeinsam entscheiden müssen: Wollen wir ein System, das auf Masse setzt? Oder eines, das Qualität schützt?
Patrick Meier
Patrick Meier ist Experte für digitale Medienvermarktung und programmatisches Marketing. Als Content Creator (#digitalpaddy), Berater und Autor unterstützt er Agenturen und Medienunternehmen bei strategischen Transformationsprozessen im digitalen Werbeumfeld. Mit über 15 Jahren Branchenerfahrung von Print zu Digital – von Societäts-Druckerei über orangemedia bis hin zur B2B MediaGroup – bringt er einen 360-Grad-Blick auf Mediasales und Mediabuying mit. Als Scrum Master (PSM I) und Verfechter transparenter Prozesse verbindet er operative Beratung mit agilen Arbeitsweisen.
Durch seinen Background als Verlagsfachwirt mit Schwerpunkt Marketing ist die Transformation der Buch- und Verlagsbranche in den letzten Monaten immer häufiger in den Fokus seines beruflichen Tuns geraten. Mit der Entwicklung des Manuskriptanalysetools narratiq.de knüpft Meier die Bande zu seiner alten beruflichen Heimat wieder fester.
Neben seiner Beratertätigkeit ist er erfolgreicher Autor von Wirtschaftsthrillern wie „The Audit“ und veröffentlicht seit über 15 Jahren Inhalte auf meiersworld.de.
Beitrag am 24.11.25 angepasst
Die Aussage im Artikel ist: es gibt immer weniger Geld pro gelesener Seite bei KDP. Die Zahlen in der Liste aber sagen das Gegenteil. Danach ist im September 25 der bisher größte Anteil seit 2023 pro Seite ausgezahlt worden. Oder hab ich dir etwas falsch verstanden?
Sehr geehrte AnMa,
die Beobachtung ist korrekt. Wobei sich der Trend allgemein für einzelne Autoren, aufgrund der beschriebenen Praxis, eher verschlechtert. Ich beobachte dies relativ genau und kann hierzu gerne ein weiteres Update geben.