Der dumme Mann ist nicht wirklich gut im Rechnen. Bisher hat er es zwar so einigermassen hinbekommen, seine Tochter und seine Frau, die längst nicht mehr seine Frau ist, und sich selbst über Wasser zu halten, und zu ernähren. Mal gab es fette, mal magere Jahre, aber immer kam es so Pi mal Daumen hin. In den Details versagt der dumme Mann allerdings kläglich und heute hat er sich auf geradezu ruinöse Art und Weise wieder mal von einem Verleger über den Löffel balbieren lassen. „Du hast einfach nicht nachgedacht, das ist alles“, versucht er sich gut zu zureden. Hilft ja nix, die Kohle ist futsch. Das kam so: Der dumme Mann kümmert sich um ein Buch des Verlegers von einer, sagen wir mal, bekannteren Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Auf alle Fälle so bekannt, dass eine große deutsche Zeitschrift sich die Exklsuivrechte an der Verwertung dieses Buches gesichert hat. Das hat der dumme Mann eingefädelt. Diese Zeitschrift bezahlt nun für die Verwertungsmöglichkeit des Buches, vielleicht gibt es sogar eine kleinere Serie im Heft, und für die exklusive Bindung an das Magazin. Da diese Zeitschrift aber von vielen Menschen gekauft und gelesen wird und sie auf das Buch der bekannteren Persönlichkeit hinweisen wird, werden viele Menschen auch das Buch kaufen. So ist es jedenfalls meistens. Der Verleger des Buches, ein sehr sympatischer und unprätensiöser Mensch, hatte den dummen Mann ursprünglich am Verkauf des Buches beteiligt. Er würde also, wäre eine bestimmte Auflage überschritten, pro verkauftem Buch noch einen Obulus auf sein Honorar bekommen. Dafür wurde ein Stichtag festgesetzt, den der dumme Mann bat, um einen Monat zu verlängern, da sich das Erscheinen des Buches ohnehin hinauszögern würde. So weit, so gut. Mit der großen deutschen Zeitschrift im Boot tat der Verleger nun folgendes: Er senkte den Verkaufspreis des Buches und hob gleichzeitig die Auflage an. Beides schien dem dummen Mann auch vernünftig – wenn schon, denn schon, dachte er. Gleichzeitig hob der Verleger aber auch die Auflagengrenze an, ab welcher der dumme Mann beteiligt werden würde. Weil der dumme Mann während des Gesprächs rauchen durfte, endlich eine Zigarette, und er sich ohnehin nicht gerne über Geld oder sein Honorar unterhält, willigte er, ohne lange zu überlegen, mit der Bemerkung: „Am besten wäre, Sie würden mir einfach Geld geben“, ein. Falle zu. Erst später dämmerte dem dummen Mann, dass ja eigentlich erst seine Bemühungen dazu geführt hatten, dass der Verleger den Buchpreis gesenkt und die Auflage erhöht hatte. Und nun war der dumme Mann derjenige, der durch seine Arbeit und sein Bemühen das Nachsehen hatte. Wie schon gesagt, im Rechnen war der dumme Mann noch nie besonders gut, aber im Nachdenken war er schon viel, viel besser gewesen.
DER DUMME MANN
Sarah Haag übernimmt das Bilderbuch-Lektorat bei Thienemann
Der Thienemann Verlag stellt sich im Lektorat neu auf: Ab Januar 2026 verstärkt Sarah Haag das Team rund um Programmleiterin Katharina Ebinger und übernimmt die Verantwortung für das Bilderbuchprogramm. Sarah