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Gerhard Beckmanns Meinung – Suhrkamp, oder die praktizierte „neue Unübersichtlichkeit“

Um die jüngsten Begebenheiten im Hause Suhrkamp begreifen zu können, muss man sie zunächst einmal – ohne Ansehen dieses Verlages, ohne Ansehen auch der handelnden und betroffenen Personen – schlicht auf einen grundsätzlichen Punkt reduzieren.

Dann stellt die Sache sich so dar: Die Leiterin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit erklärt gegenüber führenden Vertretern der Presse, der amtierende Geschäftsführer und Spiritus rector seines Unternehmens sei für diesen Job prinzipiell ungeeignet. [mehr…]

Ein beispielloses Vorkommnis. Ein non plus ultra an Illoyalität und Unprofessionalität in Public Relations. Denn intern sät es Aufruhr und Zwiespalt, beschädigt den Zusammenhalt und damit die Geschäftsfähigkeit des Unternehmens. So wie es extern sein Ansehen und seine Glaubwürdigkeit untergräbt. Die Aufgabe von PR-Arbeit besteht jedoch bekanntlich einzig darin, sie nach außen und innen zu wahren und zu fördern.

Doch Heide Grasnick illoyal oder unprofessionell? Es scheint schlechterdings unvorstellbar. Denn sie ist bei Suhrkamp/Insel – und zwar hoch erfolgreich und verdienstvoll – schon seit Jahrzehnten für die Pressearbeit verantwortlich. Sie mutierte bei Lebzeiten Siegfried Unselds sogar fast zur Karikatur des ultraloyalen Mitarbeiters weiblichen Geschlechts – eine bis heute gemeinhin übersehene Säule des Verlagswesens. Sie war sozusagen immer nur Lautsprecher für Her Master’s Voice.

Nun ist ihr alter Herr und Meister, Siegfried Unseld, aber tot. Als seinen geschäftsführenden Nachfolger für die Programmarbeit, das Herzstück jeden Verlags, für die eigentlich verlegerische Funktion also hat Siegfried Unseld selbst vor seinem Tode am 26. Oktober vergangenen Jahres Günter Berg bestimmt. Wie kommt Heide Grasnick jetzt dazu, diese Wahl ihres alten Meisters auf eine für den Verlag, an dem sie mit Leib und Seele hängt, so schädliche Weise in Zweifel zu ziehen?

Hier eine vorsichtige Zwischenfrage: Hat Heide Grasnick denn überhaupt gesagt, was sie angeblich gesagt haben soll?

Die stellvertretende Suhrkamp-Presseleiterin kann es heute nicht bestätigen. Sie sei dabei gewesen, erklärte Frau Ziegler, und Heide Grasnick habe die Aussagen so, wie zitiert, nicht gemacht. Eine Pressemitteilung soll wahrscheinlich noch an diesem Tage heraus gehen.

Also vielleicht wieder eine Zeitungsente?

Wohl doch nicht. Thomas Steinfeld hatte in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 16.10. geschrieben: „Noch auf der Buchmesse hieß es im Verlag…, Günter Berg verfüge nicht über das Charisma von Siegfried Unseld, ja, er könne gar nicht darüber verfügen, weil er bloß ein Angestellter sei“. Tags drauf meldete Marius Meller im TAGESSPIEGEL: „Am Telefon bestätigte die Suhrkamp-Pressechefin an diesem Mittwoch nach der Buchmesse das Gesagte.“ Und über dieses Telefonat, das Thomas Dotzauer mit gehört worden ist, gibt es, so Marius Meller, ein schriftliches Notat.

Der zentrale Vorwurf lautet,“ Günter Berg könne Siegfried Unseld nicht ersetzen“.

Gewiss. Nur ist das eine nichtssagende Plattitüde. Denn eine überdurchschnittliche Unternehmerpersönlichkeit läßt sich bekanntlich nie einfach ersetzen – schon gar nicht der herausragendste deutsche Verleger der Nachkriegszeit. Andererseits muss aber jeder nun mal natürlich irgendwann ersetzt werden. Die Nachfolger haben es nie leicht, zumal sie in der Regel an stark glorifizierten Glanzzeiten des Vorgängers gemessen werden, die lang vorbei sind . Sie übernehmen ein schwieriges, weil bereits angemottetes Erbe, das oft überhaupt erst mal wieder zukunftsfähig gemacht werden muss. So wie in den letzten Jahren Siegfried Unselds konnte es bei Suhrkamp nicht weitergehen – da waren er wie sein Verlag bloß mehr Schatten ihrer einstigen Bedeutung und Dynamik, die Zukunftsorientierung ging verloren. Im Grunde hätte Siegfried Unseld die Geschäfte bereits zehn Jahre vor seinem Tod in andere, jüngere Hände legen müssen.

Ebenso richtig wie nichtssagend scheint der Vorwurf, Günter Berg „verfüge nicht über das Charisma Siegfried Unselds“. Persönliches Charisma hin, persönliches Charisma her: Was sind denn eigentlich die Qualitäten gewesen, die Unseld und mit ihm die Verlagsgruppe Suhrkamp/Insel groß gemacht haben? Sind es etwa nicht: die verlegerische Professionalität; ein fast genialer Marketing-Verstand; Kaufmanns-Sinn, totale Identifizierung mit dem Verlag; eine die Mitarbeiter motivierende Überzeugungskraft sowie – bei allem Willen zur Macht – die Grundeinstellung, dass ein Verleger schlussendlich Dienstleister, Sachwalter, Fürsprecher und öffentliches Schutzschild all seiner Autoren zu sein hat? Wer den allzu oft selbstherrlich auftretenden Siegfried Unseld erlebt hat, mag die Vorstellung schwer finden: Doch ist, cum grano salis, „Selbstaufopferung“ wirklich ein zu hohes Wort? Siegfried Unseld wird schon gewusst haben, warum er Günter Berg mit der verlegerischen Geschäftsführung betraute.

Überhaupt: „Charisma“ eine zentrale Verlegereigenschaft? Hatte der jede Öffentlichkeit scheuende Eugen Claassen – in der Nazizeit einer der ganz ganz wenigen kompromisslos integren, einer der führenden deutschen Verleger der unmittelbaren Nachkriegszeit, vielleicht „Charisma“? Hat Carl Hanser, einer unserer größten verlegerischen Gründergestalten, etwa „Charisma“ besessen? Ist Reinhold Neven DuMont etwa durch „Charisma“ zu einem der angesehensten und erfolgreichsten deutschen Verleger geworden? Über welches „Charisma“ verfügt eigentlich Wolfgang Beck, der den heute maßgeblichen geisteswissenschaftlichen Sachbuchverlag unseres Landes aufgebaut hat?

Okay, das waren bzw. sind Eigentümer-Verleger – eine besondere Spezies. Mag sein, dass Heide Grasnick Eigentümerschaft per se als charismatisch empfindet. Denn, so hat sie ja Thomas Steinfeld von der SZ preisgegeben, Günter Berg „könne gar nicht“ über „das Charisma von Siegfried Unseld „verfügen, „weil er bloß ein Angestellter sei“. Oder, wie Heide Grasnick im TAGESSPIEGEL von Marius Meller wiedergegeben wird: Es „wäre ja auch zu viel verlangt“ zu erwarten, dass Günter Berg „über das Charisma von Unseld verfüge,“ denn „es sei für Günter Berg schon deshalb schwer, weil er, wie alle Mitarbeiter des Verlages, ein Angestellter sei“.

Da beißt die Maus den Faden ab.

Zugegeben: Damit befindet Heide Grasnick sich tendenziell in bester deutscher Gesellschaft. Denn auch unsere meinungsbildenden Feuilletons pflegen ja gern den Mythos von der Verlegerpersönlichkeit , die sie – von J.F. Cotta über Samuel Fischer, Kurt Wolff, Ernst Rowohlt und Heinrich Maria Ledig-Rowohlt bis hin zu Klaus Wagenbach und Antje Kunstmann gemeinhin in idealer Personalunion mit Eigentümerschaft gleichsetzen. Es sei auch eingeräumt, dass jedermann und –frau , die mit ihrem Privatvermögen für ihr verlegerisches Programm gerade stehen, besondere Hochachtung verdienen. Aber: Unsere eher jugendlichen Damen und Herren des Feuilletons haben keine Ahnung, wie rabiat solche Eigentümer-Verleger die volle Entfaltung ihrer angestellten Lektoren und Verlagsleiter abgeblockt haben und noch immer klein halten – oft viel ärger als die heute von ihnen so verschrieenen Konzerne. Insofern betätigen sich die liberalen Feuilletonschreiber als blinde Propagandisten eines nahezu feudalistischen Kulturkapitalismus. Wie sollen „Angestellte“, um bei Heide Grasnick zu bleiben, denn „Charisma“ entwickeln, wenn sie von morgens bis abends gedeckelt werden? Oder, so jüngst ein intimer Branchenkenner über einen zur Zeit hoch renommierten deutschen literarischen Verleger: „Erst bricht er seinen Leuten das Rückgrat, und dann klagt er lauthals, dass sie kein Rückgrat haben.“

Doch die große Zeit der Eigentümer-Verleger ist passé – weil es irrsinnig schwer geworden ist, neue literarische Verlage aufzubauen und über notwendigen ökonomische Durststrecke der ersten zehn Jahre zu führen. Und wer war denn bereits in den letzten Lebensjahren Siegfried Unselds, wer ist nach seinem Tod der literarisch wie unternehmerisch unbestritten herausragendste deutsche Verleger? Ein Angestellter – Michael Krüger, bei Hanser. Wer hat das legendäre Verlagshaus Faber & Faber auf seinem Qualitätskurs gehalten und ihm gleichzeitig – als einzigem britischen Traditionsunternehmen der Branche – die wirtschaftliche Unabhängigkeit zu sichern verstanden? Ein Angestellter namens Matthew Evans (heute Lord Evans). Ein eminenter, couragierter französischer Verleger ? Claude Durand (Fayard), angestellt bei der Groupe Hachette. Wer ist – nach Roger Straus – die große Leuchte unter amerikanischen Verlegern – Sonny Mehta (Knopf), ein Angestellter von Random House (Bertelsmann). Da wären viele Namen mehr zu nennen. Erinnern wir abschließend noch an ein deutsches Paradebeispiel: Siegfried Unseld selbst. Er begann – zuerst Lektor, dann Verlagsleiter – als Suhrkamp-Angestellter. Im Unterschied zu Günter Berg hat ihm freilich niemand laufend Knüppel zwischen die Beine geworfen, so dass er die Statur, inklusive Charisma, gewinnen konnte, die wir mit seinem Namen verbinden.

Im übrigen gehört die ganze laufende Diskussion entpersonalisiert. Ob Günter Berg, wäre er nicht vom ersten Augenblick an konterkariert und jetzt entmachtet worden, die dringend notwendige programmatische und organisatorische Erneuerung wirklich hätte bringen können oder herbeiführen könnte, ist nämlich eine durchaus offene Frage. Ob Ulla Berkéwicz es vermöchte, darf als mindestens ebenso ungewiss gelten. Dass sie, wie Heide Grasnick meint, jenes Charisma besitzt, welches Berg angeblich fehlt, ist, wie der Hinweis, „sie verwalte auch den größten Teil der Geschäftsanteile“ jedenfalls noch kein hinreichender Grund für die Hoffnung, „dass Siegfried Unseld durch Ulla Berkéwicz ersetzt“ werden kann.

Es spricht nicht unbedingt für sie, dass sie die von ihrem Mann hinterlassenen Strukturen durcheinanderbringt und die kulturelle Öffentlichkeit mit solch fragwürdigen , dem Verlag schadenden Mitteln wie der Instrumentalisierung der Pressesprecherin auf ihre Pläne vorbereiten und einstimmen zu müssen meint.

Kehren wir zurück zum Grundsätzlichen. Dass jemand als Vorsitzender der Stiftung, die 51 Prozent der Unternehmensanteile kontrolliert, auch der Holding-Gesellschaft präsidiert, die alle Anteilseigner repräsentiert, ist üblich. Dass er neben dieser Aufsichtsratsfunktion auch noch als alleiniger Geschäftsführer der Exekutive – hier im Sonderfall der Verlagsleitungs-GmbH, also einer Art Vorstandsvorsitzender fungiert, ist bereits höchst ungewöhnlich. Dass er aus dieser Funktion dann auch noch den Vorsitz der Geschäftsführung des operativen Verlags wahrnimmt, wäre in einem normalen Unternehmen aus gutem Grund undenkbar – weil damit die absolut notwendigen internen Kontrollmechanismen ausfallen. Völlig unbegreiflich wird es aber, wenn solche Ämterhäufung zudem einem bisher mit jeder Art Unternehmensführung Unvertrauten zukommt. Falls Andreas Reinhardt, der durch seine Beteiligungen wesentlichen Einfluss insbesondere in der Verlagsleitungs-GmbH, dem zugestimmt hat, kann man sich nur an den Kopf fassen. Dann hat er eine hohe Mitverantwortung zu tragen, falls die Sache schief gehen und Suhrkamp vollends ins Schlingern kommen sollte.

Wird Suhrkamp in seiner neuen Verfassung weiterhin Autoren gewinnen und an sich binden können?

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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