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Offener Brief von Martin Walser

Hier ist er, der „Offener Brief“ von Martin Walser über seinen Abschied vom Suhrkamp-Verlag. „Liebwerte Damen, werte Herren,
ich möchte mich von Ihnen verabschieden. Der Suhrkamp-Verlag, das waren für mich immer Sie. Sie in der Herstellung, in der Buchhaltung, in der Abteilung für die Presse, fürs Ausland, für die Lesereisen, fürs Theater, im Archiv, im Lektorat … Für mich war der Verlag nicht das kulturelle Etikett, das er sich gern geben ließ und das natürlich, auch von Ihnen, gepflegt werden musste“, beginnt er.
„Zuerst ist man in Ihren hundert Zimmern mit mir umgegangen wie mit einem Sohn, von dem man sich etwas verspricht, dem man einfach alles leichter machen möchte, also in eine illusionsfördernde Fastzärtlichkeit wird man da getaucht. Dann allmählich war man gleich alt, beziehungsweise erwachsen, es konnte auch von dir erwartet werden, zu der hier generell betriebenen Illusionsproduktion einen Beitrag zu leisten. Dann sind Sie immer jünger, bin ich immer älter geworden. Die Herzlichkeit, die man zuerst dem Sozusagen-Sohn erwies, spendete man jetzt dem, der mindestens der Vater sein könnte. Dieses andauernde Geltenlassen erfindet immer wieder Gesten des reinen Einvernehmens, unkomplizierte Eintracht herrscht da.“

„Und die zwei Mitarbeiter, die anno 2002 versucht haben, mir das Bleiben zu ermöglichen, sind nicht mehr im Verlag. Wenn ich jetzt noch bliebe, hieße das, ich wolle trotz allem bleiben. Das liegt mir nicht. Sie alle wissen, dass die so genannte Suhrkamp-Kultur nie nur eine literarische war, sondern immer auch die Kultur einer bestimmten Denk- und Verhaltenstugend. Das soll sie bleiben. Ich aber möchte nicht vorgedachten Ansprüchen entsprechen müssen, sondern die Welt auf meine Art ausdrücken, in einer sozusagen ungetauften Sprache.“

Zum gesamten Text: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,288445,00.html

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