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Gerhard Beckmanns Meinung – Schottland im literarischen Aufwind. Ein verlegerisches Modell für Deutschland mit Blick auf österreichische und Schweizer Autoren?

Der kleine, unabhängige EdinburgerVerlag Canongate hat es, nach schwierigen Anfängen in den 1980er Jahren, wirklich geschafft – spätestens seit Yann Martells Roman Leben des Pi – Schiffbruch mit Tiger den Booker Prize heimholte und von ihm Hunderttausende von Exemplaren verkauft wurden, gilt er (nicht nur) in Großbritannien als eine der großen verlegerischen Erfolgsstories der jüngsten Zeit – zumal lange Zeit niemand glaubt, dass ein Standort außerhalb der internationalen Kultur- und Verlagsmetropole London behaupten könnte.

Doch die eigentliche Überraschung der letzten Zeit ist die Erfolgsstory etlicher schottischer Autoren. Ihretwegen hat Anfang dieses Jahres der Großverlag Hodder Headline sogar ein eigenes Lektoratsbüro in Edinburgh aufgemacht und hat Penguin dort einen eigenen Lektor zur Entdeckung und Pflege neuer schottische Literatur installiert.

Einige dieser Autoren sind auch hier zu Lande inzwischen wohl bekannt – so etwa die Kulturautorin A.L. Kennedy (Wagenbach), der weltweit Krimi-Star Ian Rankin (Goldmann) oder der Kultautor Irvine Welsh (Kiepenheuer & Witsch). Man sollte vielleicht auch daran erinnern, dass Muriel Spark (Diogenes) – eine Schottin ist.

In Großbritannien ist seit längerem eine kulturelle Dezentralisierung zu spüren. So soll denn, wie Bob McDevitt, der Leiter des Edinburger Büros von Hodder Headline erklärt, schottische Literatur zunächst einmal für Schottland selbst verlegt und dort durchgesetzt werden, mit Blick auf mögliches Interesse darüber hinaus. Dabei ist auch interessant, dass schottische Autoren, die generell bisher als Darsteller von eher duster grimmigen Realitäten galten, einen neuen, fröhlicheren Ton zu pflegen beginnen – mit Horizonten, die über die Highlands und die alten industriellen Elendsviertel hinausreichen. Als schlagendes Beispiel für solch neuen Trend, das für die zwei Londoner Häuser den entscheidenden Anstoß zu einer schottischen Dependance, wird in England Alexander McCall Smith genannt – ein Professor der Rechte an der Universität Edinburgh, mit Spezialisierung auf den medizinischen Bereich, dessen Kriminalroman mit einer Kommissarin aus und im südafrikanischen Botswana global über drei Millionen Käufer und Leser fand.

Nun gibt es in Schottland ja bereits ein paar gute literarische Agenturen, welche Manuskripte von neuen Talenten des Landes per Post oder Email – und mit telefonischem Nachdruck – wie bisher Verlagen in London anbieten könnten. Dass die Verlage nun selbst auf Entdeckerreise gehen und fündig zu werden hoffen, ist ein interessanter Punkt. Dass sie dabei insbesondere aber auch an die Pflege des schottischen Buchmarkts denken und ihn als Ausgangsbasis für den übrigen englischen Sprachraum betrachten, lässt aufhorchen.

Deutsche Verlage behandeln Österreich und die Schweiz ziemlich mit links. Autoren von dort eben dort aufzubauen und einen Erfolg dort dann als Sprungbrett für Deutschland zu nutzen – wäre das nicht einen Versuch wert? Statt die Leserschaft beider Länder als „Nebenmärkte“ zu behandeln, die man eher stiefmütterlich „mitnimmt“.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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