Dass ein Käufer für den Europa Verlag gesucht wurde, war in der Öffentlichkeit spätestens klar, als bekannt wurde, dass die „Mutter“ Senator Film auf die Insolvenz zusteuerte. Und man hätte in der SPD – Medien Holding der DDVG auch beinah diesen Käufer gehabt (man hatte von April bis September 2003 darüber verhandelt) – die aber winkten im September ab. Zu diesem Zeitpunkt heuerten Senator und Vito von Eichborn Dr. Eberhard Kossack (Konzeption GmbH) als betriebswirtschaflichen Berater an, der Eichborn und Senator seither begleitet und der wohl auch Teutsch zuletzt mit ins Boot geholt hat. Teutsch hält künftig zwar formal mit 51 % die Mehrheit der Anteile (49% von Eichborn) an der künftigen Firma – in der Praxis aber werden beide „alle Entscheidungen paritätisch“ fällen, wie Vito von Eichborn eben am Telefon sagt. Übrigens: Der „wüsste zu gern , wer alles noch zu den Interessenten“ an Europa gehört hat, die selbst in letzter Minute noch bei Senator angeklopft hatten.
Doch hier die offizielle Info, die wir heute morgen schon exklusiv gemeldet haben [mehr…], [mehr…], die nun vom Europa Verlag www@europaverlag.de vor wenigen Minuten verbreitet wurde und die aufschlussreiche Details enthält:
Der Verleger Vito von Eichborn hat durch ein Management-buyout den Europa Verlag übernommen. Mit ins Boot geholt hat er [Arne Teutsch, als Gesellschafter und kaufmännischen Geschäftsführer. Die Veräußerung durch die Muttergesellschaft, den in Berlin ansässigen Filmkonzern SENATOR Entertainment AG, erfolgte nach monatelanger Vorbereitung nunmehr plangemäß im Zuge der strategischen Konzentration des SENATOR-Konzerns auf sein Kerngeschäft.]
Der Hintergrund: 1994 hatte Vito von Eichborn seine Anteile an dem von ihm gegründeten Eichborn Verlag verkauft und war 1996 definitiv ausgeschieden. 1999, nach ihrem Börsengang, beauftragte die Senator AG Vito von Eichborn, erneut als Verleger einen Verlag zu erwerben. Zum Vergnügen der Branche inserierte dieser im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel: „Ich bin beauftragt, einen Verlag zu kaufen.“ Eichborn erwarb für Senator den Europa Verlag und zog ihn von München nach Hamburg um.
Der Europa Verlag, von Emil Oprecht 1933 in Zürich als Exilverlag gegründet, war Zufluchtsort für viele verfolgte Schriftsteller. Hier erschien die von Thomas Mann herausgebene Zeitschrift „Maß und Wert“, wurden Ignazio Silone und Arthur Koeppen verlegt. 1953, nach dem Tod des Verlegers, wurde der Verlag an den Österreichischen Gewerkschaftsbund verkauft. Anfang der 90er Jahre von Otto Wolff von Amerongen und dem Bankier Oppenheim gekauft, zog die Geschäftsführerin Anna Stümpel den Verlag nach München um.
Nach der Übernahme durch Senator und dem Umzug nach Hamburg expandierte der Verlag. Mit einem politisch-zeitgenössischen Sachbuchprogramm, z. B. vier investigativen Büchern von Jürgen Roth und bereits neun Titeln von Noam Chomsky, anspruchsvoller Literatur ebenso wie Krimis und populären Sachbüchern, verdeutlichte der Verlag sein Ziel, im weitesten Sinne als Publikumsverlag wahrgenommen zu werden.
„Daran soll sich auch nichts ändern“, so Vito von Eichborn. „Der Eichborn Verlag war schon in seinen Anfängen ein kleiner Rowohlt, hatte also ein breites Spektrum. Von der Anderen Bibliothek bis zum Kleinen Arschloch war ich immer ein Freund der Extreme. Und jetzt reicht das Programm-Spektrum des Europa Verlags von Chomsky bis Peter O. Chotjewitz, von Ulrich Wickert und Günter Amendt bis zum Hell’s Angel Sonny Barger, von der Satire ‚Barry Trotter‘ bis Kindermund. Ich lese und genieße Bild, Gala, FAZ und ZEIT. Für all diese Leser möchte ich Bücher machen“.
Immerhin hat er in den letzten vier Jahren den Umsatz fast verdreifacht, die Wahrnehmung in Handel und Medien also deutlich erhöht. Jetzt will der Europa Verlag auch im Konzert der wenigen noch unabhängigen Publikumsverlage deutlich hörbar mitspielen.
Arne Teutsch ist bereits Gesellschafter bei den Kinderbuchverlagen Leiv, Baumhaus und Altberliner Verlag, außerdem beim Leipziger Buchverlag für die Frau und bei der Zeitschrift Eselsohr. Er will im herstellerischen Bereich ebenso wie bei Verwaltungskosten Synergien nutzen.
Das bisherige Programm wird fortgeführt. Schwerpunkte werden im Sommer die sicheren Bestseller „Alles über Paris“ von Ulrich Wickert sowie „Who Are We“ von Samuel Huntington sein. Die literarische Unterhaltung wird ausgebaut. Der Hausautor Noam Chomsky bekommt am 23. Mai den Ossietzky-Preis der Universität Oldenburg; sein Werk wird fortgesetzt. Und ein neu entwickeltes Geschenkbuchprogramm unter dem Label „Mosquito“ soll zu einer weiteren ökonomischen Basis des Unternehmens werden.