Es hatte schon etwas von Oscar-Verleihung, was die gut 1000 Zuschauer und Mitwirkenden im Bismarck-Saal des WDR-Funkhauses gestern Abend sehen und die Zuhörer von WDR 5 und HR 2 am Radio hören konnten. Zum dritten Mal wurde während einer zweistündigen Gala als Abschlussveranstaltung der lit.COLOGNE der „Deutsche Hörbuch Preis“ verliehen, mit insgesamt 23.000 Euro Preisgeldern die begehrteste Auszeichnung auf dem

Hörbuchmarkt. Jährlich werden die besten Produktionen des Vorjahres in sechs Kategorien prämiert. Die Preisträger gingen diesmal aus über 300 Einreichungen hervor und wurden von einer 13-köpfigen Fachjury ermittelt.
Den begehrten Preis lange in den Händen zu halten, scheint jedoch bei den Preis-„Trägern“ weniger begehrt zu sein, sodass er doch recht schnell wieder abgestellt wurde: Die glänzende Edelstahl-Skulptur aus einer mit einem Buch verschmolzenen CD wiegt sage und schreibe 7,5 Kilogramm und ist, so Moderator Roger Willemsen, „in jeder Hinsicht schwergewichtig“. So schwergewichtig, dass die Verleihung nicht nur vom Westdeutschen, sondern auch vom Hessischen Rundfunk übertragen wurde, auf dessen Konto die ebenso renommierte Auszeichnung „Hörbuch des Jahres“ geht. So zerstreut man die oft gemunkelte Theorie der Konkurrenz der Preise!
Der Grund für das HR-Engagement drängte sich schnell auf: In der Kategorie „Beste Information“ wurde die „Chronik des Jahrhunderts 1900-2000″ der HR-Redakteurin Dorothee Mayer-Kahrweg ausgezeichnet. Das klingende Geschichtsbuch ist eine Anthologie von Stimmen aus dem In- und Ausland, von Persönlichkeiten, die die Jahrzehnte beeinflusst haben. „Ich bin sehr erfreut über den Preis, denn bei der HR-Bestenliste wäre das nicht möglich“, meinte die Autorin.
Gibt es eigentlich DEN Deutschen Hörbuch Preis für eine Produktion? Nein, alle Kategorien sollen gleichwertig sein – auch wenn es eine gibt, die „Best of all“ heißt. Und die war diesmal nicht unbedingt die sympathischste, denn anscheinend konnte sich die Jury nicht auf einen Gewinner einigen. So wurde der Preis kurzerhand geteilt: für das DAV-Hörspiel „Krupp oder Die Erfindung des bürgerlichen Zeitalters“ von Peter Märthesheimer und für die Hörbuch-Buch-Kombination „Der Mann ohne Eigenschaften – Remix“ vom Hörverlag, herausgegeben von Katharina Agathos und Herbert Kapfer, Regie: Klaus Buhlert. Die diplomatische Erklärung für die Preisteilung lieferte der Jury-Vorsitzende Thomas Böhm vom Kölner Literaturhaus: „Äpfel und Birnen kann man nicht vergleichen. Daher haben wir uns entschieden, beide auf ihre Art jeweils herausragenden Produktionen zu würdigen.“
Am sympathischsten in Erinnerung bleiben sicher die Preisträger für das „Beste

Jugendhörbuch“. Die aus vielen Hörspielen bekannte 14-jährige Celine Voigt hielt die Laudatio auf das Hörcompany-Hörbuch „Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt“. Freudestrahlend nahmen Autor Hermann Schulz und der 13-jährige Sprecher Tristan Rehrl die Trophäe entgegen und bedankten sich u.a. bei ihren Verlegerinnen Andrea Herzog und Angelika Schaack. Am Applaus des begeisterten Publikums wurde deutlich, welchen Stellenwert das Hörbuch im stetig wachsenden Kinder- und Jugendbereich hat.
Der Preis für die „Beste Interpretation“ ging an die Schauspielerin Marion Breckwoldt. Sie spricht die „Jackie“ im gleichnamigen Monolog von Elfriede Jelinek, das 2004 bereits mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet wurde (intermedium records). Die Laudatio hielt die Schauspielerin und Hörbuchpreis-Jurorin Lena Stolze.
Auf Krücken humpelnd beglückwünschte Leonard Lansink, bekannt als Münsteraner ZDF-Fernsehdetektiv Wilsberg, den nächsten Preisträger: Autor und Regisseur Hermann Naber für die Umsetzung der Raymond-Chandler-Krimis in Form einer zehn Hörspiele umfassenden DAV-Sammlung mit dem Titel „Gefahr ist ihr Geschäft“. Das Hörbuch war zwar als „Besonderes Hörbuch“ nominiert, von der Jury dann aber mit dem Prädikat „Beste Unterhaltung“ ausgezeichnet worden.
Statt dessen gewann gleich eine ganze Hörbuch-Edition die Auszeichnung „Das besondere Hörbuch“: die Edition Christian Brückner des Parlando Verlags. Brückner gilt als der

bekannteste deutsche Hörbuchsprecher, viele kennen ihn als Synchronstimme von Robert de Niro. Bei unzähligen Hörbuchproduktionen verschiedenster Verlage hat er mitgewirkt, doch gibt es viele besondere Texte, die Christian Brückner und seiner Ehefrau Waltraud so am Herzen liegen, dass sie nicht darauf warten wollen, bis ein Verlag sich an sie heran traut, und sie mit viel Mut für kleine Auflagen selbst herausbringen. Verdient haben die beiden den Deutschen Hörbuch Preis also – der eigene Zaunpfahl-Hinweis „Wir haben es doch verdient“ durch Frau Brückner während der Dankesrede (als hätten die beiden schon seit Jahren auf Preise gewartet) wirkte dann aber doch etwas befremdlich. Christian Brückner rettete den vielleicht falschen Eindruck so: „Ich nutze einmal die Gelegenheit, die ich sonst kaum habe, nur ganz wenig zu sagen: danke.“
Übrigens: Heimlicher Gewinner des Abends war kein Preisträger, sondern der Moderator, ohne den die Veranstaltung zweifellos weniger spritzig geworden wäre. Roger Willemsen führte gewohnt souverän und vor allem immer süffisant-ironisch durchs Programm, gespickt mit vielen geistreich formulierten Späßen auf Kosten von Prominenz und Publikum, ohne dass diese ihm das übelnehmen wollten. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch beeindruckende Musikeinlagen des Deutschen Filmorchesters Babelsberg und durch künstlerische Darbietungen des WDR-Sprecherensembles. Das Fazit des Abends: eine schöne Gala und ein Hauch von (Hörbuch-)Oscar…
René Wagner
Die Preisträger noch mal im Überblick finden Sie in unserer Meldung von heute morgen [mehr…]