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Offener Brief an EU-Kommissar Figl zu den Vergaberichtlinien im Programm Kultur 2007

Da braut sich was zusammen: In einem offenen Brief an EU-Kommissar Ján Figel kritisiert die Vorsitzende des Verbandes der Übersetzer Gerlinde Schermer- Rauwolf die neuen Vergaberichtlinien im Programm Kultur 2007 und bittet um eine Neufassung. Hier der Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Kommissar,

das Programm „Kultur 2007“ liegt vor. Darin heißt es:

„Hauptanliegen der Gemeinschaftstätigkeit ist die Verwirklichung eines gemeinsamen europäischen Kulturraums durch den Ausbau der kulturellen Zusammenarbeit in Europa. So soll diese Tätigkeit aktiv zur Entwicklung einer europäischen Identität beitragen.“

Ein gemeinsamer europäischer Kulturraum und die kulturelle Zusammenarbeit in Europa beruhen auf dem wechselseitigen Verständnis der jeweils anderen Kultur. Einen grundlegenden Beitrag dazu liefert traditionell die Literatur. Um in einem anderen Land der EU verstanden zu werden, muß Literatur übersetzt werden, und zwar von einem literarischen Übersetzer, der, anders als der technische Übersetzer, über eine besondere sprachliche Bildung und Begabung verfügt. Die Übersetzung von belletristischer und wissenschaftlicher Literatur ist eine Grundvoraussetzung, um die Hauptanliegen der EU im Bereich der Kultur, aber auch darüber hinaus umzusetzen und eine europäische Identität zu entwickeln, die die Vielfalt in der Einheit widerspiegelt.

Als vorrangige Ziele nennt das Programm „Kultur 2007“:

– Unterstützung der grenzüberschreitenden Mobilität von Menschen, die im Kultursektor arbeiten,
– Unterstützung der internationalen Verbreitung von künstlerischen und kulturellen Werken und Erzeugnissen und
– Unterstützung des interkulturellen Dialogs.

Fast könnte man meinen, diese Ziele seien besonders auf die Literatur und die literarischen Übersetz er zugeschnitten. Denn ihre schöpferische Tätigkeit ist die Grundvoraussetzung für den interkulturelle Dialog, sie sorgen wie sonst niemand für die internationale Verbreitung literarischer und wissenschaftlicher Werke, sie helfen, die Kultursprachen und das kulturelle Gedächtnis zu erhalten; regelmäßige Reisen in die Länder, deren Literatur sie übersetzen, sowie der Dialog mit Kollegen und Autoren sind für ihre Arbeit unerläßlich.

Es wären daher Programme notwendig, die diesen fruchtbaren Austausch finanziell und organisatorisch unterstützen. Doch die Realität sieht anders aus: Die Bedingungen für eine Förderung sind so gestaltet worden, daß literarische Übersetzer de facto von der Beantragung ausgeschlossen sind. Für sie als individuell tätige, freischaffende Kulturvermittler hat dies bisher schon gegolten, aber die zehn internationalen Übersetzerzentren innerhalb der EU, in denen Übersetzer unter günstigen Bedingungen und in einem Klima des wechselseitigen Austauschs für eine begrenzte Zeit leben und arbeiten können, konnten bislang Fördermittel beantragen. Das neue Programm „Kultur 2007“ macht nun auch dies unmöglich.

Da ist zum einen die Forderung nach Partnern aus sechs verschiedenen EU-Ländern für ein förderungswürdiges Projekt. In einem internationalen Übersetzerzentrum wie dem Europäischen Übersetzerkollegium in Straelen (EÜK) kommen Übersetzer aus nahezu allen EU-Ländern zusammen, aber das EÜK kann unmöglich mit fünf anderen Übersetzerzentren einen gemeinsamen Förderantrag stellen. Schon allein die haushaltsrechtlichen Voraussetzungen in den einzelnen Ländern sind viel zu unterschiedlich. Auch stimmt das nationale Haushaltsjahr in den seltensten Fällen mit dem Haushaltsjahr der EU überein. Ein Einbehalt von 20% des Förderbetrags bis zur abschließenden Prüfung der Verwendungsnachweise ist mit dem deutschen Haushaltsrecht (und mit dem vieler anderer Länder) nicht vereinbar.

Dabei können gerade in den neu hinzugekommen, östlichen Mitgliedsstaaten solche Zentren der Vermittlung und des literarischen Austauschs wie das Literárne Informacné Centrum in der Slowakei oder die Magyar Fordítoház Alapítvány in Ungarn ohne Hilfe von EU-Mitteln finanziell nicht überleben. Aber auch die meisten anderen Übersetzerzentren sind auf EU-Mittel angewiesen, um das ganze Jahr über Literaturübersetzer aufnehmen und ihnen die notwendigen Arbeitsmittel zur Verfügung stellen zu können.

Hinzu kommen die bürokratischen Hürden eines Antragsmarathons, bei dem der zeitliche Aufwand in keinem Verhältnis zur Fördersumme steht. Die jetzigen Förderbedingungen, die allenfalls von Großprojekten der Filmindustrie erfüllt werden können, gleichen eher denen der Wirtschaftsförderung – eine europäische Kultur, die zu einer europäischen Identität hinführt, wird auf diese Weise aber nicht gefördert.

Der VdÜ, der über 1.200 deutsche Literaturübersetzer vertritt, fordert Sie daher auf, die angesprochenen Bedingungen des Programms „Kultur 2007“ zu ändern und neue, sachgemäße Wege und Möglichkeiten zur Förderung des kulturellen Austauschs auf dem Gebiet der Literatur zu schaffen. Im übrigen schließen wir uns den Forderungen des Deutschen Kulturrats und des European Writers Congress (EWC) an.

Mit freundlichen Grüßen

Gerlinde Schermer-Rauwolf

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