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Thomas Böhm Über Regalfüllmaschinen

Ganz langsam füllt sich das Archiv der Kolumne von Thomas Böhm. Ungleich schneller füllen sich die Regale derer, die zu den wöchentlichen Lieferungen der Bucheditionen der Zeitungen und Zeitschriften greifen. Zeit für Thomas Böhm, sich darüber Gedanken zu machen.

„Möchtest Du das vielleicht haben?“ Wenn meine Oma mütterlicherseits mir diese Frage stellte, hatte sie vorher meist ein Buch des Bertelsmann-Leseklubs aus dem Regal gezogen. Ich rätselte stets über das System von Auswahl und Angebot. War es die letzte Zwangserwerbung, die sie abstoßen wollte, bevor die Einlegeböden in der Schrankwand unter der dritten Reihe Bücher zusammenbrach? Oder hatte sie tatsächlich geglaubt, der überdicke Schinken Unterhaltungsliteratur, Absendeort: Gütersloh könne mich interessieren? Um nicht unenkelhaft zu wirken, antwortete ich stets: „Hab ich schon.“ Wohlweislich nicht „Hab ich schon gelesen“, denn meine von jährlich vier Büchern, die sie laut Mitgliedsvertrag abzunehmen verpflichtet war zunehmend bedrängte Oma, wußte besser als jeder andere Buchbesitz und Lektüre zu unterscheiden.

Irgendwann hat sie ihren Unterhaltungsliteraturknebelvertrag gekündigt. Weil ihr das bis heute 100.000 andere gleichgetan haben, kamen auch anspruchsvollere Buchklubs wie die Büchergilde Gutenberg Ende der 90er Jahre ihrerseits in Bedrängnis, gleichzeitig entstand aber ein neues Freiheitsgefühl in den Bücherregalen.

Umso erstaunlicher nun die Rückkehr der Regalfüllmaschinen. SZ-Bibliothek, Marcel Reich Raniki Kanon, Bild-Bibliothek, Klavier-Kaiser, Brigitte Heidenreich-Edition, Starke-Stimmen – stellen Sie nach Belieben weiteres dazu und fragen sich, warum diese Meterware? Und warum sie kaufen? Welcher Verlockungen bedienen sie sich? Sie suggerieren, daß man sich das mühsame Auswählen und Informieren spart, sich statt dessen auf Autoritäten verlassen kann deren Namen für Qualität bürgt. Wobei Auswahl und Angebot der Autoritäten genauso undurchsichtig bleibt wie bei meiner Oma. Ein weiteres Verkaufsstrategem: Den neuen Regalfüllern sieht man gleich an, daß sie zusammengehören, sie bilden ein Kunstobjekt. Durchdesignt ergänzen sich die Buchrücken zu einem Regenbogen, einer Autorensignatur oder dem Portrait der Familie Dagobert Duck. So weit zu Bild und Bildung. Ich möchte aber leise darauf hinweisen, daß durch die Füllmaschinen die Mitte des Regals verloren geht, jener magische Punkt, an dem man urplötzlich das Gefühl bekommt, grade ein Buch mehr gekauft zu haben, als man in seinem Leben noch lesen wird. Wem das zu poetisch ist, dem rate ich zu einem letzen Sicherheitstest: Einfach mal Buch aus der Regalfüllmaschine herausnehmen, es einem Enkel zeigen – zur Not tun es auch die eigenen Kinder – und fragen: „Möchtest Du das vielleicht haben?“

Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.

Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de

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