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Kippfiguren – Robert Gernhardts Brunnenhefte im Literaturhaus in Frankfurt am Main

Robert Gernhardt im Literaturhaus

Viel Beachtung fand die gestrige Vernissage der Exposition von 170 Heften mit Zeichnungen, notierten Gedanken und Gedichten Robert Gernhardts.

Maria Gazzetti

Literaturhaus-Chefin Maria Gazzetti freute sich, eine Auswahl der insgesamt 675 „Brunnen“-Schulhefte hier zeigen zu können: „In der Zeit der E-Mails werden solche nachgelassenen Hefte noch bedeutsamer.“ Die Ausstellung, erstmals von November 2007 bis Februar 2008 in Marbach gezeigt, ist nun bis zum 1. Juni in der Mainmetropole zu sehen.

Rüdiger Volhard

Rüdiger Volhard würdigte die Exposition ebenfalls, es ist eigentlich seltsamerweise erst die 4. Gernhardt-Ausstellung in Frankfurt. Rückblickend stellte Volhard fest, dass Gernhardt unverhältnismäßig lange ein Geheimtipp war. Das habe sich erst in den letzten 20 Jahren geändert. Er ehrte Gernhardt als selbstbewusst Bescheidenen, als – und damit griff er Worte des Feuilletons auf – „begnadeten Alleskönner“.

Heike Gfrereis

Über die Schwierigkeiten der Präsentation berichtete Heike Gfrereis, Leiterin des neuen Literaturmuseums der Moderne in Marbach. Wie trifft man die richtige Auswahl aus 34 000 Seiten? Die Exposition soll auch als Anregung verstanden werden, sich intensiver mit dem Dichter, Maler, Zeichner Gernhardt zu beschäftigen. Mit der spiralförmigen Anordnung der „Brunnen“-Hefte, über denen einfache Kugelschreiber, wie Gernhardt sie für seine Notizen bevorzugte, schweben, sei eine gute Symbiose von Statik und Bewegung geglückt. In 49 schwebenden Vitrinen kann der Besucher Zeichnungen, Gedichte, Notizen entdecken.

Thomas Steinfeld

„War da je Strom, je Fluß, je Schwein“ – unter diesem Titel wandte sich Thomas Steinfeld den Stilleben Robert Gernhardts zu. Er charakterisierte Gernhardt als Suchenden, der Fragen und Antworten in Worte und Bilder umsetzt, mit wenigen Buchstaben und wenigen Strichen den Sinn genial erfasst. Doch immer sei in den heiteren Bildern ein „Dahinter“ geblieben, ein Rest Geheimnis, manchmal ein Rest Schmerz.

Kristina Maidt-Zinke kennt die 29 Kartons umfassende „Brunnen“-Heft-Sammlung sehr genau. Umso schwieriger war es für sie, eine Auswahl zu treffen. Sie wies auf den Doppelsinn der „Brunnen“-Hefte hin: Sie sind ein schier unergründlicher Schatz, den Robert Gernhardt vom Sommer 1978 bis zum 21. Juni 2006 – neun Tage vor seinem Krebstod – angehäuft hatte. Gernhardt notierte schon 1988, „dass die Hefte die eigentliche Summe meiner Existenz darstellen, authentischer als Bilder und Bücher, da sie reine Bewegung sind und kein Ankommen – wohin und worauf immer diese Bewegung gerichtet ist.“ Die Hefte sind sein Versuch, die Welt und sich selbst intensiv wahrzunehmen und sich zugleich von ihr und von sich zu distanzieren.

Der Titel „Kippfiguren“ – gleichzeitig Titel einer Gernhardt-Erzählung und Begriff aus der Wahrnehmungspsychologie – subsummiert den Inhalt: Kippt nicht ständig eine Figur, eine Wortspiel vom Guten ins Böse oder umgekehrt? Kippen nicht Tiere und werden zu Menschen, oder umgekehrt? Ist es nicht ein und dieselbe Figur, nur aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet?

In der Bibliothek sind 170 Hefte zu sehen

Gernhardt selbst bestimmte, dass sein schriftlicher Nachlass in Marbach verbleiben soll. Bis zum Jahresende 2008 wird diese Entscheidung realisiert werden.
Das Marbacher Magazin 120 hat zwei Brunnen-Hefte faksimiliert, ein Essay von Kristina Maidt-Zinke vervollständigt die Ausgabe, die ein guter Begleiter der Ausstellung ist.

JF

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