
eine Leseprobe

© Valerie Stahl von Stromberg
Volker Weidermann, geboren 1969 in Darmstadt, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und lebt in Berlin. In seinem soeben bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Titel Das Buch der verbrannten Bücher über die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 berichtet er, wie es dazu kam, welche Bücher verbrannt wurden und was mit den Autoren geschah.
BECKMANN: 1946 veröffentlichte Alfred Kantorowicz die erste umfangreiche Geschichte von den deutschen Dichtern und Schriftstellern, die von den Nazis umgebracht oder ins Exil vertrieben wurden. Jürgen Serke hat in seinem Buch Die verbrannten Dichter (1977) einige Überlebende dieser Autoren portraitiert und in Böhmische Dörfer (1988) die große deutschsprachige Literatur meist jüdischer Schriftsteller aus Prag wiederentdeckt, die von den Nazis (und anschließend von der kommunistischen Tschechoslowakei) vernichtet wurde und bis auf wenige große Namen wie Kafka, Rilke und Werfel in Vergessenheit geriet. Warum haben Sie nun in diesem Jahr Ihr Buch Das Buch der verbrannten Bücher] herausgebracht?
WEIDERMANN: 75 Jahre danach ist kein einziger der damals verbrannten Autoren mehr am Leben. Für mich war das ein sehr interessanter Zeitpunkt, sich mit diesem Thema neu zu befassen. Vieles verschiebt sich ja gerade in unserer Wahrnehmung auf die Schrecken jener Jahre. Es beginnt eine neue Epoche, der Blick zurück auf diese Zeit ist ein Blick auf ein abgeschlossenes Kapitel. Mir war es wichtig, jetzt diese Geschichten neu zu erzählen. In dem Moment, in dem keiner der Betroffenen mehr lebt, ihre Geschichten wieder lebendig werden zu lassen, ihr Leben, ihr Schreiben neu zu erzählen.
Kantorowiczs Buch war eine erste Bestandsaufnahme, Serkes wunderbares Buch lebte vor allem von den Besuchen bei den Überlebenden, den Vergessenen, die er wortwörtlich zurück ins Leben, ins öffentliche Bewusstsein zurückbringen konnte.
BECKMANN: Deshalb stellen Sie hier also die 94 deutschsprachigen (und, weniger ausführlich) 37 fremdsprachigen Autoren dar, deren Namen auf der schwarzen Liste standen, die als Grundlage für die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 diente. Es hat später ja noch andere nationalsozialistische Ausweisungen bzw. Verfolgungen von Autoren und der Vernichtung ihrer Bücher gegeben. Wie ist es überhaupt zu der ersten schwarzen Liste von 1933 gekommen?
WEIDERMANN: Die Liste hatte ein Bibliothekar erstellt. Sein Name war Wolfgang Herrmann, und er saß einem sogenannten „Ausschuss zur Neuordnung der Berliner Stadt- und Volksbüchereien“ vor, der nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eingesetzt worden war. Von Bücherverbrennungen war da am Anfang überhaupt keine Rede. Es waren die Studenten, die die Verbrennung initiierten, die sich an Herrmann wandten und um die Liste baten, die sie dann als Grundlage der Verbrennung nutzen konnten. Ein Zufall, wie vieles in diesen Monaten.
Herrmann selbst wurde übrigens schon eine Woche nach der Bücherverbrennung scharf angegriffen, weil er auf einer früheren Liste über Adolf Hitlers Mein Kampf geschrieben hatte, es enthalte „keine geistig originellen und theoretisch durchdachten Gedanken“. Und dieser Mann durfte für das neue Regime entscheiden, was als „deutsch“ und was als „undeutsch“ zu gelten hatte. Da war ihnen ein Fehler unterlaufen, der rasch korrigiert wurde. Ein Parteiausschlussverfahren wurde eingeleitet, er wurde nach Königsberg versetzt, eingezogen und ist 1945 gefallen.
BECKMANN: Wurde die Bücherverbrennung im wesentlichen vom NS-Staat oder der NSDAP betrieben? Wie hat sich dazu die Bevölkerung verhalten, wie die studentische Jugend, wie der Buchhandel?
WEIDERMANN: Die Initiative ging ausschließlich von den Studenten aus, genauer vom „Deutschen Studentenbund“. Die Regierung und das Propagandaministerium wurden ständig über den neuesten Stand informiert, es gab auch Signale, dass das alles durchaus im Sinne der Regierung sein würde, aber gerade Goebbels hielt sich mit einer offiziellen Unterstützung lange zurück. Erst am 9. Mai gab er seine Zusage, dass er am folgenden Tag auf dem Berliner Opernplatz die Feuerrede halten würde. Dort sagte er dann den Satz: „Als am 30. Januar dieses Jahres die nationalsozialistische Bewegung die Macht eroberte, konnten wir nicht wissen, dass so schnell und so radikal in Deutschland aufgeräumt werden könnte.“
Da hatte er einen wahren Satz gesprochen. Er war wirklich überrascht, dass das schon möglich war, dass man gut drei Monate nach der Machtübernahme öffentlich die Bücher der besten Autoren des Landes verbrennen konnte und keiner protestiert.
Es gab tatsächlich keine nennenswerten Proteste. Das ganze hatte eher den Charakter einer Volksbelustigung mit Würstchenverkauf. Der Buchhandel reagierte natürlich sehr unterschiedlich. Es gibt da schon einige Berichte von widerständigen Buchhändlern, die verbotene Ware im geheimen weiterverkauften. Aber die Regel war das nicht.
Die meisten fügten sich sofort und klagten nur darüber, dass so lange Zeit so wenig Klarheit herrschte. Es folgten ja schon bald Listen auf Listen. Über mehrere Jahre gab es nicht eine einzelne Stelle, die Buchverbote aussprechen konnte, sondern die unterschiedlichsten Institutionen verfolgten unterschiedliche Strategien. Die Buchhändler kostete das viele Nerven. „Bitte schaffen Sie Verbindlichkeit“ stöhnten sie. Und die zweite Klage war: Wer ersetzt mir das? Wer ersetzt mir die bezahlte Ware, die nun verboten ist und die die Verlage auch nicht mehr zurücknehmen?
BECKMANN: Warum sind Sie, statt sich auf eine Auswahl der literarhistorisch bedeutendsten oder heute noch wichtigen Dichter und Schriftsteller zu beschränken, den Spuren ausnahmslos aller Autoren auf der schwarzen Liste von 1933 nachgegangen?
WEIDERMANN: Gerade das fand ich interessant. Gerade die vergessenen, die heute wirklich kein Mensch mehr kennt. Kästner, Remarque und Heinrich Mann werden ja immer als erste genannt, wenn es um die Bücherverbrennung geht. Mir ging es vor allem auch um die aus der zweiten Reihe, für die die Verbrennung tatsächlich das Ende der Karriere, kurze Zeit später das Ende des Lebens und schließlich das Vergessen bedeutete. Die haben mich besonders interessiert, und da habe ich für mich sehr überraschende Funde gemacht.
BECKMANN: Sie haben ein spannendes Buch geschrieben – „es ist gar nicht langweilig“, wie Marcel Reich-Ranicki auf der Podiumsdiskussion zur Vorstellung im Frankfurter Literaturhaus erklärte. Auf eine ausführliche, umfassende Darstellung der Werke, auf eine irgendwie erschöpfende literarkritische Würdigung haben Sie verzichtet, Sie erzählen vor allem die Lebensgeschichten dieser Autoren. Ist es Ihnen so wichtig, ein breites Publikum zu erreichen?
WEIDERMANN: Na, Sie sind gut. Klar ist mir das wichtig. Ich will doch die Vergangenheit zurück ins Leben holen. Ich will doch, dass Erinnerung kein totes, besinnungsloses Kranzabwerfen ist, sondern ein neuer Blick auf alte Dinge. Es geht doch darum, den Schrecken jener Tage lebendig zu halten, und das geht eben nicht, indem ich die immergleichen Geschichten in der immergleichen Weise erzähle. Sondern neu, unterhaltsam und lebendig.
Ja, auch unterhaltsam. Sonst hört doch keiner zu. Wir können die Leute ja leider nicht zum Lesen unsrer Bücher zwingen. Um ein freiwilliges, gespanntes, interessiertes Lesen zu erreichen, ist Unterhaltsamkeit ein ganz gutes Mittel. Und dass die Geschichten so kurz sind und unausführlich – ja, es ist wahr. Dieses Buch ist nur ein Anfang, ein Sprungbrett für eine ausführliche Beschäftigung mit möglichst vielen der beschriebenen Autoren.
BECKMANN: Wieso haben eigentlich die meisten dieser Autoren in Deutschland nach 1945 keine oder nur noch eine sehr kleine Leserschaft gefunden – selbst diejenigen, die wie Leo Perutz vor 1933 ein Millionenpublikum hatten und, wie er, noch heute durch ihre Originalität, Modernität, Tiefgründigkeit und Spannung bestechen? Ist ihre Verfemung durch die Nazis so nachhaltig gewesen? Wirkt sie bis heute nach?
WEIDERMANN: Sie fanden nach 1945 kein Publikum, weil sie 1933 eben nicht zufällig verbrannt worden waren. Das war ja eben keine Geheimaktion einer verschlagenen kleinen Regierungstruppe. Sondern die Deutschen haben in ihrer Mehrheit diese Leute aus dem Land gejagt. Wieso sollten dieselben Leute, die 12 Jahre zuvor diese Bücher verbrannt hatten, 1945 plötzlich mit Begeisterung wieder Heinrich Mann lesen?
Nein, der Mann war erledigt. Und dann kamen die auch noch zurück, wie Döblin, wie Klaus Mann, und wollten Ratschläge geben, wollten alles besser wissen. Das hatte ja gerade noch gefehlt! Und – ja, das wirkt bis heute nach. Die Lücke, die diese Jahre gerissen haben, ist nicht mehr zu schließen. Eine ganze Erzähltradition ist entzweigehauen worden, mühsam, mühsam und langsam lässt sich da wieder etwas annähern. Aber heilen, zusammenfügen, als wäre nie etwas gewesen? Nie mehr.
BECKMANN: Von wie vielen der 94 deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, deren Bücher 1933 verbrannt wurden, sind heute überhaupt Werke lieferbar?
WEIDERMANN: Von etwa dreißig gibt es gar nichts mehr. Von weiteren zwanzig noch Vereinzeltes.
BECKMANN: Sie haben einen großen Teil, wenn nicht alle Werke dieser Autoren gelesen. „Natürlich sind einige uninteressante Bücher darunter gewesen“, schreiben Sie, „auch schlecht geschriebene, kitschige, gut gemeinte, schlecht gemachte. Klar, nicht jedes verbrannte Buch war ein Meisterwerk.“ Andererseits bekennen Sie, vieles entdeckt und etliches mit Begeisterung gelesen zu haben. Gibt es den einen oder anderen Dichter der schwarzen Liste, das eine oder andere Werk – über die heute noch oder wieder bekannten hinaus -, die Sie uns heute ganz besonders zur Lektüre empfehlen? Die Sie unseren Buchhändlern für ihr Engagement ganz besonders nahe legen möchten?
WEIDERMANN: Die Reportagen der Maria Leitner, die Lebensgeschichte des Arthur Holitscher, die Reiseberichte des Hanns Heinz Ewers, die Kunstbetriebsbeschimpfung des Hermann Essig, das Sekretärinnen-Helden-Epos des Rudolf Braune, den Kriegsbericht von Schlump,… – ach, ich verschwärme mich…
BECKMANN: Haben Sie die Absicht, hegen Sie die Hoffnung, sich selbst – wie Jürgen Serke es Ende der 1980er Jahre mit seiner Bibliothek der Böhmischen Dörfer getan hat – editorisch für die Herausgabe eines zu Unrecht vergessenen Autors dieser Literatur zu engagieren?
WEIDERMANN: Ich bin da in Gesprächen mit meinem Verlag. Das wäre ein wunderbares Projekt. Es haben sich auch schon einige Verlagshäuser gemeldet, die einzelne Werke oder ganze Reigen herausgeben wollen. Das wäre natürlich ein Traum!
Zum letzten Sonntagsgespräch mit Peter S. Fritz über Remissionen und Autorenvorschüsse [mehr…]







