
Zunächst mussten die Fenster geschlossen werden – der Auto-Korso der kroatischen Sieger im gerade beendeten Fußball-EM-Spiel gegen Deutschland machte jede Unterhaltung unmöglich. „Es sei ihnen gegönnt. Aber kommen wir jetzt zu einem Schriftsteller, der über die schwierigen Beziehungen der Völker des ehemaligen Jugoslawien berichtet, zu denen neben Slowenien, Bosnien, Herzegowina, Montenegro, Serbien, Mazedonien auch Kroatien gehörte,“, stellte Wolfgang Klotz, Geschäftsführer der C.E.E.O.L. (Central and Eastern European Online Library) den Autor Lászlo Végel vor. Végel, 1941 geboren und Angehöriger der ungarischen Minderheit, lebt im serbischen Novi Sad, Hauptstadt der Provinz Vojvodina. 1967 erschien sein erster Roman „Memoiren eines Zuhälters“, den Péter Esterházy als einen „Meilenstein für die moderne ungarische Literatur“ bezeichnete.
Lászlo Végel und sein im Jahr 2005 verstorbener Schriftstellerkollege István Eörsi gelten als Unbequeme, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Während des Balkankrieges in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts schrieb Végel sein Kriegstagebuch „Exterritorium“, erschienen 2007 bei Matthes & Seitz und 2003 in Ungarn als „Buch des Jahres“ ausgezeichnet. Es ist der Versuch einer Erklärung der psychischen Lage der serbischen Gesellschaft und thematisiert das Verhalten der serbischen Opposition, das wesentlich diffiziler ist als es die uns bekannten einschlägigen Fernsehbilder zeigen.
Lászlo Végel liest zunächst eine Seite auf Ungarisch, dann trägt Bea Klotz, selbst gebürtige Ungarin und für die C.E.E.O.L. tätig, eine von insgesamt zwölf Szenen des Buches vor. Über dem Kriegstagebuch schwebt der Satz „Geht doch dahin, wo ihr hergekommen seid.“ Eine Äußerung, die Végel sein Leben lang zu begleiten scheint und Fragen aufwirft wie: Warum mussten aus dem einst vereinten Land immer nur die Schwächeren fliehen? Wie sollte man Menschen aus Träumen reißen, die diese Träume für die einzige Wahrheit halten? „Als Angehöriger einer Minderheit lernt man die Wunden von innen kennen“, schreibt Végel.
In der anschließenden Diskussion wies Végel auf die Unterschiede des ehemaligen Jugoslawien im Vergleich zu anderen osteuropäischen sozialistischen Ländern hin und sagte: „Tito war der letzte österreichisch-ungarische König mit einem bolschewistischen Herz.“ Eine Lösung des Balkankonflikts werde es wohl erst in einem gemeinsamen Europa geben.
JF