Dreieinhalb Stunden Lesung mit sieben Autoren leiteten die Literaturparty

Dieter Johannes
anlässlich des Edition AV-Verlagsgeburtstages im Bürgerhaus Lich am 2. August ein. In diesen jeweils 30-minütigen Lesungen wurden sowohl neue, noch nicht erschienene Titel [mehr…] als auch erfolgreiche Bücher der Edition vorgestellt.
Worauf die drei Verleger Dieter Johannes, Andreas W. Hohmann und Julia Hohmann zum Jubiläum besonders stolz sind: „Es gibt uns immer noch. Wir sind unseren Prinzipien treu geblieben und schuldenfrei.“
Angefangen hat alles 1987 in Friedrichsdorf-Seulberg im Taunus. Eine „anarchistische“ Künstlergruppe von Malern, Theaterleuten, dem Bildhauer Dieter Johannes und dem politische engagierten und tatendurstigen Andreas W. Hohmann fand sich zusammen – mit Konzept, Theorie und vielen Idealen, aber ohne Namen. Im März 1988 gewann diese Gruppe einen von Kali + Salz ausgeschriebenen Wettbewerb, dessen erster Preis eine große Ausstellung war.
Nun musste ein Name her. „Wir fühlten uns als die ‚Avantgarde’. So kamen wir auf die Idee, uns ‚Avantgarde 88’ zu nennen, nach dem Gründungsjahr. Ich begann, nach der von viel Wein begleiteten Namensfindung die Buchstaben auf ein Betttuch zu sprühen, nach dem ‚V’ war das Laken zu Ende“, erinnert sich Dieter Johannes. Bis 1996 gab es das Projekt AV 88, bestehend aus der Künstlergruppe AV 88 und der Edition AV 88. Die Künstlergruppe fiel auseinander.
Übrig blieben Dieter Johannes und Andreas W. Hohmann mit der Edition. „Die haben wir dann in einen Verlag umgewandelt“, berichtet Andreas W. Hohmann. 1996 trat dieser Verlag erstmals auf der Frankfurter Buchmesse in Erscheinung, im Gepäck bibliophile, limitierte Kunstausgaben. Seitdem erregt der Verlag jährlich neben seinen Büchern mit Kuriosa Aufmerksamkeit auf der Messe: dem Paket „Hartz V“, einem Pflasterstein mit zweckdienlichen Hinweisen, „Miel de liberté“ mit einem klassischen Text von Malatesta im Honigglas, Bakunin-Texten in der praktischen Wurfflasche und weiteren Präziosen. „Damit sprechen wir auf andere Weise aktuelle Themen an oder nehmen uns selbst auf die Schippe“, erläutert Andreas W. Hohmann diese Editionen, die alle auch eine ISBN oder ISSN haben.
Aus den auf Schreibmaschine getippten und über Kopierer vervielfältigten Texten in Reclam-Anmutung sind heute über 100 Bücher geworden. Waren es zu Anfang zwei neue Titel pro Jahr, sind es heute durchschnittlich 16 Neuerscheinungen jährlich, darunter finden sich Titel wie „Die Ratten betreten das sinkende Schiff“ (2005) von Gwendolyn von Ambesser, die sich mit dem Leben des Schauspielers Leo Reuss beschäftigt und den Weg für „Schaubudenzauber“ (2006), die Geschichte des legendären Kabaretts, öffnete.
Mit dem Autor Kurt Wafner machte sich der Verlag einen Namen: 2001 erschien „Ausgeschert aus Reih’ und Glied“, 2003 „Ich bin Klabund – macht Gebrauch davon!“. 2003 kam übrigens auch Julia Hohmann zum Verlag.
Zur Verlagsphilosophie gehört neben dem Grundsatz, keine Schulden zu machen, auch, keine Bücher zu verramschen oder zu makulieren. Jede Entscheidung wird im Konsens mit der Autorin/dem Autor getroffen – das ist Vertragsinhalt.
Seit 2004 ist die Edition Verlag AV in Lich ansässig, statt drei Wohnungen und ein Büro im teuren Frankfurt bezahlen zu müssen, lebt man jetzt zu dritt und mit Kindern in einem schönen alten Fachwerkhaus in der beschaulichen Kleinstadt. „Ein Glücksfall“, sagen alle drei Verleger.
In Zukunft soll es eine „Stiftung Buchreihe“ geben, um begonnene Projekte wie die Reihen „Widerständige Frauen“, die „Libertäre Bibliothek“, ausgewählte Werke von Cornelius Castoriadis und Gustav Landauer weiter veröffentlichen zu können.
Dieter Johannes, ausgebildeter Bildhauer, Andreas W. Hohmann, der Geschichte und Pädagogik studierte, und Julia Hohmann, die sich noch im Pädagogik-Studium befindet, sind ihren Idealen treu geblieben. „Allerdings können wir vom Verlag allein nicht leben, müssen also außerdem in verschiedenen Jobs arbeiten“, erklären sie. Eines jedoch bleibt oberstes Gebot: „Wir wollen weiter Bücher veröffentlichen, von denen wir überzeugt sind. Das Buch muss als Kulturgut bewahrt werden, Autorinnen und Autoren verdienen unseren Respekt.“ Das wissen und schätzen alle, die für die Edition Verlag AV tätig sind.
JF