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F. C. Delius 35. Stadtschreiber von Bergen-Enkheim

Daniela Birkenfeld, Reinhard Jirgl, F. C. Delius

Gestern Abend wurde im Festzelt auf dem Berger Marktplatz Friedrich Christian Delius als 35. Stadtschreiber von Bergen-Enkheim in sein symbolisches, mit einem Preisgeld von 20.000 Euro verbundenes Amt eingeführt.

Der neue Ortsvorsteher des Frankfurter Stadtteils, Helmut Ulsdörfer, begrüßte unter den Gästen die ehemalige Stadtschreiberin Eva Demski und den scheidenden Amtsinhaber Reinhard Jirgl. Musikalisch umrahmt wurde das traditionelle Volksfest von La Melagrana, ein Wunsch von Reinhard Jirgl. Die aus Weimarer Studenten bestehende Gruppe La Melagrana trug Lieder aus dem italienischen Mittelalter vor.

Stadträtin Prof. Dr. Daniela Birkenfeld überbrachte die Grußworte der Stadt Frankfurt und betonte ihre Verbundenheit mit dem Stadtteil Bergen-Enkheim; sie wohnt hier. Als Geschenk brachte sie ein Tischkicker-Spiel Junior Edition für F. C. Delius mit. Es solle ihm den Kontakt zu den Bürgern Bergens erleichtern.

Die Festrede hielt Juli Zeh. In ihrer Ansprache wandte sie sich an Sybille, Torsten und Yvonne – scharf konturierte Typen, die für gesellschaftliche Pseudo-Normen und Zwänge stehen. Während Sybille wochentags die eher zu großen Jeans des älteren Bruders trägt, 40 ist und ihre Selbstfindung noch längst nicht abgeschlossen hat, zwängt sie sich am Wochenende in die strassbesetzten Hosen ihrer kleinen Schwester, auf 36 geschminkt. Die Pubertät scheint bei ihr mit zehn Jahren angefangen zu haben und bis zu den Wechseljahren nicht aufzuhören.
Torsten dagegen hat sich kurz vor der von seiner Mutter angedrohten Zwangsräumung schnell noch für ein Jura-Studium entschieden – nicht sein eigentlicher Wunsch, aber Sicherheit bietend. Ein unpolitischer Mensch, er wird wie schon im Kindergarten sein Leben lang am liebsten das Stroh im Krippenspiel darstellen.
Yvonne dagegen versammelt sämtliche Ratgeber, die ewige Jugend verheißen, im Bücherregal. Alter ist für sie eine Peinlichkeit, der man unbedingt entgehen muss – koste es, was es wolle.
Bevölkern solche Radikalegozentriker tatsächlich zunehmend unsere Welt? fragt Juli Zeh am Ende ihrer Rede besorgt.

In seinen Abschiedsbetrachtungen kommt Reinhard Jirgl zunächst auf den Beginn seines Stadtschreiber-Lebens in Bergen zurück. Ein Umtopfen war das, ja, er habe hier lesen und schreiben können, ist die heutige Antwort auf die immer wieder gestellte Frage. Promenierend und spazierend hat er sich die Gegend und die Menschen erkundet, die neuen Landschaften mit Vorstellungen besiedelt, war anwesend, um wahr zu nehmen. Einer seiner berühmten Vor-Gänger war Immanuel Kant, nach dessen Spaziergängen man in Königsberg die Uhr stellen konnte.

F. C. Delius brachte den Zuhörern ein Geschenk mit, nicht ohne vorher zu betonen, dass er sich mit der Entscheidung für ihn durch die 34 Namen zählende Reihe der bisherigen Stadtschreiber geadelt fühle. Besonders nahe ist ihm der erste Stadtschreiber, Wolfgang Koeppen. Das Geschenk, eine Goethe-Zitat, wurde an diesem Abend noch oft wiederholt: „Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.“ 1786 geschrieben, ist dieser Satz heute vielleicht wahrer als seinerzeit. Ist es nicht so, dass Literatur in den Hintergrund gedrängt wird? Seichte Unterhaltung die Radio- und Fernsehsendungen bestimmt? F. C. Delius warnt: Die Verachtung von Kultur führt schnell der Barbarei entgegen. Es gelte nicht, die Leute dort abzuholen, wo sie sind – wie fälschlich postuliert wird. Vielmehr ist es wichtig, sie zu fordern und zu fördern. Auf die wirtschaftliche Entwicklung blickend, scheint es so, dass der Märchenglaube mit der Höhe der Bank-Etagen zunimmt. „Hätten die Verantwortlichen nur vier Bücher der 34 Stadtschreiber mit Vernunft gelesen, so hätten Verluste vermieden werden können“, erklärte der Autor und beklagte, dass sich primitives Kosten-Nutzen-Denken überall breit macht, alles quantifiziert und die Qualität der Arbeit in den Hintergrund drängt.
Er wünsche sich, dass es auch in weiteren 35 Jahren in Bergen noch ein Stadtschreiberfest gebe. Vielleicht ist dann Literatur noch lebenswichtiger als heute.

Die Rede von F. C. Delius wurde mit viel Beifall bedacht. Beide Stadtschreiber gaben den Besuchern zum Abschluss des Abends die Möglichkeit, Bücher signieren zu lassen. Die Berger Bücherstube sorgte in bewährter Weise dafür, dass genügend Exemplare vorhanden waren.

JF

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