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„Buch Wien 08“ – ein Rundgang

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Ob das Raunzen wirklich eine typisch österreichische Eigenschaft ist? Im Vorfeld der am Sonntag zu Ende gegangenen Wiener Buchmesse „Buch Wien 08“ [mehr…] schien jedenfalls wieder einmal alles ganz schrecklich zu sein…

60 Jahre lang hatte der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels jeden November im Wiener Rathaus eine Buchwoche veranstaltet. Nun wurde die in Ehren ergraute Veranstaltung

Gemeinschaftsstand I

gründlich umgekrempelt und mit dem neuen Partner Reed Exhibitions neu aufgestellt – und schon wurde geunkt. Warum sollten die Wiener, die an eine Veranstaltung bei freiem Eintritt gewöhnt waren, jetzt Eintritt bezahlen? Würden sie, anstatt vom Weihnachtsmarkt beim Rathaus einfach ein paar Stiegen hochzusteigen, überhaupt mit der U-Bahn zum Messezentrum am Prater fahren wollen? Und vor allem: Brauchte es nach Frankfurt und Leipzig wirklich eine dritte deutschsprachige Buchmesse?

Dass die „Buch Wien“ keine Geschäftsmesse im engeren Sinn werden würde, war wohl – mit Ausnahme einer etwas enttäuschten Delegation koreanischer Druckereien – den meisten Teilnehmern schon im Vorfeld klar. Begleitet von einer „Lesefestwoche“ [mehr…] mit 340 Veranstaltungen in ganz Wien, versuchte man die „Buch Wien“ eher als Kombination aus Literaturfestival und Leistungsschau der Verlage zu positionieren.

Gemeinschaftsstand II

Gut besucht
Ein Ost- und Südosteuropa-Schwerpunkt und eine Fachtagung „On Translation“ sorgen für das nötige branchen- und gesellschaftspolitische Unterfutter. Das Publikum jedenfalls

Publikum jeder Alterskalsse

nahm „Buch Wien“ und „Lesefestwoche“ auch am neuen Standort gut an: Insgesamt 31.100 Besucher meldete Reed zum Abschluss, davon sollen 21.600 den Weg aufs Messegelände zu den 500 Verlagen gefunden haben, die von den 271 Ausstellern präsentiert wurden – eine durchaus realistische Angabe, die sich mit der Wahrnehmung der Aussteller deckt.

„Ich bin positiv überrascht“, sagte Bettina Wörgötter von Zsolnay/Deuticke schon am Freitag. „Die Messe ist sehr gut besucht. Und das Publikum hat sich verändert: Es sind viel mehr jüngere Leute da und auch solche, die nicht ins Rathaus gekommen wären. Auch mehr Presse ist zu sehen.“ Annette Knoch, Leiterin des Droschl Verlags, fand auch die Ausrichtung gelungen: „Es ist schön, dass der Schwerpunkt auf dem Lesen liegt. Ich habe nicht das Bedürfnis, dass sich die Messe zu einer Fachmesse weiterentwickelt.“ Eine „Abstimmung mit den Füßen“ nannteErwin Riedesser vom Buchhändlerverband das Ergebnis, die eindeutig für die neue Messe ausgefallen sei. Und die Besucher ließen sich nicht lumpen und bescherten der Messebuchhandlung etwa ein Drittel mehr Umsatz als bei der Buchwoche im Rathaus.

Trotzdem kostete die Teilnahme an der Ausstellung natürlich auch Geld. Dass die Standpreise auf der „Buch Wien“ durchaus auf internationalem Niveau lagen, wurde von manchen Verlagen kritisiert. Reinhold Joppich, Vertriebsleiter von Kiepenheuer & Witsch: „Für viele Verlage ist das zu teuer. Eine Teilnahme ist letztlich eine Kosten- und Personalfrage.“ Dass schließlich einige namhafte deutsche Verlage wie Rowohlt oder Suhrkamp gar nicht oder, wie z.B. dtv, nur mit einigen Regalmetern auf einem Gemeinschaftsstand präsent waren, hatte im Vorfeld für einigen Wirbel in den Medien gesorgt.

Einige Fehlstellen, aber…
Namentlich „Der Standard“ kritisierte, dass die Verlage von Peter Handke, Elfriede Jelinek und Daniel Kehlmann fehlten. War es tatsächlich ein „Spagat zwischen professionell und provinziell“, wie der „Kurier“ meinte, der hier versucht wurde? Man sah jedenfalls einige Kolleginnen und Kollegen, die, obwohl ohne eigenen Stand, sich erst einen Eindruck verschaffen wollten, um über eine Teilnahme nächstes Jahr zu entscheiden.

Bei den Verlagen von Random House, die sich verhältnismäßig groß präsentierten, aber auch am Stand von C. H. Beck war man jedenfalls schon dieses Jahr zufrieden. Frederick Büchler, Random House-Vertreter in Österreich, berichtete von den Eindrücken seiner Chefinnen, Geschäftsführerin Claudia Reitter und Karin Gritzmann, Vertriebschefin für Österreich, nach ihrem Rundgang: „Sie waren sehr angetan. Ein sehr guter Start. Potenzial ist vorhanden, jetzt muss man der Messe Zeit geben, sich zu entwickeln. Der Vergleich mit Frankfurt oder Leipzig ist nicht ganz fair. Auch Leipzig hat einmal klein angefangen.“ Beck-Vertreterin Christina Knorr fand „deutlich mehr“ Publikum, als sie erwartet hätte.

„Wir werden die messe weiterempfehlen“
Und auch für einige kleine Verlage, die zu Gemeinschaftsständen zusammengelegt hatten, war es ein lohnender Versuch. Sebastian Oehler, bei Reprodukt für den Vertrieb verantwortlich: „Comics haben es in Österreich noch einmal deutlich schwerer als in Deutschland. Aber ich hatte schon ein paar interessante Begegnungen mit Buchhändlern und Bibliothekaren.“ Auch für Viola Eckelt und Axel von Ernst vom Lilienfeld-Verlag war die Messe ein Einstieg und eine gute Gelegenheit, die Kontakte zu den österreichischen Independent-Verlagen zu vertiefen. „Nach Frankfurt gleich nach Wien zu kommen macht den Terminkalender schon sehr dicht“, sagte Eckelt. Trotzdem wollen sie Wien empfehlen, auch weil das Lesefest „sehr gut gelaufen“ sei. Ein bisschen überrascht waren sie hingegen vom Auftritt einiger Kollegen: „Wir sind hier größer als Fischer oder KiWi.“

Nun werden die Ergebnisse evaluiert und die Verbesserungsvorschläge fürs nächste Jahr zusammen gesammelt: Bücher thematisch zu gruppieren oder Verkauf am Stand möglich zu machen, wurde zum Beispiel immer wieder vorgeschlagen. Die österreichische Buchbranche jedenfalls, sonst durchaus (selbst-) kritisch, war in den vergangenen vier Tagen kaum wiederzuerkennen. Hauptverbands-Präsident Alexander Potyka: „Ich habe in vier Tagen bei den Kollegen nur glückliche Gesichter gesehen. Das habe ich in meiner bisherigen Berufslaufbahn noch nicht erlebt.“

pk

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