
Demski, Hubert Spiegel, Andreas Maier,
Felix Semmelroth (vl.)
Das Thema Suhrkamp scheint viele umzutreiben: Die Stühle im Saal des Literaturhauses reichten nicht aus, um allen Zuhörern einen Sitzplatz zur Podiumsdiskussion über „Frankfurt ohne Suhrkamp“ zu bieten.
“Pleiten, Pech und Pannen“, leitete der Moderator der Diskussion am heutigen Abend, Martin Lüdke, das Gespräch ein, „wäre als Überschrift für diese Veranstaltung wohl besser gewesen“. Damit bezieht er sich auf die Umstände des geplanten Umzugs des Verlags vom Main an die Spree [mehr…]. Ganz besonders betreffe das die verlagsinterne Kommunikation.
Dennoch: Vieles ist überhaupt noch ungeklärt, ein letztes Wort noch nicht gesprochen. Demnach sei eine längere Zeit der Ungewissheit zu befürchten. Im Mittelpunkt dieser Podiumsdiskussion, an der neben dem Moderator Arno Widmann, Wilhelm Genazino, Eva Demski, Hubert Spiegel, Andreas Maier und Felix Semmelroth teilnahmen, sollte die Bedeutung des Verlagshauses skizzieren.
Vorab schilderte Wolfgang Schneider, Betriebsratsvorsitzender bei Suhrkamp, die Situation für die 160 Mitarbeiter, die erst seit einer Woche vom geplanten Umzug wissen. 84 Prozent der Beschäftigten sind gegen diesen Umzug, viele der Kolleginnen und Kollegen waren anwesend. „Wir haben existentielle Probleme mit dieser Entscheidung, die von Verlagsseite nicht beachtet wurden“, unterstrich Schneider. Er stellte die Frage: Heißt unsere Zukunft Änderungskündigung oder Kündigung? Und er konstatierte weiter: “Wir sind betroffen, wir sind wütend, wir wollen in Frankfurt bleiben!“
Aus seiner Sicht schilderte Arno Widmann die Umzugspläne ganz anders. Er habe davon als einem definitiven Beschluss gehört und Geschäftsführer Thomas Sparr zu diesem Schritt gratuliert. Suhrkamp spiele in Frankfurt keine Rolle, Frankfurt verliere nichts, wenn Suhrkamp geht.
Hubert Spiegel befürchtet aufgrund bevorstehender juristischer Auseinandersetzungen im Zuge der Neuorientierung in Richtung Berlin ein schlimmes Klima in den nächsten möglicherweise drei Jahren, denn von heute auf morgen sei der Weggang nicht bewältigt.
Andreas Maier, der 1999 erstmals den Suhrkamp Verlag betrat, beobachtete in den letzten fünf Jahren radikale Schnittketten in „seinem“ Verlag, fühlte sich doch dort immer wohl.
Gegen ein Pro und Contra zum Umzug wandte sich Eva Demski, denn so einfach sei die Frage nicht zu beantworten. Nicht die Beziehung zwischen Stadt und Verlag muss beleuchtet werden, sondern nach den Gründen für die Entscheidung, nach Berlin zu gehen, sollte geforscht werden. Zudem seien die Beziehungen zwischen Stadt und Verlag wohl beiderseits nicht gefördert worden.
Wilhelm Genazino stellte ebenfalls fest, dass nach Ursachen gefragt werden muss. Sollten es wirtschaftliche sein, muss man dem Unternehmen Veränderungen zubilligen. „Wie hoch ist denn der ökonomische Druck? Wir wissen es nicht. Aber das Nicolaihaus in Berlin ist etwa halb so groß wie das Domizil in der Lindenstraße in Frankfurt.“ Absehbar sei damit, dass sich der Verlag verkleinern wolle. Kein unbotmäßiges Vorhaben.
Martin Lüdke stellte fest, dass auch am um 30 Prozent geschmolzenen Verlagsprogramm
Entwicklungen ablesbar seien.
Die Bedeutung des Suhrkamp Verlags für Frankfurt hängt eng mit der intellektuellen Entwicklung der Stadt zusammen, unterstrich Felix Semmelroth. Martin Lüdke stimmte zu und erwähnte die Frankfurter Schule, die zu wesentlichen Teilen bei Suhrkamp veröffentlicht wurde. Doch was ist davon heute geblieben?
Arno Widmann wandte sich gegen eine „Zwangsehe“ von Frankfurt und Suhrkamp. Der Verlag spielte als Initiator großer Kulturveranstaltungen in der Stadt allerdings in den letzten zwei Jahren keine Rolle. „Dass mit dem Umzug etwas zu Ende sei, trügt – vielleicht ist das schon lange zu Ende“, fügte er hinzu.
Hubert Spiegel warnte davor, den Verlag an Vergangenem zu messen. Die sogenannte „Suhrkamp-Kultur“ sei vorbei. Heute jedoch hat Suhrkamp ein gekürztes, aber gutes Programm. Sollten wirtschaftliche Zwänge zur Umzugsidee geführt haben, hätte man mit der Stadt sprechen müssen, vielleicht wäre eine Möglichkeit gefunden worden. Denkbar sei aber auch, dass sich Suhrkamp von Klischees lösen möchte, etwas Neues beginnen will. Wie das die Verlagsleitung in Angriff nimmt, stehe auf einem ganz anderen Blatt.
Eva Demski vermutete, dass die Verbitterung über den Suhrkamp-Weggang vielleicht auch mit der Trauer über den Verlust der eigenen Jugend zu tun habe. „Die Suhrkamp-Kultur war doch damals zum Teil eine Kette von Explosionen, der Verlag eine Mischung aus Kathedrale und Irrenhaus“, warf sie ein. Berlin könne auch eine Chance sein.
Auf die Rolle des Verlegers Siegfried Unseld kam Wilhelm Genazino zu sprechen. Der charismatische Verlagschef nahm seine Autoren an der Hand, trieb sie vorwärts, ging mit ihnen zu Lesungen, organisierte, machte sie bekannt. Heute fehle das.
Hubert Spiegel sah den Umzug als revolutionären Akt, der alles Bestehende – ausgenommen die Machtverhältnisse – umstürzen will.
Auf die Frage nach der Rolle der Stadt antwortete Felix Semmelroth, dass von Frankfurt aus immer wieder Versuche unternommen wurden, um mit dem Verlag ins Gespräch zu kommen. Diese Versuche waren allerdings erfolglos.
Ist Suhrkamp ein Verlag wie alle anderen? Muss Literatur subventioniert werden? Die Diskussionsteilnehmer sprachen sich einhellig gegen eine Subventionierung aus. „Wir haben gegenwärtig eine Art ‚bleierne Zeit’ – in der Kultur lahmt es. Doch Subventionen sind nicht die Lösung“, äußerte Wilhelm Genazino.
Nach der angeregten fast zweistündigen Diskussion verspürte das Auditorium keine große Lust mehr, dem Thema an diesem Abend noch weiter nachzugehen. Nur KD Wolff wies auf wirtschaftliche Hintergründe und Zusammenhänge hin und machte auf die Beziehungen zwischen Suhrkamp und der Familie Reinhard aufmerksam.
JF







