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Steffen Kopetzky über gesellschaftliches Engagement und seine Reise mit Frank-Walter Steinmeier nach Pakistan und in die Golfstaaten

Steffen Kopetzky
Foto: Oliver Mark

Nach einem Jahrzehnt in Neukölln kehrte Steffen Kopetzky, Jahrgang 1971, Berlin vor vier Jahren den Rücken und zog mit seiner Familie zurück in seine oberbayrische Heimat.

Der Schriftsteller, 2002 einem größeren Publikum durch seinen abenteuerlichen Schlafwagenroman Grand Tour bekannt geworden, wurde dort auch sofort gebraucht und belebt seitdem sichtbar das kulturelle Leben Pfaffenhofens. Nicht nur sitzt er seit Mai 2008 im Stadtrat und arbeitet als ehrenamtlicher Kulturreferent. Er gründete zusammen mit seinem Jugendfreund, dem zur Leipziger Schule gehörenden Maler Christoph Ruckhäberle, den Neuen Pfaffenhofener Kunstverein. Im letzten Herbst erschien Der letzte Dieb, Kopetzkys vierter Roman, bei Luchterhand. Im Oktober 2008 war der vielreisende Autor Teil einer handverlesenen Kultur- und Wirtschaftsdelegation, die den Außenminister nach Pakistan und in die Golfstaaten begleitete.

GERHARD BECKMANN: Der deutsche Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat, Frank-Walter Steinmeier, hat ein ungewöhnlich sympathisches, Brücken schlagendes Buch geschrieben: {Mein Deutschland. Wofür ich stehe. Von ähnlichen Publikationen anderer führender aktiver Politiker in Wahljahren unterscheidet es sich insbesondere durch eines. Es nimmt die Kultur ernst. Ihr hat er in diesem Buch ein eigenes langes Kapitel gewidmet.}

STEFFEN KOPETZKY: Steinmeier hat seinen Luhmann gelesen, und weiß, dass auch die Politik – wiewohl mit einem unablässigen Strom von Informationen versorgt – immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnimmt. Daher die hohe Aufmerksamkeit, die er dem „Eigensinn des Kulturellen“ schenkt.

GERHARD BECKMANN: Es ist wirklich wünschenswert, und wäre dringend notwendig, dass die Politik eine breitere Realität wahrnimmt. Der britische Publizist Peter Oborne hat es in seinem Werk {The Triumph of the Political Class eben wieder einmal kritisch dokumentiert: In den „gereiften“ Demokratien der westlichen Welt, also auch in Deutschland, wird das öffentliche Wohl mittlerweile zu stark von Berufspolitikern definiert und gesteuert – von Personen, die etwa nach dem Studium von Jura oder Politologie nur noch im politischen Umfeld Karriere machen: in Partei- Institutionen, Think-Tanks, Bürokratien, Lobby-Organisationen etc. Ihnen fehlt allzu oft eine persönliche Erfahrung und Verankerung in den Wirklichkeiten und Gesellschaft und Wirtschaft, so verlieren sie zudem auch den Blick für das, was politisch in der Praxis not tut…}

STEFFEN KOPETZKY: Davon spricht Steinmeier zwar so in seinem Buch nicht, aber auf das Problem an sich kommt er zu sprechen, wenn er die heute übliche Art und Weise der politischen Institutionalisierung von Problemlösungen angeht. Nehmen wir beispielsweise, um im Rahmen des Kulturellen zu bleiben, die verheerenden binnenpolitischen Querelen, wie sie gerade in unserem Land auf dem Gebiet der Bildungspolitik herrschen. Ein erheblicher Anteil jedes Jahrgangs verlässt unsere Schulen ohne Abschluss – doch anstatt sich auf konkrete Ziele zu verständigen, die dann für alle Länder – unabhängig von ihrer jeweiligen Regierung – verbindlich wären, wird die Szene von Ankündigungen, Kommissionen und Kompetenzstreitigkeiten dominiert. In der Bildung sieht Steinmeier die Bundespolitik in der Pflicht, Ziele zu definieren, über deren Erreichen dann jedes Land für sich selbst entscheiden könnte: „Freiheit in der Wahl der Wege, aber Einheit und Entschlossenheit bei der Erreichung des Ziels.“

GERHARD BECKMANN: Frank-Walter Steinmeier sieht die Aufgabe der Bundespolitik also auch darin, in besonderer Weise zum „Schrittmacher“ von positiven Veränderungen in Deutschland zu werden…

STEFFEN KOPETZKY: Genau. Eine gute Bundesregierung müsste nach seiner Auffassung „klarere Vorgaben machen, schneller die Weichen stellen, wirksamere Programme aufstellen und energischer Anstöße geben“.

GERHARD BECKMANN: Schön und gut, doch reicht das?

STEFFEN KOPETZKY: Das ist sehr wichtig. Und natürlich nicht genug. Am Ende, so sagt er selbst, „wird das alles aber nur erfolgreich sein, wenn sich Bund, Länder und Kommunen, Unternehmen und Gewerkschaften, die Kirchen und die vielen Vereine gemeinsam auf den Weg machen. Wenn ‚Allianzen der Erneuerung’ entstehen. Wir brauchen viele Menschen, die jetzt den Schritt machen vom Wünschen zum Wollen, die aus der Krise gemeinsame Lehren ziehen. Ich möchte, dass wir wieder eine ambitionierte Gesellschaft werden.“

GERHARD BECKMANN: Bedarf es dazu in der momentanen großen Krise aber nicht auch einer neuen Art von Politik? Sagt dieser SPD-Kanzlerkandidat dazu etwas?

STEFFEN KOPETZKY: Die Politik, sagt er, darf auf die gegenwärtigen Turbulenzen nicht nur reagieren, sie muss jetzt führen und orientieren. Das geht natürlich nur, wenn man auch in der Krise die Chancen in der Zukunft sieht: nur dann kann Politik den Atem entwickeln, das Land auch durch schwierige Zeiten zu führen.

GERHARD BECKMANN: Die heutige Krise ist sicherlich keinesfalls mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar. Wir sollten uns heute dennoch erinnern: Konrad Adenauer hatte als erster Bundeskanzler auch deshalb einen so großen zukunftsträchtigen Erfolg, weil er davon ausging, dass Deutschland nur zu einer stabilen Demokratie werden konnte, wenn er – mit Ludwig Erhard – ein möglichst alle Bürger tragendes stabiles wirtschaftliches Fundament legen würde. Fehlt solch ein Bewusstsein vielleicht bei Frank-Walter Steinmeier?

STEFFEN KOPETZKY: Nein, tut es nicht. Um ihn selbst zu zitieren: „Politik in der Zeitenwende, das heißt, die Fundamente neu legen, solide Maurerarbeit zu leisten und ein neues, sturmfestes Dach zu zimmern. Das Haus, das wir im nächsten Jahrzehnt bewohnen wollen, wird nur dann ein menschliches Zuhause sein, wenn wir die Wirtschaft erneuern.“ Als Außenminister weiß er überdies ganz genau, dass es natürlich vor allem unsere Wirtschaftskraft ist, der die deutsche Politik ihren Einfluss in der Welt verdankt. Als wir uns kennen lernten, konnte er mir aus dem Stegreif sagen, wie die Region, in der ich lebe, wirtschaftlich aufgestellt ist.

GERHARD BECKMANN: Wirklich?

STEFFEN KOPETZKY: Ja, wirklich. Er steht selbstverständlich zu einer wettbewerbsfähigen deutschen sozialen Marktwirtschaft. Das widerspricht ja auch nicht seiner Überzeugung, dass unserer Gesellschaft sehr bald der Atem ausginge bei einer Wirtschaft wie in angelsächsischen Ländern, die nur noch im Rhythmus der Börsenkurse funktionierte. Und es steht auch nicht im Widerspruch zu seiner Auffassung, dass das gesellschaftliche und politische Denken und Reden allzu lange unter dem Diktat eines falschen Verständnisses von Globalisierung stand. Die Welt als ein einziger regelfreier Marktplatz, in dem Konzerne und Banken darum streiten, wer die höchste Rendite erzielt und die Arbeitsbedingungen, soziale Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit keine Rolle spielen dürfen, lehnt er ab. Denn solche Art des neoliberalen Denkens und auch politischen Handelns gefährdet, wie wir seit vergangenem Jahr erleben mussten, ein möglichst alle Bürger tragendes wirtschaftliches Fundament. Mit der Folge, dass am Ende jede einzelne gesellschaftliche Gruppe vor allem auf eigene Vorteile bedacht ist. Eine Gesellschaft, die in geradezu exzessiver Weise auf das Ökonomische hin ausgerichtet ist, droht auseinander zu fallen.

Als ehrenamtlich Tätiger weiß man das übrigens – würden wir alle nur strikt ökonomisch und zu unserem eigenen Vorteil handeln, wäre unser Land sofort am Ende. Gegen eine strikte Ökonomisierung bezieht Frank-Walter Steinmeier deshalb Stellung. Auch darum sein Engagement für die Kultur.

GERHARD BECKMANN: Wie soll da die Kultur ins Spiel kommen?

STEFFEN KOPETZKY: Steinmeier sieht in der „Sprachlosigkeit zwischen den Wirtschaftseliten und großen Teilen der Gesellschaft“ ein wesentliches Hindernis für die Modernisierung unseres Landes. Die augenblickliche Krise zementiert diese Sprachlosigkeit noch – dabei böte sie die Chance, wie er sagt, die Maßstäbe des Wirtschaftens neu zu justieren und Ideen für eine Ökonomie der Zukunft zu formulieren, deren Basis Bildung und Forschung auf breitester gesellschaftlicher Basis, dynamische Ökologie und soziale Fairness sein könnten – all diese Werte kann die Wirtschaft aus sich heraus aber nicht entwickeln: sie ist dabei auf die kulturelle Leistungsfähigkeit der Gesellschaft angewiesen, letztlich davon, ob diese wieder einen Traum von sich selbst entwickeln kann.

GERHARD BECKMANN: So etwas kann aber doch die Politik nicht vorgeben!

STEFFEN KOPETZKY: Richtig, denn wenn sie es könnte, wäre sie Magie. Dass sie stattdessen, wie die Wirtschaft, vielmehr auf das Vorhandensein gemeinsamer Ideale und Werte angewiesen ist, und diese eben nicht vorgeben kann, sagt Steinmeier immer wieder. An einer Stelle in seinem Buch weist er allerdings darauf hin, dass Politik in ihrem eigenen Handeln zeigen muss, dass sie sich selbst an die Werte hält, die sie proklamiert.

Dass Steinmeier als Vizekanzler bislang darauf verzichtet hat, die Bundeskanzlerin massiv anzugreifen, wurde ihm mancherorts als Schwäche ausgelegt: Ich finde, das Gegenteil ist richtig, es zeigt, dass ihm der Arbeitsprozess und kollegiale Loyalität auch wichtig sind. Er zeigt eben nicht den typischen Politiker-Reflex, den Gegner wo immer es geht, niederzumachen. Der bessere Weg muss sich über das freie Handeln beweisen, denn er sieht in der Freiheit das höchste demokratische Gut, und die persönliche Herausforderung an jeden einzelnen, sich von Partikularinteressen zu befreien. Deswegen gibt es für ihn auch keine Alternative zur öffentlichen Förderung von Kultur – um ihrer Freiheit willen.

GERHARD BECKMANN: Das ist bislang allerdings sehr allgemein. Sind das nicht nur fromme Wünsche und schöne Worte? Gibt es konkrete Belege dafür, dass Steinmeier in diesem Sinne auch politisch handelt?

STEFFEN KOPETZKY: Gewiss. Das hat er bereits im Rahmen seiner Möglichkeiten als Bundesaußenminister gezeigt. Bei seinem Amtsantritt stand er etwa vor der Entscheidung das überschuldete Goethe-Institut durch Schließung von ca. 30 Standorten zu sanieren, aber er entschied anders. Er setzte vielmehr die Verschlankung der Zentrale in München durch, so dass kein einziges Institut irgendwo in der Welt aufgegeben werden musste, im Gegenteil, unter Steinmeier wurden bislang 10 neue Goethe-Standorte eröffnet.

GERHARD BECKMANN: Das ist sicherlich wichtig. Gäbe es aber vielleicht noch deutlichere Hinweise für sein persönliches Engagement?

STEFFEN KOPETZKY: Denken Sie an die Ernst-Reuter-Initiative nach dem sogenannten Karikaturenstreit. Steinmeier und sein damaliger türkischer Kollege Abdullah Gül verständigten sich schnell auf ganz konkrete Maßnahmen, um das gegenseitige kulturelle Verständnis zu verbessern – übrigens ganz im Sinne der lange Zeit stiefmütterlich behandelten Tradition besonders guter deutsch-türkischer Beziehungen. Aus der ehemaligen Bosporus-Residenz des deutschen Botschafters wird nun eine Künstlerakademie. Und in diesem Sommer wird in Istanbul der Grundstein für die deutsche Universität gelegt. Das dürfte den neuen türkischen Außenminister Davutoglu besonders freuen – ging der doch auf das deutsche Gymnasium in Istanbul.

GERHARD BECKMANN: Das Buch „Mein Deutschland. Wofür ich stehe“ ist relativ kurz und kompakt. So verständlich und begrüßenswert das ist, wäre es mir gerade für das Kapitel Kultur lieb gewesen, etwas mehr, etwas Anschaulicheres zu Steinmeiers persönlichem Verhältnis beispielsweise zur Literatur zu erfahren – darüber hinaus, dass die Literatur für ihn eine zentrale Rolle einnimmt. Nun haben Sie ihn im vergangenen Herbst auf seiner Reise nach Pakistan und in die Golfstaaten begleitet, beobachten können und näher kennen gelernt. Ist Ihnen dabei aufgefallen, wie er sich konkret zur Literatur verhält?

STEFFEN KOPETZY: Bei einem Treffen mit dem Gouverneur der Provinz Riad, von seiner Funktion etwa einem Ministerpräsidenten bei uns vergleichbar, überraschte Steinmeier so ziemlich alle, als er – nachdem zunächst über den Palästina-Konflikt und die schwierige Situation im Verhältnis zum Iran gesprochen worden war – den Hinweis des Gouverneurs auf die lange Tradition deutscher Orientalisten aufnahm, um von seiner aktuellen Reiselektüre zu erzählen: „Der Orientalist“ von Tom Reiss. Dass Steinmeier das Buch ziemliche Freude bereitet haben muss, merkte man an der vergnügten Ausführlichkeit, mit der er von dem abenteuerlichen Leben dieses Juden aus Baku erzählte, der nach Zwischenaufenthalt in Istanbul eine Zeit in Berlins Boheme der zwanziger Jahre verbrachte. Der Gouverneur, der übrigens als möglicher Kandidat für den saudischen Thron gehandelt wird, lauschte fasziniert und mit einem Mal saßen da nicht mehr nur zwei hochrangige Politiker im protokollarischen Gespräch, sondern zwei Büchermenschen. Da war ich schon stolz auf unseren Außenminister.

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