
Bereits am Donnerstag, 2. Juli, fand im Literaturhaus Frankfurt ein Round Table des Börsenvereins zum Wirtschaftsjahr 2008 statt (Freigabe der Zahlen: 5.7.2009, 11 Uhr).
Die erstmals in dieser Form als Gespräch durchgeführte Veranstaltung fand die Zustimmung der anwesenden Journalisten.
Der Vorsteher des Börsenvereins, Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, bemerkte in seiner Begrüßung, dass die Politik die Buchbranche neuerdings zur Kreativwirtschaft zähle. Allerdings habe die Buchbranche mit einem Umsatz von 9,614 Milliarden Euro nur einen geringen Anteil – vergleichsweise nannte er die Zahl von 20 Milliarden Euro; so hoch war das erste Hilfspaket der Bundesregierung und der Finanzindustrie für die kurz vor dem Kollaps stehende Hypo Real Estate Gruppe.
Rückblickend auf die Buchbranche in den letzten 60 Jahren stellte Gottfried Honnefelder fest, dass es von 1949 bis zum Jahr 2001 ständig aufwärts ging. Der dann einsetzende Abwärtstrend konnte 2005 gestoppt werden, so dass 2008 das bisher beste Ergebnis erreicht wurde.
Auch wenn der Umsatz im Vergleich zu 2007 lediglich um 0,4 Prozent gestiegen ist, sollte man das Umfeld nicht vergessen. „Relativ dazu geht es uns gut“, bilanzierte der Vorsteher.
Der Buchhandel stehe quer zur Entwicklung der Gesamtwirtschaft. „Kann es nicht sein, dass die Endkunden, die an Ausgaben für Kino und Theater sparen, dann zum Buch greifen?“, stellte Gottfried Honnefelder als These in den Raum. Er selbst, seit 1976 im Verlagsgeschäft, konstatiert: „In solchen Zeiten wachsen die Buchverkäufe in ausgewählten Segmenten.“
Fazit: „Die Wirtschaftskrise ist noch nicht bei uns angekommen. Vielleicht trifft sie noch bestimmte Bereiche, das lässt sie schwer voraussagen.“
Jürgen Horbach, Schatzmeister und Mitglied im Vorstand des Börsenvereins, erläuterte die wichtigsten Zahlen anhand von zehn Folien: Der geschätzter Umsatz (s.o.) ist leicht gestiegen, beim Anteil an den zentralen Vertriebswegen hat der Sortimentsbuchhandel mit 52,6 Prozent ein Prozent eingebüßt, die Verlage (direkt) verzeichnen eine geringe Steigerung von 0,2 Prozent auf 18,2 Prozent, der Versandbuchhandel insgesamt (inkl. Internet) kommt auf 14,0 Prozent (2007: 12,6 Prozent), wobei das Internet den größten Zuwachs verbuchen kann. Der Umsatzanteil der Warenhäuser und der Buchgemeinschaften ist zurückgegangen.
Im Jahr 2008 wurden 147 Millionen Bücher und Printerzeugnisse mehr gedruckt (insgesamt sind es 1,031 Milliarden) als vom Vorjahr, die Zahl der Neuerscheinungen beläuft sich auf 94.276 und ist damit um 3,3 Prozent gesunken, die Zahl der Übersetzungen ist um 19,2 Prozent auf 7.340 gestiegen, die Zahl der Lizenzverträge um 17,6 Prozent auf 7.605 gesunken. Bei den Übersetzungen steht englischer Originaltext (66,9 Prozent Anteil) unangefochten an erster Stelle, Französisch (11,5 Prozent), Italienisch (2,9 Prozent), Spanisch (2,6 Prozent) und Niederländisch (2,3 Prozent) folgen.
Während zwischen 2000 bis 2007 vor allem im osteuropäischen Bereich großes Interesse an Lizenzen aus dem Deutschen spürbar war, ist das deutlich zurückgegangen. Lizenzen wurden vor allem nach Polen, in russischsprachige Länder, nach Tschechien, China und in englischsprachige Länder vergeben.
Eine gesunde Entwicklung sieht man in der sinkenden Neu-Titelzahl gegenüber einer wachsenden Anzahl von Büchern. Die Umsatzanteile der einzelnen Warengruppen zeigen im Vergleich zum Vorjahr nur minimale Schwankungen; Belletristik hat mit 32,3 Prozent (2007: 30,4 Prozent) nach wie vor den Löwenanteil.
Zu den einzelnen Warengruppen kommentierte Jürgen Horbach, dass im Reisebereich ein starker Preisverfall zu beobachten sei. Im Bereich Schule und Lernen lässt sich ablesen, dass sinkenden Schülerzahlen Mehraufwendungen der Eltern für ihre Kinder gegenüber stehen.
In Bezug auf die fortschreitende Digitalisierung differenzierte der Schatzmeister des Börsenvereins zwischen Fach- und Publikumsverlagen. Eindeutig treffe der Wandel die Fachverlage stärker.
Wenn man den Sortimentsbuchhandel betrachtet, ist ein Ende des Flächenwachstums der großen Filialisten zu erkennen, eine Marktbereinigung zeigt sich an.
Das mittlere und kleine Sortiment wird zunehmend zur Stütze für die Publikumsverlage, die Filialisten kaufen eher zögerlich ein.
Sieht man sich die Preisentwicklung an, ist der Durchschnittspreis pro Buch von 13 auf 12,90 Euro gesunken, höhere Preise sind also nicht durchsetzbar.
Quintessenz des Zahlenwerkes, das detailliert auf 130 Seiten nachlesbar ist: Buchhändler und Verleger können mit einiger Zuversicht in die Zukunft schauen.
Im anschließenden Gespräch nannte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, erste Zahlen für das laufende Jahr. So konnte in den ersten fünf Monaten ein Umsatzplus von 1,4 Prozent erreicht werden, der Mai ragt mit 2,7 Prozent Plus untypisch heraus. Wie die Zahlen bei steigender Arbeitslosigkeit aussehen werden, ist jedoch nicht absehbar.
Zum Leseverhalten (die Hälfte der Bevölkerung liest) erklärte Jürgen Horbach, dass bei einer zunehmenden Zahl an Freizeitbeschäftigungen die Leseneigung sinkt und sich das Leseverhalten ändert. Lesen steht in der Beliebtheitsskala der Freizeitbeschäftigungen an siebter Stelle.
E-Books spielen in Deutschland noch keine Rolle.
In puncto Digitalisierung registriert man besorgt eine zunehmende organisierte Kriminalität im Internet, die vor allem große Probleme für kleine und mittlere Wissenschaftsverlage bringt. „Wir brauchen im Netz ein Minimum an rechtlicher Sicherheit“, forderte Alexander Skipis. „Wir wollen die User nicht bestrafen, sondern diejenigen, die in großem Stil Rechte verletzten. Eine Warnmail an die User bei illegalen Downloads wäre sinnvoll, doch die Provider machen da nicht mit.“ So bleibt nur Aufklärung und die Ausweitung legaler Angebote.
Der Schutz des Urheberrechts im Internet wird alle noch lange beschäftigen.
JF