
Seit bald zwanzig Jahren verlegt Mirko Schädel vorrangig englische und amerikanische Literatur in seiner Achilla Presse. Interessante Titel in liebevoller Gestaltung, die auch im Feuilleton wahrgenommen werden. Dennoch hat sich Schädel nun aus finanziellen Gründen entschlossen, nicht mehr über die Barsortimente auszuliefern.
buchmarkt.de: Sie haben gerade Ihre neuesten zwei Titel ausgeliefert, „Die Monikins“ von James Fenimore Cooper und „Kenelm Chillingly“ von Edward Bulwer-Lytton. Bei den Großhändlern sind diese Titel aber nicht zu finden, weil Sie nicht mehr über die Barsortimente ausliefern möchten. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Schädel: Max Bruns, der Verleger des J.C.C. Bruns Verlag in Minden, beklagte schon vor rund 100 Jahren, dass die Halbwertszeit der Bücher immer geringer wird. Damals war ein Buch schon nach Erscheinen in der folgenden Saison veraltet. Veraltet insofern, als das Buch dann für den Handel als schwer verkäuflich eingestuft wurde. Diese Praxis ist ja auch heute noch aktuell, dient aber nur der massenhaften Vermarktung von Büchern. Kleinverlage vermarkten aber Bücher nicht in großen Massen, sondern in kleinen Auflagen. Auch die ISB-Nummern dienen lediglich diesem Zweck. Solche Systematiken sind aber dem Buch nicht angemessen, trotz Verschlagwortung usw. Ich statte künftig Bücher auch nicht mehr mit ISBN aus, ebenso interessiert mich die Datierung des Impressums nicht mehr. Solange ich den Versuch unternommen habe, Bücher durch und mit dem Buchhandel zu vermarkten, ist die Kalkulation der Bücher ein nicht kalkulierbarer Faktor gewesen. Kleine Verlage haben in der Regel keinen vernünftigen Vertrieb, keinen Werbeetat.
Aber im Feuilleton werden Sie ja durchaus wahrgenommen.
Wenn ein Buch gut besprochen wird, dann strömen etliche Kunden in die Buchhandlungen, die die Ware dann über die Großhändler bestellen. Die Grossisten diktieren uns Rabatte von rund 50 Prozent, dazu rechne ich weitere 12 Prozent vom Ladenpreis für die Auslieferung, die noch weitere Kosten wie Lagermiete, Portokosten an den Verlag weitergeben muss. Was da dann übrig bleibt, reicht in der Regel nicht mehr, um die Kosten der Übersetzung, der Lizenzen, der Honorare im allgemeinen, der Druck- und Herstellungskosten zu decken.
Warum keine Erhöhung der Preise?
Die Verteuerung der Bücher, die das zur Folge haben müsste, kann dem Leser auch nicht mehr vermittelt werden.
Insofern ist es notwendig, dass man sich als kleiner Verlag etwas von dem Gedanken des Buchs als Massenware verabschiedet und sich dank der naturgemäßen Flexibilität eines kleinen Verlags darauf konzentriert, wie man die wenigen Bücher mit neuen Methoden vermarktet. Denn bei allem Idealismus der Don Quichotte‘schen Haltung mancher Verleger, muss man dennoch kostendeckend und so autark wie möglich arbeiten können.
Haben Sie den Eindruck, Buchhändler tun zu wenig für die kleinen Verlage?
Nein, das liegt keineswegs an den Buchhändlern, dass die Schwierigkeiten für belletristische Verlage so groß sind. Die Buchhändler sind in einer ähnlichen Lage wie die kleinen Verlage, ökonomisch und ideell. Diese Don Quichotte-Haltung, die in der Interpretation eines Kierkegaard gipfelt in der Figur des »Ritters trotz des Absurden«, beschreibt die idealistische und selbstausbeuterische Haltung von unabhängigen Buchhändlern und Verlegern, aber sie ist in gewisser Weise antiquiert oder anachronistisch. Auch die Projekte der Branchenriesen, „Partner“ im Kleinverlagsmilieu zu gewinnen, ändern mit diesen Konditionen gar nichts für die Kleinverlage.
Rechnen Sie damit, dass Kollegen Ihnen folgen werden?
Ja, ich rechne damit, dass der Buchhandel sich insgesamt weiter verändert und schneller denn je. Die wenigen verbliebenen unabhängigen Buchhandlungen werden dem Kostendruck wohl kaum dauerhaft gewachsen sein. Sie werden mutloser und vorsichtiger Bücher aus unabhängigen Verlagen ans Lager nehmen und lieber auf Bestseller-Ware schielen, weil nur diese größeren Umsatz verspricht, der notwendig ist.
Bei größeren Verlagen kann sich der Buchhandel aber auch auf entsprechendes Marketing verlassen.
Dafür haben Kleinverlage einfach kein Geld. Bücher werden heute mit enormen Etats durch Werbung und Marketing, durch das Fernsehen und glücklicherweise durchs Feuilleton verkauft. Was aber von diesen Literaturvermittlern nicht mehr wahrgenommen werden kann, wird durch das Wahrnehmungsraster fallen und praktisch unverkäuflich.
Die Branche ist in gewisser Hinsicht zwiegespalten und befindet sich in einem permanenten Widerspruch. Einerseits gilt das Buch als Kulturträger, als Vehikel von Ideen, sowohl ästhetischer wie ideeller Art, anderseits behandelt man das Buch wie eine Massenware. Dieser Spagat ist eine merkwürdige Form der Heuchelei und führt dazu, dass man die entscheidenden Einsichten zu spät gewinnt und phlegmatisch darauf hofft, dass es so irgendwie weitergeht.
Wo sehen Sie denn noch Möglichkeiten?
Der Markt ist so, wie er ist. Die Unternehmen, die diesen Markt beherrschen, geben auch die Rahmenbedingungen vor, sie diktieren mehr oder weniger eine ganze Branche. Ich glaube, die einzelnen Buchhändler laborieren da an einem Phänomen herum, das sie überhaupt nicht in der Hand haben, der Buchmarkt wird von anderen Mächten beherrscht. Außerdem geht es letzten Endes den unabhängigen Buchhändlern und Verlegern doch um das ökonomische Überleben.
Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber, wenn es ums Eingemachte geht. Ich sehe die einzige Möglichkeit darin, vollkommen aus diesem System auszubrechen. Aber ob das erfolgreich sein wird, wird sich erst in der Zukunft erweisen.
Buchhändler, die Ihre Bücher im Sortiment führen wollen, bekommen diese also nur noch direkt bei Ihnen?
Ja, mein Vertreter Rudi Deuble wird weiterhin für Achilla reisen. Allerdings liefere ich ohne RR: Wenn Sie heute zum Bäcker gehen und zehn Brötchen kaufen, aber nur vier vertilgen, am nächsten Tag dann sechs Brötchen per Post zurück an den Bäcker schicken mit einer Aufforderung, Ihnen eine Gutschrift zu schicken, dann würde der Bäcker entweder im Irrenhaus oder im Armenhaus enden.
Fürchten Sie nicht, im Buchhandel nicht mehr wahrgenommen zu werden?
Nein, keineswegs, ich hatte niemals den Eindruck vom Buchhandel »nachhaltig« wahrgenommen zu werden. Dies liegt aber sowohl an mir wie an den buchhändlerischen Rahmenbedingungen.
Die Fragen stellte Carolina López







