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Dissens zu BAG und libreka! / Stirbt Beruf Buchhändler aus?

Karl-Peter Winters eröffnet das Parlament

Soeben ist das 5. Branchenparlament, an dem 70 Vertreter der drei Sparten Sortiment, Verleger und Zwischenbuchhandel teilnahmen, in Frankfurt am Main zu Ende gegangen.

Die Diskussion fokussierte sich im wesentlichen auf drei Themen:
BAG im Sinkflug?, Ausbildung in der Sackgasse? und als Dauerbrenner libreka!.

Das Branchenparlament, so formulierte Parlamentsvorsitzender Karl-Peter Winters in seiner Begrüßung, soll Hilfe und Unterstützung für den Strukturwandel geben, könne aber nicht alle Probleme lösen.

libreka! nannte der als Beispiel der Unterstützung, stellte jedoch zugleich fest, dass ein Ausbalancieren der verschiedenen Sparteninteressen schwierig sei. Das Parlament diene der Artikulierung unterschiedlicher Ansichten.

MVB-Geschäftsführer Ronald Schild konstatierte ein heterogenes Meinungsbild zum Themen-Komplex BAG. Die Buchhändler-Abrechnungs-Gesellschaft habe ein schwieriges erstes Halbjahr 2009 hinter sich. Die Umstellung eines veralteten und zum Teil undurchsichtigen Systems sei zwar bewältigt worden und IT-Aufgaben stünden nicht mehr im Vordergrund, dafür aber müssen man sich derzeit um rückläufige Abrechnungsvolumina sorgen.

Dafür gibt es zwei Ursachen:

1. Verlage oder Verlagsgruppen verweigern ihre Teilnahme am Verfahren der BAG,
2. Fakturgemeinschaften und Sammelabrechnungen gehen an der BAG vorbei.
Damit verliert die BAG einen Teil ihrer Geschäftsgrundlage. Noch bestehe zwar kein Grund zu übertriebener Sorge, aber die Entwicklung müsse genau beobachtet werden. Allerdings: Die BAG dürfe nicht künstlich mit Subventionen aufrecht erhalten, vielmehr sie sollte als Wirtschaftsinstrument gestärkt werden.

Dem Parlament lagen die Ergebnisse einer Kundenbefragung zur BAG vor, die unter 3.789 Sortimentern durchgeführt wurde. 986 – das sind 26 Prozent – schickten ausgefüllte Fragebögen zurück. In der Auswertung lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen:

1. Fast drei Viertel der Befragten halten ein längeres Zahlungsziel der BAG, das etwa acht Tage Liquiditätsvorteil verschafft, für wichtig.
2. Die erhebliche Reduzierung von Buchungsvorgängen wird positiv eingeschätzt.
3. Die Überwachung der Fälligkeit der Lieferantenrechnungen durch die BAG ist sinnvoll.
4. Die Sortimente sparen mit nur zwei Zahlungsvorgängen monatlich Bankgebühren und Zeit.
5. Der Skontoabzug bei Bezahlung der Lieferanten wird wertgeschätzt.
6. Wichtig ist ebenfalls die Steuerung der Liquidität, die von der BAG durch Vorschau auf künftige Verbindlichkeiten erleichtert wird.
7. Der elektronische Kontoauszug der BAG ist weniger wichtig.
8. Darlehen werden ebenfalls als weniger wichtig eingestuft.

Wünsche an die BAG sind bessere Übersichtlichkeit und Lesbarkeit der Abrechnung. Und: Mehr Verlage, Lieferanten und Dienstleister sollten über die BAG abrechnen.

Ronald Schild fügte hinzu, dass die BAG äußerst niedrige Ausfallquoten zu verzeichnen habe, ein eindeutiger Vorteil. Das Geschäftsjahr 2009 werde voraussichtlich mit einer „schwarzen Null“ abgeschlossen.

Angesichts solcher Prognosen könnte die BAG im nächsten Jahr mit Gewinn rechnen, muss das aber aufgrund rückläufiger Abrechnungsvolumina in Frage stellen.

Für den Sortimenterausschuss sprach Heinrich Riethmüller, der in der BAG ein wichtiges Rationalisierungsinstrument sieht. Allerdings nehme im Clearing-Geschäft der Wettbewerb zu. Gerade deshalb sollten noch mehr Mitglieder des Börsenvereins die BAG nutzen, dieser Appell richtet sich besonders an die Verlage.

Subventionen seien nicht erwünscht.

Für den Verlegerausschuss nahm Bernd Weidmann Stellung und unterstrich, dass die BAG erhalten werden sollte. Voraussetzung sei natürlich, dass sie rentabel arbeite. „Rote Zahlen dürfen nicht toleriert werden.“ Matthias Heinrich, Ausschuss für den Zwischenbuchhandel, schloss sich dem an.

In der Diskussion forderte Dieter Dausien, Fragen der Akquise für die BAG zu klären, Bernd Weidmann bat um einen Zwei-Jahres-Rahmen für die Forcierung der BAG, Thomas Bez stellte in den Raum, ob das Junktim von Börsenverein und BAG noch zweckmäßig sei. Albrecht Hauff regte an, die Volumina von Börsenvereinsmitgliedern und Nichtmitgliedern zu prüfen, was aber von Roland Schild als äußerst schwierig realisierbar eingestuft wurde.

„Wenn sich die BAG nicht rechnet, wird sie zugemacht, aber dann sind die Mitglieder auch weg“, schlussfolgerte Thomas Bez.

Schatzmeister Jürgen Horbach wies darauf hin, dass die BAG nicht gegen den Markt arbeiten kann. Es stelle sich die Frage: Müssen nicht Überlegungen angestellt werden, ob das derzeitige Geschäftsmodell überhaupt noch tragbar ist?

Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis gab zu bedenken, dass eine Aufhebung des Junktims ökonomische und politische Aspekte habe. Für das nächste Jahr sei eine Akquise sowohl für Börsenverein als auch für BAG geplant. Möglicherweise gebe es einen Weg, die BAG Nichtmitgliedern auf bestimmten Feldern zu öffnen. Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder plädierte dafür, das Thema BAG auf die Agenda des 6. Branchenparlaments zu setzen.

Horbach resümierte, dass sich jeder seinen Abrechnungsweg selbst aussuchen müsse. Gäbe es andere Modelle, sollte man eine Volumenuntergrenze für die BAG ziehen. Klaus-Peter Winters stellte dem entgegen, dass es neben betriebswirtschaftlichen Erfordernissen auch eine politische Komponente gäbe.

Im Beschlussvorschlag unterstrich das Branchenparlament eindrücklich die Bedeutung der BAG, sagte aber klar, dass ihre Existenzberechtigung hänge von den Volumina abhänge, die umgesetzt werden. An alle erging der Appell, mit der BAG zusammenzuarbeiten. Die BAG soll optimiert, eine Akquise unterstützt werden.

Im Anschluss an diese Diskussion zeichnete der Gottfried Honnefelder den Vorsitzenden des Landesverbandes Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Wilfried Bengsch, mit der Goldenen Nadel aus und würdigte seine langjährigen Verdienste für den Buchhandel.

Der zweite Diskussionsschwerpunkt des Tages hieß Ausbildung in der Sackgasse. Wie kann die Zukunft der Buchbranche gesichert werden?. Dazu referierten Karin Schmidt-Friderichs, Vorsitzende des Berufsbildungsausschusses, und Monika Kolb-Klausch, Bildungsdirektorin des Börsenvereins.

Schmidt-Friderichs begann damit, dass sich in den Abschlussjahrgängen zwar viele für Medien, aber kaum jemand für den Buchhandel interessiere. Monika Kolb-Klausch belegte das mit Zahlen: Die Ausbildung zum Buchhändler/in bzw. zur Medienkaufmann/-frau sei in diesem Jahr um alarmierende 30 Prozent zurück gegangen; weniger als 500 Buchhändler und weniger als 700 Medienkaufleute haben ihre Ausbildung begonnen. Monika Kolb-Klauschs Fazit: „Wir sterben aus.“

Das Image des Buchhändlers, der als langweiliger, verstaubter, aussterbender und brotloser Beruf angesehen werde, sei dringend verbesserungsbedürftig. Buchhändler, so wünscht sich Schmidt-Friderichs, sollten für ihren Beruf verstärkt in die Offensive gehen. Das Vorurteil, in diesem Beruf keine Entwicklungschancen zu haben, müsse dabei als Erstes entkräftet werden.

Am mediencampus frankfurt | die schulen des deutschen buchhandels wurde eine über 250 Seiten starke Broschüre zu Aus- und Weiterbildung sowie Studium erarbeitet, ein Wegweiser für das Jahr 2010. Doch die gesamte Branche tue gut daran, ihr Image zu verbessern. Jeder sei dabei gefefordert.

Für Verlage machte Jürgen Horbach deutlich, dass hier weniger Probleme bestehen, offene Ausbildungsplätze oder Stellen zu besetzen, es gäbe genügend Hochschulabsolventen.

Der Beschluss, ein neues Berufsbild für Buchhändler zu erarbeiten und die Ausbildung zu forcieren, wurde einstimmig gefasst.

Im aktuellen Thema ging es wieder einmal um den Dauerbrenner libreka!. Der Sortimenterausschuss legte dazu ein schriftliches Statement vor, das Mayersche-Geschäftsführer Hartmut Falter erläuterte. Darin wird von den Verlagen gefordert, ihre Inhalte für libreka! zur Verfügung zu stellen. Buchhändler sollten die Plattform in ihre Webshops einbinden. Zwischenbuchhändler werden aufgerufen, mit libreka! zu kooperieren. Fachverlage, deren Geschäftsverhalten die Sortimenter aus dem Markt zu drängen droht, werden zur Zusammenarbeit ermahnt. Außerdem möchten die Sortimenter bei den libreka!-Themen DRM und Pricing aktiv mitwirken.

„Das Thema libreka! wurde bei uns sehr emotional diskutiert“, sagte Albrecht Hauff, Verlegerausschuss. Der vom letzten Branchenparlament formulierte Auftrag an libreka! wurde weitgehend umgesetzt, die Entwicklung sollte strategisch weitergeführt werden.

Ganz anders wird das Thema von den Zwischenbuchhändlern gesehen. Matthias Heinrich stellte die Frage: Ist libreka! angesichts der Mitbewerber und Branchenriesen nicht überflüssig? Die Entwicklung von libreka! zu einer starken Marke sei zweifelhaft.

In der anschließenden Diskussion gab es viel Für und Wider. Karl-Peter Winters zog das Fazit, dass sich libreka! als Plattform zur Volltextsuche und bezüglich des Contenthostings stabilisiert habe. Alles Weitere müsse geklärt werden.

Man verständigte sich auf eine Arbeitsgruppe, die nicht beim Vorstand des Börsenvereins, sondern bei den Vorständen der Fachausschüsse angesiedelt sein soll. Diese Arbeitsgruppe müsse unterschiedliche Interessen abgleichen und eine Entscheidung vorbereiten.

Das 5. Branchenparlament machte deutlich, dass sich gewaltige Umbrüche vollziehen. Vielleicht, so regte Jürgen Horbach an, sollten auch die Betätigungsfelder des Börsenvereins neu abgesteckt werden.

JF

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