
Das alle zwei Jahre stattfindende Frankfurter Literaturfestival literaTurm [mehr…] wurde gestern Abend standesgemäß in der 41. Etage des OpernTurms, der noch nicht offiziell eingeweiht wurde, eröffnet.
Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth begrüßte die zahlreichen Gäste und bedankte sich bei den Partnern und Förderern des 5. Festivals unter dem Titel radikal gegenwärtig, in dessen Mittelpunkt die Gegenwartsliteratur steht, die Prozesse in allen Bereichen mit unterschiedlichen Darstellungsformen seziert.
Auf dem Podium hatten Prof. Dr. Albrecht Koschorke, Universität Konstanz, die Autorin Katharina Hacker und Prof. Dr. Moritz Baßler, Universität Münster, Platz genommen, das Gespräch moderierte Dr. Hubert Winkels, Deutschlandfunk.
Ist Berlin zurzeit die gegenwärtigste Stadt Deutschlands? Katharina Hacker konnte Letzteres schwierig einschätzen. Doch hält sie die Hauptstadt, seit 1996 ist sie für die gebürtige Frankfurterin Lebensmittelpunkt, für groß genug, um in ihr leben und sterben zu können.
Auf ihr Romanprojekt und die Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag und den Wechsel zu S. Fischer angesprochen, sagte sie: „Ich liebe Suhrkamp und bin glücklich, bei S. Fischer in Frankfurt zu sein“. Die soeben bei S. Fischer publizierte Roman-Novelle Die Erdbeeren von Antons Mutter sei nicht die eigentliche Fortsetzung ihres Projekts, dessen erster Teil 2009 bei Suhrkamp unter dem Titel Alix, Anton und die anderen erschienen war.
Moritz Baßler fand den zweispaltigen Umbruch im ersten Buch schwierig und ist froh, den neuen – inzwischen neunten Titel der Autorin – wieder einspaltig gedruckt lesen zu können. Als radikal gegenwärtig würde er das Buch, von Katharina Hacker als „Brühwürfel“ symbolisiert, dessen verdichtete Konsistenz sich langsam auflöst, nicht bezeichnen. Diese Charakterisierung treffe eher auf den Film Avatar zu, der sich unwahrscheinlich schnell global verbreitete.
Ebenfalls nicht radikal gegenwärtig sei die Literaturwissenschaft, schätzte Albrecht Koschorke ein. So kann man beobachten, wie literarische Begriffe in anderen Wissenschaftsgebieten ganz selbstverständlich verwendet werden. Die Metaphorik hat sich von der Vorstellung eines Körpers zur Imagination eines Netzes gewandelt. Die semantische Verständigung ist meist eine Nachbereitung von Prozessen. Es stellt sich die Frage, ob das Erzählen zu spät komme.
Katharina Hacker las anschließend eine Passage aus ihrem jüngsten Buch.
„Gibt es einen postmodernen Realismus nach Zeiten der Formenspielerei – das ist die Frage des Festivals“, resümierte Hubert Winkels.
Katharina Hacker antwortete auf die Rezension ihrer Roman-Novelle: „Wir armen Romanautoren befinden uns zwischen Tatort und Konstrukt. Aber die Diskussion mit Literaturwissenschaftlern ist interessant, weil diese schärfer fokussieren.“
Albrecht Koschorke bilanzierte, dass das Veranstalter-Bemühen des diesjährigen Festivals, die Postmoderne los zu werden, nicht aufgehe. Zu beobachten ist, dass die Menschen zutiefst unbeheimatet in der Wirklichkeit sind, sich ingenieurtechnische und kulturelle Neigungen und Ansichten gegenüberstehen und die Frage aufwerfen, wie beides zusammengehen könnte.
Schließlich, so schätzte Hubert Winkels ein, spiele Literatur in der Gesellschaft nur eine marginale Rolle.
Kunst, fügte Moritz Baßler hinzu, kann alle Möglichkeiten durchspielen.
JF







