Er lehrt an der Akademie für Kunst und Design der Universität Tsinghua in Peking und gehört zu den renommiertesten Buchdesignern in China. Professor Lu Jingren tourt gerade mit einigen Kollegen und Studenten zwei Wochen lang durch Deutschland – auf der Suche nach schönen Büchern.
Ziel der Reise, die in Frankfurt begann und über Köln, Düsseldorf und die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 führte, ist es, Einblick in die deutsche Buchkunst zu bekommen. Zum Auftakt des Berlin-Besuchs der 12-köpfigen Delegation zog Lu Jingren gestern eine durchgängig positive Zwischenbilanz. Das Gutenberg Museum in Mainz, das Klingspor Museum in Offenbach und die Stiftung Buchkunst in Frankfurt, wo sich die Delegation im Gespräch mit Geschäftsführerin Uta Schneider von der Vielfalt der „Schönsten deutschen Bücher“ überzeugt hatte, nannte er als Favoriten.
Nun also Berlin. Die langjährige Buchherstellerin Renate Stefan hat die Tour in der Hauptstadt vorbereitet und begleitet die Delegation zwei Tage lang. Sie kennt Lu Jingren dank ihrer Workshops und ihrer Jurytätigkeit in Asien schon lange.
Bevor man sich nachmittags im Aufbau Verlag mit Geschäftsführer Tom Erben und dem kaufmännischen Leiter Ralf Alkenbrecher traf, führte am Vormittag Presseleiterin Ulrike Lippe durch die Geschichte des wissenschaftlichen Verlags De Gruyter und durch das denkmalgeschützte Gebäude an der Genthiner Straße.
Vor allem das ganze Spektrum des elektronischen Publizierens – von den Zukunftsperspektiven des Buches bis hin zu Geschäftsmodellen – interessierte die Delegation aus China, wo die Digitalisierung schneller voranschreitet als hierzulande. Deutschland habe eine lange Tradition der Buchkultur, betonte Lu Jingren, der beim Lesen auf den Geruch, das Anfassen, die Ästhetik eines Buches nicht verzichten möchte. „Jedes Buch hat einen eigenen Charakter“, brachte es der Designer auf den Punkt. Der Bildschirm, das Display bleibe hingegen immer gleich. Ganz beeindruckt sei er von Judith Schalanskys Atlas der abgelegenen Inseln (mare), das in diesem Jahr als eines der schönsten deutschen Bücher ausgezeichnet wurde.
Unterscheidet sich denn der europäische Maßstab für ein schönes Buch von dem chinesischen? In China, so Lu Jingren, habe man lange Zeit vor allem Wert auf den Buchumschlag gelegt. Ein schönes Cover reiche aber nicht. Auch das Layout zwischen den Buchdeckeln müsse durch Kreativität und Individualität überzeugen. Und dieser Aspekt, auch die Gesamtkonzeption eines Buches zu betrachten, sei vor allem im Dialog mit Gestaltern in Europa entstanden, so Jingren. „Dafür sind wir Renate Stefan und ihren Kollegen sehr dankbar.“
In den nächsten Tagen stehen unter anderem Besuche an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und an der Hochschule für Kunst und Design in Halle auf dem Programm.
ML