
Die traditionsreiche Sachbuch-Gesprächsrunde Streitfall – Autoren in der Kontroverse erlebte gestern im Literaturhaus Frankfurt ihre 44. Auflage, Kooperationspartner war wieder hr2-kultur.
Die Disputanten Martin Lüdke, Franziska Augstein und Micha Brumlik hatten einen streitlustigen Verleger Klaus Wagenbach zu Gast, die Gesprächsleitung übernahm in bewährter Weise Peter Kemper.
Klaus Wagenbachs Buch Die Freiheit des Verlegers, dieses Jahr in seinem Verlag erschienen, stand als erstes Sachbuch zur Diskussion. Der Autor selbst steht auf dem Standpunkt, dass unabhängige Verleger Verrückte sind. Dennoch machen viele von ihrer Freiheit nicht Gebrauch. „Wie oft hört man, dass solche Verlage kommerzielle Bücher produzieren müssen, um damit Lyrikbände zu finanzieren. Aber wo sind denn diese Lyrikbände?“, zitierte Klaus Wagenbach einen anderen Verleger, nämlich Michael Krüger. „Wir sind elf Leute im Verlag, fünf davon sind Lektoren. Die anderen Verlage haben das Kapital, wir die Zeit“, konstatierte Klaus Wagenbach.
Auf seine ereignisreiche Vergangenheit eingehend erwähnte er: „Ich bin vielfach vorbestraft.“ Beispielhaft nannte der Verleger den Tod Benno Ohnesorgs: „Kurras, der Ohnesorg tötete, wurde freigesprochen, ich wurde verurteilt, weil ich von Mord sprach!“ Ein anderes Mal wurde ein Kalender, herausgegeben vom Verlag Klaus Wagenbach, beschlagnahmt. Ehe die Beamten vor Ort das Lager räumen konnten, schickte Wagenbach die Kalender mit der Post an einen anderen Ort. „Der Postweg war das sicherste Mittel für Anarchisten“, schmunzelte er.
„Ich habe das Buch von Klaus Wagenbach mit außerordentlichem Vergnügen gelesen, weil er besser schreibt als mancher Schriftsteller“, bemerkte Franziska Augstein und fragte: „Ist die heutige Zeit besser als die der 1970er Jahre?“
Klaus Wagenbach antwortete mit einem Beispiel. In den 70er Jahren wurde man auf der Behörde angeschnauzt, wenn man einen Pass bestellen wollte und von Pontius zu Pilatus geschickt. Heute geht man ins Einwohnermeldeamt, wird freundlich behandelt und nett darauf hingewiesen, dass man spezielle Passbilder brauche, der Automat sei gleich dort vorne. Außerdem werden ebenso freundlich zwei Fingerabdrücke genommen. Was ist besser?
„Ich habe mich über Klaus Wagenbachs Buch geärgert!“, begann Martin Lüdke seine Einschätzung. „Geärgert, weil er keine Biografie geschrieben hat bei all dem, was er erlebt hat! Vieles hätte ich gerne ausführlicher gelesen.“
Klaus Wagenbach erläuterte daraufhin etwas zur Entstehung des Buches. Sein 80. Geburtstag stand bevor, mit Festschriften war zu rechnen. Doch die wollte der Verleger nicht. Seine Frau Susanne Schüssler schlug vor, Material zu sammeln, Klaus Wagenbach willigte ein, denn: „Wir haben ja kein Archiv!“ Doch die Sammler waren eifrig, so häufte sich zum Erstaunen des Verlegers einiges an. „Ich hatte Stephan Hermlins Buch Abendlicht, das 1979 bei uns erschienen war, im Hinterkopf. Er erzählte Geschichten. So wollte ich das auch machen, kein dickes Buch, das finde ich problematisch, und keine Details, so etwas mag ich nicht.“
„Mich überkam beim Lesen von Die Freiheit des Verlegers ein großes Gefühl der Rührung und der Nostalgie“, berichtete Micha Brumlik. „Das Buch ist eine Erinnerung an eine Bundesrepublik, die es nicht mehr gibt. Das alles ist 30 Jahre her!“
„Natürlich ist es ein Erinnerungsbuch, aber es gibt nach wie vor ein Bürgertum – und das sitzt gerade vor uns – das das Recht hat, Fragen nach dieser Zeit zu stellen“, antwortete Klaus Wagenbach. Martin Lüdke ergänzte, das Buch erinnere auch an das eigene Verhalten in jener Zeit.
In den meisten Rezensionen des Buches wurde Klaus Wagenbachs Grabrede für Ulrike Meinhof thematisiert. Darauf angesprochen erläuterte der Verleger, wie es zu dieser Rede kam und bekannte auch, dass ihm ein damals geäußerter Satz heute peinlich sei.
Eine Wandlung des „braven Linken“ Klaus Wagenbach erfolgte 1978. „Wir hatten uns übernommen“, schätzte der Verleger ein. Gab es Kontroversen im Verlag? „Ach wissen Sie, Streitigkeiten kriegte man damals kostenlos ins Haus geliefert“, antwortete Klaus Wagenbach. Seine Liebe zu Italien kam noch zur Sprache. Auch bei diesem Thema hatte der Italophile eine Antwort parat: „Europa hat Italien unendlich viel zu verdanken, das hätte Griechenland allein nicht geschafft. Man kann darüber in einer Bankenstatt natürlich ambivalent diskutieren.“
Das nächste Buch war Hannah Arendt/Gershom Scholem. Der Briefwechsel – 1939-1964, vor wenigen Wochen erschienen im Suhrkamp Verlag. „Es ist kein süffig zu lesendes Buch, wenn man in der Lage ist zu blättern, ist es jedoch beeindruckend“, urteilte Franziska Augstein. Klaus Wagenbach hatte sowohl Hannah Arendt als auch Gershom Scholem kennen gelernt. Martin Lüdke bedauerte, dass sich hier zwei befehden, die einander eigentlich nahe standen.
Als letztes Buch des 44. Streitfalls wurde Byung-Chul Hans Müdigkeitsgesellschaft, 2010 erschienen im Verlag Matthes & Seitz, behandelt. Martin Lüdke erläuterte, dass im Buch die These vertreten wird, dass jedes Zeitalter seine Leitkrankheiten habe. Wir leiden zurzeit an zu viel positiver Aktion. Mit Peter Handkes Versuch über die Müdigkeit, der im Buch zitiert wird, biete sich eine Lösung an.
Michael Brumlik bezeichnete den Text als “kulturkritisches Rumschwadronieren ohne empirischen Bezug“. Ein Reclam-Bändchen mit Schiller-Texten sei günstiger und es stehe mehr drin. Auch Franziska Augstein kritisierte das Buch als „Esoterik für Intellektuelle“. Als „echtes Karlsruher Erzeugnis“ bezeichnete Klaus Wagenbach das Bändchen, setzte jedoch hinzu: „Matthes & Seitz ist ein interessanter Verlag, dem Erfolg zu wünschen ist.“
Das Fazit zog Martin Lüdke. Es gäbe ein paar hübsche Bemerkungen, ein Gedanke wurde aufgegriffen, jedoch die Weiterführung desselben zu früh abgebrochen.
Fast zwei Stunden diskutierte die Runde sehr lebendig und unterhaltsam, angereichert durch viele Anekdoten aus dem Leben des Gastes Klaus Wagenbach, der ein unerschöpfliches Reservoir an Geschichten zu bieten hat.
JF