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Norbert Schaepe über deutsche Erfahrungen für kleine Auslandsmärkte

Norbert Schaepe (Foto) kennt sich an mehren Fronten in der Buchbranche bestens aus. Der langjährige Aufbau-Vertriebschef ist seit einigen Jahren als Verlagsberater mit Büros in Augsburg und Berlin tätig, sichtlich inzwischen auch im Ausland.

Erst kürzlich hat er in Slowenien bei der Veranstaltungsreihe „Publisher’s Academy“ einen Vortrag zum Thema „Bookselling in a saturated market – a German experience“ gehalten. Das war Anlass für unser Sonntagsgespräch.]

Herr Schaepe, Sie haben in Ljubljana in einer Versanstaltungsreihe „Publisher`s Academy“ einen

Norbert Schaepe war als
Referent in Ljubljana

Vortrag zum Thema „Bookselling in a saturated market – a German experience“ gehalten… Ist das in einem so kleinen Land ein Thema?

Norbert Schaepe: Und ob, Slowenien ist ja schließlich kein Entwicklungsland. Das Land hat etwa zwei Mio. Einwohner und einen blühenden Buchmarkt.

Wie kam es dazu?

Der Hintergrund für meine Einladung war mein Kontakt zur Agentur zur Promotion des slowenischen Buches „Slovenian Book Agency“ www.jakrs.si. Slavko Pregl, den Direktor, kannte ich aus der Motovun Gruppe. Der machte mich 2009 auf der Frankfurter Buchmesse mit Dr. Miha Kovac bekannt, der für die slowenische Buchmesse in Ljubljana diese Veranstaltungsreihe verantwortet.

Eine slowenische Buchmesse?

Ja, die Buchmesse www.knjiznisejem.si fand vom 1.-5. Dezember 2010 zum 26. Mal statt. Mit 122 Ausstellern war die slowenische Verlagsszene komplett vertreten. Gut 50.000 Besucher wurden gezählt.

Wie muss man sich das vorstellen?

Der Eintritt ist frei, an allen Ständen wird verkauft; damit ist diese Veranstaltung in der Vorweihnachtszeit gleichzeitig die größte und umsatzstärkste „Buchhandlung“ des Landes. Am Vormittag prägen Kinder und Jugendliche in Klassenstärke das Bild, am Nachmittag gibt es viele Veranstaltungen; vieles erinnert den deutschen Besucher an Leipzig, wo man sich offenbar einiges abgeschaut hat. Die Atmosphäre im Veranstaltungszentrum Cankarjev dom (beste Lage in der Innenstadt) erinnert allerdings mehr an die Leipziger Buchmesse vor dem Umzug auf das neue Messegelände.

Und was ist die Publisher`s Academy?

Das ist eine Veranstaltungsreihe mit internationalen Referenten für Fachbesucher. Es gab insgesamt vier Vorträge. Schwerpunkte waren die Herausforderungen für die Verlagsbranche durch elektronische Medien und die Rolle gerade „kleinerer“ Sprachen im internationalen Buchmarkt.

Und das interessiert wieviel Leute?

Bei meinem Vortrag war der Saal mit fast 100 Teilnehmern bis auf den letzten Platz belegt. Neben etlichen Buchhändlern und Verlagsmitarbeitern war offenbar aber auch der Studiengang für Verlags- und Bibliothekswesen der Universität Ljubljana fast vollständig vertreten.

Was konnten Sie denn den Kollegen dort beibringen?

Bei meinem Vortrag ging es zunächst um die Erläuterung der Strukturen der Buchbranche in Deutschland, die im internationalen Maßstab als hoch entwickelt gelten dürfen. Natürlich auch um die Konzentrationsprozesse bei Handel und Verlagen und damit um Überlebenskonzepte in einem sich rasch verändernden Markt (einschließlich E-Business). Besonderes Interesse gab es für unser Preisbindungssystem und die Bedeutung von Übersetzungen auf unserem Buchmarkt.

Hat das für so ein kleines Land wirklich eine Bedeutung?

Slowenien ist zwar ein kleines Land mit gerade 2 Mio. Einwohnern, aber mit einer recht guten Infrastruktur und einer größeren Wirtschaftsleistung als der Nachbar Kroatien mit 5 Mio. Einwohnern. Die Staatsverschuldung ist prozentual deutlich niedriger als in Deutschland und als Mitglied der Eurozone ist man derzeit stinksauer auf Griechenland und Irland. Man schaut offen und ziemlich selbstbewusst, ob und was man von Ausland lernen kann und wenn man etwas adaptiert, dann soll es vom Besten sein.

Was motiviert die Menschen da?

Originalton Slavko Pregl zur Frage, wozu es seine Agentur braucht: „Wenn wir heute nichts für unsere Sprache und damit auch für unsere Buchkultur tun, ist die Verkehrssprache hier in 50 Jahren Englisch!“ Die größte Buchhandlung von Ljubljana (Mladinska Kniga) in zentraler Lage in der Innenstadt macht immerhin einen Umsatz von 7 Mio. € und führt ca. 100.000 Titel, davon 40% in fremden Sprachen, überwiegend Englisch.

Ist das nicht sogar sinnvoll für die dort?

Nun, nationale Identität und Unabhängigkeit sind ja keine Frage der Größe oder der Wirtschaftlichkeit. In der europäischen Union gibt es etliche noch kleinere Länder. Es gibt einen breiten proeuropäischen Konsens und viele Zweisprachler im Lande, aber das Selbstbewusstsein hat maßgeblich mit der eigenen Sprache zu tun. Alle kulturellen Aktivitäten laufen also unter der Maßgabe, die nationale Identität zu bewahren. So wurden alle Vorträge der „Publisher’s Academy“ (bzw. die Charts der Präsentationen) vorher ins Slowenische übersetzt und simultan gezeigt.

Durch Klick auf das Foto zur Webseite von Norbert Schaepe; die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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