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Clemens Scheuch über den Medienwandel bei den Musikverlagen und sichere Absatzfelder

Seit letzter Woche ist Clemens Scheuch Mitglied der Geschäftsführung beim Bärenreiter Verlag [mehr…]. Im Interview erläutert er, wo die Märkte für die Musikverlage wachsen und welche Rolle die Digitalisierung spielt. Im aktuellem BuchMarkt-Heft lesen Sie, welche Umsatzchancen Musikalien für den Buchhandel bieten.

Clemens Scheuch

buchmarkt.de: Sie sind jetzt Mitglied in der Geschäftsleitung. Wie fühlt sich das an?
Clemens Scheuch Natürlich empfinde ich die neue Position als Anerkennung und Bestätigung meiner bisherigen Arbeit im Familienunternehmen. Die damit einhergehende neue Verantwortung ist eine große Herausforderung, der ich mich mit großer Freude stelle. Es ist dabei sicher ein großer Vorteil, dass ich in einem Verlegerhaus groß geworden bin und sowohl dort, aber vor allem in den letzten Jahren als ihr Assistent, viel von meinen Eltern lernen konnte. Darüber, dass ich auch künftig an ihrer Seite von ihrer Erfahrung profitieren kann, bin ich froh und dankbar.

Der Musikalienhandel hat deutliche Schwierigkeiten und ist längst nicht mehr flächendeckend vertreten. Wie sieht die Zukunft für Ihren Vertrieb aus?
Der Musikalienhandel unterliegt einem starken Wandel – die Zahl der stationären Händler nimmt stetig ab, die Konkurrenz durch große Internetanbieter wird immer härter. Für uns ist der Händler vor Ort nach wie vor unser wichtigster Partner. Nur so ist für den Endkunden eine fundierte Beratung und Orientierungshilfe gewährleistet. Allerdings muss der Handel auch mit der Zeit gehen, neue Kundengruppen ansprechen und die neuen Medien bedienen.

Musikalienverlage betreiben ein internationales Geschäft. Wo sind die Wachstumsmärkte und wie sehen Sie den Markt in Deutschland?
Die asiatischen Länder sind hier sicherlich an erster Stelle zu nennen. Die klassische Musik hat dort einen sehr hohen Stellenwert. Allerdings ist dort das Kopieren auch sehr weit verbreitet und es erfordert sehr viel Aufklärungsarbeit. In China stehen wir vor dem Problem, dass Händler, Bibliotheken und Institute immer noch nicht selber importieren dürfen, sondern alles über die staatlichen Agenturen laufen muss, wo man sich mit Musikalien überhaupt nicht auskennt. Der persönliche Kontakt ist hier enorm wichtig, die Vertriebsarbeit dementsprechend aufwändig, zeit- und kostenintensiv. Auch in Osteuropa und Russland verzeichnen wir erfreuliche Zuwächse, wobei auch dort Kopien weit verbreitet sind. Was den deutschen Markt angeht, so werden die nächsten Jahre sehr spannend werden. Wir werden den stationären Handel auch weiterhin dadurch unterstützen, dass wir Endkundenanfragen an ihn weiterleiten. Das setzt aber ein entsprechend flächendeckendes Handelsnetz voraus. Die bereits jetzt vorhandenen weißen Flecken auf der Landkarte stellen ein großes Potential für den Buchhandel dar. Zusammen mit anderen Verlagen versuchen wir dort die Angst vor der Musikalie zu nehmen und auf die Chancen aufmerksam zu machen.

Sie werden den Verlag mit durch eine Zeit führen, die vom Medienwandel bestimmt ist. Wie stark betrifft das die Musikalien im Vergleich zum Buch?
Gerade im Bereich der Pädagogik und der Spielliteratur können wir uns diesem Wandel nicht verschließen und müssen geeignete Wege und tragfähige Modelle finden. Der Kopierschutz spielt hier eine große Rolle, da der Nutzer nicht zu sehr eingeschränkt werden darf, eine illegale Verbreitung aber verhindert werden muss. Im Bereich der wissenschaftlichen Arbeit gibt es bereits jetzt einige sehr interessante Ansätze, die die Abläufe deutlich vereinfachen und eine größere Nachvollziehbarkeit zum Beispiel bei Herausgeberentscheidungen mit sich bringen würden. Gerade bei der Orchestermusik wird das Papier aber sicherlich nicht in den nächsten Jahren verschwinden. Neben dem Inhalt spielt die herstellerische Qualität hier eine sehr große Rolle.

Apropos Downloads: Wie gehen Sie mit illegalen Tauschbörsen um? Sind Abmahnungen international überhaupt leistbar?
Nein, international lässt sich dort rechtlich leider wenig erreichen. Es gibt kein internationales Urheberrecht, jedes Land hat hier seine eigenen Bestimmungen. Viele Anbieter weisen auch darauf hin, dass ein Download eventuell gegen die Bestimmungen des Landes, in dem der Nutzer sitzt, verstoßen kann. Aber solch ein Hinweis schreckt natürlich niemanden ab.

Welche Möglichkeiten gibt es dann?
Viel wichtiger als die juristische Verfolgung ist aber auch hier die Aufklärungsarbeit. Wenn man einfach nur eine Klaviersonate von Beethoven spielen möchte, kann man sich natürlich eine ungeschützte Ausgabe aus dem Netz laden, ungeschützt meint hier natürlich eine urheberrechtsfreie Ausgabe. Hat man aber einen gewissen Anspruch an die Noten und möchte den aktuellen Stand der Forschung nutzen, dann kommt man an den jeweiligen wissenschaftlich-kritischen Ausgaben der Verlage nicht vorbei. Werden diese dann aber illegal heruntergeladen, entzieht man nicht nur den Verlagen, sondern allen an der Entstehung Beteiligten die wirtschaftliche Grundlage.

Kopieren war ja schon immer ein Sorgenkind der Musikverlage. Wie kommen Sie damit zurecht?
Das Kopieren wird man nie vollkommen verhindern können, sonst würde man den ehrlichen Käufer zu sehr einschränken. Wie gesagt, ist die Aufklärungsarbeit hier sehr wichtig. Gerade die aktuelle Diskussion in den Medien um das Kopierverbot in Kindergärten zeigt dies wunderbar. Entgegen der häufigen Darstellung geht es den Verlagen ja nicht darum, dort das Singen zu verbieten, sondern durch entsprechende Vereinbarungen und Pauschalen das Kopieren in gewissen Grenzen zu erlauben, wie es zum Beispiel mit den allgemeinbildenden Schulen schon praktiziert wird. Auch die herstellerische Qualität unserer Ausgaben ist hier natürlich ein Vorteil. Wer hat denn nicht lieber eine vernünftig gedruckte und gebundene Ausgabe auf dem Notenpult liegen, als einen Haufen loser Kopien. Dennoch sind wir als Verlag natürlich auch gefordert Alternativen durch legale Downloads zu ermöglichen.

Wie könnten die aussehen?
Ein sehr gutes Beispiel aus dem Bereich der U-Musik ist der Onlineshop musicroom.com. Dort werden nicht nur gedruckte Noten angeboten, sondern auch Downloads von einzelnen Stücken, wobei es neben einer klassischen Preview auch ein Prelistening gibt. Ebenso ist es möglich zu transponieren. Das funktioniert nicht anhand eines einfachen Scans der Papierausgabe, sondern durch bestimmte Notensatzformate. Sofern der Notensatz aber nicht bereits digital vorliegt, sind diese Dateien nur sehr aufwändig zu erstellen. Auch ist so ein Modell nicht 1zu1 auf die ganze Bandbreite der klassischen Musik anwendbar, aber für Spielmusik durchaus denkbar.

Sie kümmern sich jetzt erst einmal um neue Medien. Wie sieht Ihr elektronischer Vertrieb schon jetzt aus?
Einen echten elektronischen Vertrieb haben wir derzeit noch nicht. In den letzten Jahren ging es vor allem darum innerhalb des Hauses die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen. Der größte Teil der Herstellung läuft nun digital und auch die Qualität der Artikeldaten hat sich enorm verbessert. Aber natürlich laufen intern entsprechende Vorbereitungen.

Man hört, dass Orchester vereinzelt schon vor Bildschirmen sitzen, ist das ein Weg in die Zukunft?
Erste Versuche gab es ja schon in den 80ern. Seit dem hat sich zwar einiges in der Entwicklung getan, aber es gibt bisher noch kein Lösung, die so sicher, unempfindlich und unkompliziert ist, wie das bedruckte Papier. Ein Display für den professionellen Orchestereinsatz muss mindestens A3 Überformat spiegelfrei darstellen können, es müssen Notizen und Eintragungen im Notenbild vorgenommen und das Umblättern so gesteuert werden können, dass es sich in den Bewegungsablauf des Musizierens einbindet. Auch die Anforderungen an die Stabilität und Performance des Betriebssystems sind sehr hoch. Bei Papiernoten braucht es nur einen Stift und Licht! Bis die Voraussetzungen erfüllt sind, wird noch einige Zeit vergehen und auch dann bleibt die große Frage, ob solche Lösungen auch von den Orchestermusikern angenommen werden. Die momentan vorhandenen Lösungen eignen sich meiner Meinung nach eher für den Hobbyeinsatz oder für Unterhaltungsmusik.

Wo sehen Sie neue Geschäftsfelder? Womit lässt sich da Geld verdienen?
Wir werden unser Programm stetig weiter ausbauen. Wir haben in den letzten Jahren einige sehr erfolgreiche neue Gesamtausgaben gestartet, die entsprechend für die Praxis ausgewertet werden. Daneben gibt es eine immer größer werdende Nachfrage nach leichter Spielmusik und nach Instrumentalschulen für Wiedereinsteiger. Eine große Herausforderung besteht auch darin für Kinder und Jugendliche den Einstig in das Singen oder Musizieren mit entsprechenden Ausgaben und Konzepten zu ermöglichen.

Mit anderen Worten die pädagogische Literatur bietet mit ihren Möglichkeiten noch sichere Absatzchancen?
Auf jeden Fall. Wir haben vor drei Jahren unsere eingeführten Streicher-Schulen von Egon Sassmannshaus, zum Beispiel „Früher Anfang auf der Geige / Bratsche / Cello“, mit denen seit den 70ern über eine halbe Millionen Kinder ihr Instrument erlernt haben, optisch und – zusammen mit seinem Sohn Kurt Sassmannshaus – inhaltlich überarbeitet. Das war ein voller Erfolg! Und mittlerweile bieten wir die Schulen auch in englischer Sprache an und erweitern das Konzept ständig um leichte Konzertliteratur. Material für den Einzelunterricht wird aber auch für andere Altersgruppen benötigt, von der musikalischen Früherziehung über die Generation 50+ bis hin zu den Senioren. Und im Bereich des Gruppenunterrichts bzw. des Klassenmusizierens ist die Nachfrage ebenso erfreulich groß. Und durch die neuen technischen Möglichkeiten ergeben sich gerade im Bereich der Pädagogik ganz neue Möglichkeiten.

Die Fragen stellte Matthias Koeffler

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