Die Internationale Tourismus-Börse Berlin (ITB) ist seit ihrer Gründung 1966 von kleinsten Anfängen zur weltweit größten Tourismusmesse herangewachsen. In diesem Jahr werden dort nun zum zehnten Male auch die ITB-BuchAwards vergeben.
Mit ihnen prämiert eine unabhängige Jury außergewöhnliche Veröffentlichungen zu aktuellen Themen, zu neuen Trends und zu Innovationen im Bereich Reise und Tourismus [mehr…]. In diesem Jahr wurde der Verleger Michael Müller mit einem solchen ITB-Buchpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Müller ist Jahrgang 1953, geboren in Ebermannstadt. Nach der Ausbildung zum Kfz-Mechaniker zog es ihn für einige Jahre nach Neuseeland und Ecuador. Dort begegnete er dem Reisejournalisten Martin Velbinger, mit dem er zusammen in Südamerika recherchierte – die Initialzündung für die berufliche Neuorientierung, die 1979 in die Gründung des eigenen Verlags einmündete.

Gerhard Beckmann: Eine seltene, hohe Ehrung…
Michael Müller: Ich war ehrlich gesagt etwas überrascht über diese Auszeichnung. Eigentlich würde man ja erwarten, dass dieser Preis an jemanden vergeben wird, der mit seinem Werk abgeschlossen hat und sich auf den Ruhestand vorbereitet. Ich fühle mich trotzdem geehrt und wünsche mir klammheimlich, dass in zwanzig Jahren „Version II“ dieses Preises auf mich wartet …
Gerhard Beckmann: Ihre Reise- und Wanderführer decken mittlerweile Europa fast komplett ab und widmen sich zunehmend auch anderen Kontinenten. Ihr Verlag ist damit zu einem der Marktführer auf diesem Gebiet im deutschsprachigen Raum geworden. Das stellt eine große Leistung dar, umso mehr, als Sie ja weder von der Herkunft noch von der Ausbildung her für eine Verlegerlaufbahn prädestiniert waren. Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Sie sich, aus dem kleinen Ort Ebermannstadt in der Fränkischen Schweiz stammend, für die große weite Welt interessieren?
Michael Müller: Die kleinstädtische Enge trieb das tapfere Schneiderlein in die große weite Welt, könnte man sagen. Ich stamme zwar aus einer Müllerfamilie, aber das berühmte Wanderlied ist ja leider aus der Mode gekommen. Ich schlage da schon etwas aus der Art.
Gerhard Beckmann: Nun führt Reisen an und für sich ja keineswegs direkt zum Verlegen von Reisebüchern. Und Sie haben, wenn ich recht unterrichtet bin, zunächst auch eher mit Schreiben über fremde Länder begonnen. Aber auch das kommt nicht von selbst, vor allem wenn man, wie Sie, schon die Realschule nicht abgeschlossen, sondern „geschmissen“ hat. Hat es in Ihrem Leben ein besonderes Ereignis oder etwa die Begegnung mit einem Reiseschriftsteller bzw. Reisebuchverleger gegeben, wodurch Ihr Interesse in diese Richtung gelenkt wurde?
Michael Müller: Der Zufall wollte es, dass ich 1976 in Quito/Ecuador auf Martin Velbinger traf, den deutschen Klassiker des Genres. Gemeinsam haben wir anschließend Chile, Argentinien und Griechenland recherchiert, mit Portugal und Südfrankreich sind dann meine eigenen Titel erschienen.
Gerhard Beckmann: Nun gab es damals natürlich schon viele erfolgreiche Reiseführer mit festem Konzept und Käufer- bzw. Leserkreis. Haben Sie mit denen konkurrieren können, oder wollten Sie mit Ihren eigenen Büchern von vornherein etwas anderes?
Michael Müller: Die Reiseführer von damals waren sehr kunsthistorisch orientiert und entstanden zum größten Teil am Schreibtisch. Ich hatte einen eher journalistischen Ansatz, wollte unmittelbar am Ort des Geschehens sein und vor allem auch all den praktischen Fragen nachgehen, um die sich die gängigen Reiseführer jener Zeit überhaupt nicht gekümmert haben: Wie reise ich an? Wie komme ich vor Ort von A nach B? Wo kann ich auch mit kleinem Budget gut essen, wo günstig übernachten, und, und, und … Also habe ich in mühsamer Kleinarbeit eine Masse an reisepraktischen Informationen gesammelt und aufgeschrieben. Die Sehenswürdigkeiten haben mich natürlich auch interessiert, aber eben nicht akademisch, sondern so, wie ich sie erlebt habe.
Gerhard Beckmann: Wie sind Sie dann selbst vom Autor zum Verleger avanciert?
Michael Müller: Mit Martin Velbinger hatte ich ein Toskana-Buch verabredet. Als das Manuskript fertig war, wollte er es nicht veröffentlichen – irgendetwas gefiel ihm nicht. Wie Sie sich vorstellen können, war ich alles andere als amüsiert und hatte im Grunde nur zwei Optionen: alles hinzuschmeißen oder das Buch selbst zu verlegen. Lange überlegen musste ich nicht: Ich wollte reisen und vom Bücherschreiben leben. Wenn nicht für einen anderen Verlag, dann eben in Eigenregie.
Gerhard Beckmann: Ein sehr mutiger Schritt. Was hat Ihnen dazu Mut gemacht? Der Markt war ja eigentlich von großen, etablierten Verlagen besetzt. Wie haben Sie hoffen können, gegen solche Konkurrenz auf- und ankommen zu können?
Michael Müller: Die Art, wie ich bzw. wir Reiseführer recherchiert bzw. geschrieben haben, kam insbesondere beim jungen Publikum an: Das wollte auf eigene Faust losziehen und brauchte jede Menge praktischer Informationen, die wir liefern konnten. Die etablierten Verlage konnten oder wollten da nicht mithalten. Zur eigentlichen Konkurrenz wurden deshalb zunächst eher weitere Selbstverleger, die damals auf den Plan traten – etwa Wolfgang Abel, der ein Jahr nach meinem Portugal-Debüt mit einem eigenen Band zum Thema herauskam. Mit ihm und anderen mussten sich meine Bücher messen lassen.
Gerhard Beckmann: Haben Ihre Reisebücher eine ganz besondere Qualität? Worin besteht der Unterschied zur üblichen Reisebuchliteratur?
Michael Müller: Wir versuchen, einen flüssigen und anspruchsvollen Schreibstil durchzuhalten, nicht zu „abgehoben“, aber auch nicht zu „flach“ zu sein. Außerdem wuchern wir natürlich mit unseren Tipps. Die waren von Anfang an keine Adress-Sammlungen, sondern kommentierte Empfehlungen, mit denen man wirklich etwas anfangen kann. Zwar beruht nicht mehr alles auf Eigenerfahrung – Sie können nicht in jedem Hotel übernachten oder jede Speisekarte von oben bis unten „runteressen“, aber wenn wir etwas empfehlen, dann ich es doppelt und dreifach abgesichert, etwa durch Gespräche mit Einheimischen oder Touristen vor Ort. Wir sind in dieser Hinsicht am Ende einfach authentischer.
Gerhard Beckmann: Der Käufer und Leser oder, hier in ungewöhnlich großem Maße, der Nutzer Ihrer Bücher, hat in Ihrem Verlag einen außerordentlich hohen Stellenwert. Wie wirkt sich das auf die Bücher aus?
Michael Müller: Wir bekommen extrem viele Rückmeldungen von unseren Lesern. Vieles, was sich zwischen den Auflagen vor Ort ändert, wird uns per Brief bzw. jetzt verstärkt per E-Mail mitgeteilt. Wir übernehmen diese Informationen natürlich nicht ungeprüft, aber sie geben uns Anhaltspunkte für die Nachrecherche. Alle unsere Autoren nehmen solche Leserhinweise ernst und gehen ihnen nach. Wir bleiben der kritische Filter, aber unsere Leser führen uns auf die richtige Fährte.
Gerhard Beckmann: Sie sind für Ihr Interesse an neuen technologischen Möglichkeiten und ihre verlegerische Anwendung bekannt.
Michael Müller: Technik und Computer haben mich immer schon interessiert. Als 14jähriger Bastler habe ich das erste Auto meines Bruders fahrtüchtig gemacht, einen – mit Verlaub – Schrott-VW-Käfer mit Seilzugbremsanlage. Heute schaue ich etwas eifersüchtig meinen iPhone-App-Programmierern über die Schulter und ärgere mich, dass ich nicht mit Entity-Frameworks und Dependency Interjections umgehen kann.
Gerhard Beckmann: Eines Ihrer ersten Verlagswerke haben Sie Ihrer Heimat gewidmet, der Fränkischen Schweiz. Es gewann Kultstatus und ist heute legendär.
Michael Müller: Es war für mich sehr schwierig, die altvertraute Umgebung zu beschreiben. Das halbfertige Buch blieb erst mal eine Weile liegen, bis zum Glück Hans-Peter Siebenzahl, heute Redakteur beim Handelsblatt, dazustieß und das Ganze als Gemeinschaftsprojekt beendet werden konnte. Bei den heimischen „Würdenträgern“ haben wir uns übrigens nicht sonderlich beliebt gemacht: Jede kritische Anmerkung wurde gewissermaßen als „Landesverrat“ gewertet. Inzwischen sieht man das alles gelassener, auch weil klar geworden ist, dass man dem Tourismus mit beschönigendem Prospektdeutsch keinen wirklichen Gefallen tut.
Gerhard Beckmann: Eines Ihrer jüngsten Verlagsprojekte betrifft wiederum die Fränkische Schweiz und geht neue Wege zur Förderung der Region.
Michael Müller: Die Fränkische Schweiz steckt seit längerem in einer Strukturkrise. In meiner Kindheit kamen Holländer, Berliner und viele Gäste aus Nordrhein-Westfalen, die sich für zwei Wochen einmieteten und ihren Jahrsurlaub dort verbrachten. Heutzutage sind es in der Hauptsache Wochenendtouristen aus dem Großraum Nürnberg-Erlangen, mit denen meist keine Übernachtungsumsätze mehr erzielt werden können. Deshalb mussten viele traditionelle Gasthäuser schließen, die, die übrig blieben, lieferten sich oft nur einen Preiswettbewerb um den billigsten Schweinebraten. Unter dem Motto „Franken isst besser“ versuchen wir, mithilfe eines selbstgeschaffenen Internet-Portals www.gscheitgut.de das Qualitätsbewusstsein auf Seiten der Gastronomen wie auch der Gäste zu schärfen. Das Hauptanliegen besteht allerdings darin, regionale Wirtschaftskreisläufe in Gang zu halten, damit traditionelle Anbaumethoden in der Landwirtschaft und auch kleine Herstellerbetriebe weiter existieren können. Auf unserer Webseite stellen wir jedes Wochenende ein paar spezielle Gerichte unserer Gastronomen zur Wahl.
Gerhard Beckmann: Sie nutzen auf eigene Weise die neuen elektronischen Möglichkeiten zum Wohle Ihres Publikums. Buchhändler beobachten diese Tendenzen nicht selten mit Misstrauen, in der Befürchtung, sie könnten den Sortimentern Geschäfte wegnehmen und schaden. Wie wichtig ist der Buchhandel für Sie heute?
Michael Müller: Wir machen bestimmt 98 Prozent unserer Umsätze über den Buchhandel, das Industriegeschäft mit Reiseveranstaltern spielt praktisch keine Rolle. In zunehmendem Maße werden unsere Titel allerdings über die großen Internetbuchhändler verkauft. Ob elektronische Reiseführer einmal das gedruckte Buch ablösen werden, steht in den Sternen. Ich wünsche unseren Reisebuchverlegern jedenfalls nicht, in eine Situation zu geraten wie die Kartografie-Betriebe, die im Zuge des Erfolgs der Navigationsgeräte mächtig Federn lassen mussten.
Gerhard Beckmann: Könnte der Buchhandel sich in stärkerem Maße als bisher in die neuen technologischen Entwicklungen einbinden und mehr von ihnen profitieren? Auch im Interesse seiner Kunden?
Michael Müller: Das elektronische und das gedruckte Buch werden nebeneinander existieren und wechselseitig Kaufanreize ausstrahlen.